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Die Kunst des Fliegens

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    Zitat von Jannes Beitrag anzeigen

    Interessant, wie nahe unsere Erfahrungen sich da sind. Sich wert fühlen, so erinnere ich mich, habe ich immer damit verbunden, gebraucht zu werden und für jemanden einen Sinn zu erfüllen. Es sind und waren nur meine Eltern, für die ich da bin/ existent bin. Mit Angst und Verunsicherung habe ich die letzten Jahre beobachtet, wie meine Funktion dahin schwindet. In einem "Kampf", der sehr unangenehm war, hatte ich es zunächst geschafft, dauerhaft auszuziehen und gelernt, damit zurecht zu kommen und irgendwann zufrieden zu sein. Doch dieser Schritt war im Vergleich zu dem Kampf jetzt einfach, weil sich meine Situation zunächst spürbar dadurch für mich verbesserte. Gar nicht einfach war, dass meine Eltern mich immer weniger brauchten. Wahrscheinlich ist es ein Trugschluss (Illusion...), dass ich glaube, es bräuchte mich, damit sie ihre Dinge geregelt bekommen. Als sie vor einigen Jahren das Ende ihrer Privatinsolvenz erreichten und darüber natürlich froh und glücklich waren, ist für mich eine Welt zusammen gebrochen. Das war wie ein Rauswurf. Ich fühlte mich wie eine leere Flasche lebenswichtiger Medizin. Der Patient war gesund, die Medizin hatte geholfen, aber die Flasche war leer. Ich hatte keinen Ansatzpunkt mehr in meiner Familie, was zum nächsten Problem führte: Wie soll ich mit ihnen umgehen, außer sie bei ihren täglichen Problemen zu beraten. Ich habe sie ja nie anders kennengelernt und noch heute kann ich mich nicht wirklich mit ihnen unterhalten, daher gehe ich auch kaum alleine hin und wenn, mit einem sehr eng gesteckten Zeitrahmen. Mit anderen Menschen kann ich umgehen, das habe ich inzwischen gelernt, auch wenn ich mich ziemlich unbeholfen dabei angestellt habe. Aber meine Eltern haben ein Loch hinterlassen, sagen wir lieber einen riesen Krater, sicher die Leere, die du zum Schluss ansprichst.
    Wow, Jannes, du hast einiges erkannt und es wirklich mit brutaler Klarheit formuliert. Für dich war es keine Freude, als deine Eltern ihre Insolvenz hinter sich hatten, weil sie dich nicht mehr brauchten.

    Es mag seltsam klingen, aber was du beschreibst, könnte von einer Mutter sein, die Angst davor hat, ihre Kinder loszulassen. Die Angst davor hat, daß ihr Leben jetzt leer und womöglich sogar sinnlos wird, wenn die Kinder ihre ersten Schritte in die Selbständigkeit machen.

    Ich denke, das kann man vergleichen, denn deine Lebensaufgabe war es lange genug, dich um deine Eltern zu kümmern. Eigentlich solltest du jetzt die Korken knallen lassen und feiern, daß sie endlich "erwachsen" sind und ihre eigenen Wege gehen. Du kannst es nicht, weil du niemals etwas anderes gelernt hast. Du bist darauf programmiert, dein Leben ausschließlich an deinen Eltern auszurichten.

    Ich kenne auch, was du beschreibst. Dieses gezwungene miteinander sprechen, obwohl man sich eigentlich gar nichts zu sagen hat. Da gibt es soviel, was man nicht aussprechen darf, weil sie es nicht hören wollen und das schränkt den Gesprächsstoff eben stark ein.

    Ich habe noch eine Frage an dich. Wenn du etwas vorhast, denkst du dann "was würden meine Eltern/meine Mutter dazu sagen"?

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      Zitat von Pitti Beitrag anzeigen
      Jannes, es ist mir gerade eine große Freude, mich mit dir zu "unterhalten" und auf mögliche "Bedeutungen" zu schauen. Ich danke dir dafür

      Dein oben zitierter Satz ist so eine "Fundgrube" des "was es auch bedeuten kann" für mich.

      Ich denke dazu: Was du dir an Menschen und Dingen ins Leben ziehst, lässt mich Rückschlüsse ziehen, was dir etwas bedeutet, dir "wert" und wichtig ist, und in meiner Sicht betrifft es sehr wohl dich direkt, à la: Du bist Teil dessen, was in deinem Leben ist. Zu deinem Freund, deinen Tieren, deinem Heim hast du irgendwann "ja" gesagt, ihr seid mir wertvoll, mit euch möchte ich sein. Nicht vordergründig "Das habe ich", eher "ihr seid mit/bei mir"... So macht sich für mich Wert nicht an Dingen fest, es zeigt vielmehr, womit du gern "bist".
      Ich danke euch allen hier auch ganz herzlich für eure Beteiligung, eure Beiträge und eure Anteilnahme
      Ihr rollt hier gerade einen riesen Fitz mit mir auf. Einfach irgendwo dran ziehen und hoffen, dass er sich löst, hat leider nicht funktioniert.

      Ich verstehe jetzt, was du meinst und natürlich hast du recht, wieso habe ich das nicht gesehen?

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        Zitat von Chrysothemis Beitrag anzeigen
        Es mag seltsam klingen, aber was du beschreibst, könnte von einer Mutter sein, die Angst davor hat, ihre Kinder loszulassen. Die Angst davor hat, daß ihr Leben jetzt leer und womöglich sogar sinnlos wird, wenn die Kinder ihre ersten Schritte in die Selbständigkeit machen.

        Ich denke, das kann man vergleichen, denn deine Lebensaufgabe war es lange genug, dich um deine Eltern zu kümmern. Eigentlich solltest du jetzt die Korken knallen lassen und feiern, daß sie endlich "erwachsen" sind und ihre eigenen Wege gehen. Du kannst es nicht, weil du niemals etwas anderes gelernt hast. Du bist darauf programmiert, dein Leben ausschließlich an deinen Eltern auszurichten.

        Ich kenne auch, was du beschreibst. Dieses gezwungene miteinander sprechen, obwohl man sich eigentlich gar nichts zu sagen hat. Da gibt es soviel, was man nicht aussprechen darf, weil sie es nicht hören wollen und das schränkt den Gesprächsstoff eben stark ein.

        Ich habe noch eine Frage an dich. Wenn du etwas vorhast, denkst du dann "was würden meine Eltern/meine Mutter dazu sagen"?
        Ich finde nicht, dass das seltsam klingt, denn genauso fühle ich mich. Es ist erschreckend, dass das dahinter steckt, dieser ganz Schmus mit meinen Eltern. Das liegt schon Jahre zurück. Was habe ich die ganze Zeit eigentlich gemacht? Es ist nicht so, als würde ich denken, dass alles falsch ist, was ich seither angepackt habe. Aber blind durch die Gegend zu laufen und sich voran zu tasten ist beschwerlich - auf der Suche nach etwas, wovon ich nicht weiß, was es ist in der Hoffnung, es zu finden und glücklich zu werden.

        Was meinst du mit "etwas vor haben"? Ein Haus kaufen, ein Kind bekommen?

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          Zitat von Jannes Beitrag anzeigen
          Ich finde nicht, dass das seltsam klingt, denn genauso fühle ich mich. Es ist erschreckend, dass das dahinter steckt, dieser ganz Schmus mit meinen Eltern. Das liegt schon Jahre zurück. Was habe ich die ganze Zeit eigentlich gemacht? Es ist nicht so, als würde ich denken, dass alles falsch ist, was ich seither angepackt habe. Aber blind durch die Gegend zu laufen und sich voran zu tasten ist beschwerlich - auf der Suche nach etwas, wovon ich nicht weiß, was es ist in der Hoffnung, es zu finden und glücklich zu werden.

          Was meinst du mit "etwas vor haben"? Ein Haus kaufen, ein Kind bekommen?
          Eigentlich egal was für ein Vorhaben. Ich denke leider noch immer häufig "was würde sie jetzt dazu sagen" und das ist nervend. Vielleicht aber auch nur wegen der Nähe?

          Ich glaube, ich weiß genau was du meinst. Die Aufgabe wurde dir weggenommen und jetzt irrst du umher und suchst einen Weg die alte oder eine neue Aufgabe zu bekommen. Du bist aber auf eine bestimmte Aufgabe programmiert, deswegen suchst du nur danach und denkst, nur diese eine Aufgabe sei wertvoll. Und ohne diese Aufgabe bist du wertlos, fühlst dich innerlich leer und suchst verzweifelt nach einem Ausweg.

          Wenn ich jetzt wüßte, wie man sich von dieser Aufgabe (eigentlich Lebensaufgabe, oder Lebenszweck) befreit, wären wir beide ein großes Stück weiter.

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            Zitat von Chrysothemis Beitrag anzeigen
            Eigentlich egal was für ein Vorhaben. Ich denke leider noch immer häufig "was würde sie jetzt dazu sagen" und das ist nervend. Vielleicht aber auch nur wegen der Nähe?

            Ich glaube, ich weiß genau was du meinst. Die Aufgabe wurde dir weggenommen und jetzt irrst du umher und suchst einen Weg die alte oder eine neue Aufgabe zu bekommen. Du bist aber auf eine bestimmte Aufgabe programmiert, deswegen suchst du nur danach und denkst, nur diese eine Aufgabe sei wertvoll. Und ohne diese Aufgabe bist du wertlos, fühlst dich innerlich leer und suchst verzweifelt nach einem Ausweg.

            Wenn ich jetzt wüßte, wie man sich von dieser Aufgabe (eigentlich Lebensaufgabe, oder Lebenszweck) befreit, wären wir beide ein großes Stück weiter.
            Das hält sich in Grenzen, eine Bewertung durch meine Mutter brauche ich nicht und will ich nicht. Schon eher habe ich ein schlechtes Gewissen, wenn ich glaube, es besser als sie zu haben. Es kann gut sein, dass du dem durch die Nähe zu deiner Mutter ausgesetzt bist.

            Ich war mutig genug einfach weiter zu machen nach dem "Loch". Aber man kann kaum den richtigen Weg finden, wenn man eigentlich nicht weiß, wo es hingehen soll. Ich kann von Glück sprechen, dass das, was ich tue und wie ich lebe, wahrscheinlich auch nach einer Neu-Bewertung noch passen würde. Genauso gut kann man sich bei sowas auch verirren.

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              Zitat von Jannes Beitrag anzeigen
              Das hält sich in Grenzen, eine Bewertung durch meine Mutter brauche ich nicht und will ich nicht. Schon eher habe ich ein schlechtes Gewissen, wenn ich glaube, es besser als sie zu haben.
              Das irritiert mich. Ich muß zugeben, es irritiert mich sogar sehr. Es mag u.U. Gründe dafür geben, einer solchen Mutter zu verzeihen, bzw. den Haß auf sie aufzugeben, aber, geht das soweit, daß man ein schlechtes Gewissen hat, weil man denkt, man hätte es besser?

              Ich meine, du mußt sie ja nicht hassen, aber warum empfindest du Schuld? Wäre diese Schuld nicht besser bei ihr aufgehoben?

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                Ich habe ihr nicht verziehen und Hass gibt es immer mal wieder. Schuldgefühl passt zu meiner "Rolle", die ich nach wie vor als unzureichend erfüllt sehe. Das ist das, was ich fühle, ich weiß natürlich, dass es nicht meine Aufgabe ist.

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                  Und auch nicht deine Schuld.

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                    Zitat von Jannes
                    Ich kann von Glück sprechen, dass das, was ich tue und wie ich lebe, wahrscheinlich auch nach einer Neu-Bewertung noch passen würde. Genauso gut kann man sich bei sowas auch verirren.
                    Es gibt da einen Spruch:
                    "Wenn du suchst und nicht weisst wonach, hör auf zu suchen und warte bis "es" dich findet."

                    Ich weiss nicht mehr, es könnte aus der Zen-Ecke kommen und es hat was.

                    Manchmal suchen wir krampfhaft, verbissen und mit großen Energieverbrauch nach "etwas", wovon wir eigentlich nicht genau wissen was es ist. Wir "fühlen" es zwar, können es jedoch nicht benennen. Das ist anstrengend und kann Menschen mitunter zur Verzweiflung bringen ... besonders, wenn der Mensch "es" so dringend braucht.
                    Irgendwann macht Entmutigung sich breit und der Mensch fragt sich resignierend was das eigentlich soll. Vielleicht kommen solche Gedanken wie: Ich bin es sicherlich nicht wert, ... es ist mir nicht vergönnt, ... ich habe es nicht verdient ... und dergleichen "sich selbst abwertende" Gedanken mehr.

                    Letztendlich gibt der Mensch die Suche auf ... und dann "fliegt "es" ihm manchmal buchstäblich einfach so zu.
                    Ein Wunder? Nein, man könnte höchstens sagen, dass der Mensch bei seiner Suche "überfokussiert" war und in seinem verbissenen und verzweifelten Suchen "vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sah".

                    Manchmal liegt das Gesuchte genau vor unserer Nase, doch wir sehen es nicht, weil wir darüber hinwegschauen. Aber es ist da, wir können es spüren.

                    Spürst du es ?

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                      Zitat von Shepherd Beitrag anzeigen
                      Spürst du es ?
                      Ich weiß, dass ich nach etwas suche und dass mir etwas fehlt und ich mich leer fühle. Irgendwo fühle ich, was es sein könnte, aber ich merke nicht, ob es da ist.

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                        Zitat von Jannes Beitrag anzeigen
                        Ich habe ihr nicht verziehen und Hass gibt es immer mal wieder. Schuldgefühl passt zu meiner "Rolle", die ich nach wie vor als unzureichend erfüllt sehe. Das ist das, was ich fühle, ich weiß natürlich, dass es nicht meine Aufgabe ist.
                        Das hört sich gesund an. Ich bin auch nicht voller Hass, manchmal bin ich wütend, aber hassen ist es nicht. Verzeihen ebenfalls nicht, denn wenn nicht um Verzeihung gebeten wird, wie soll man dann verzeihen. Das wäre irgendwie vermessen, im Sinne von - du bittest zwar nicht um Verzeihung (vermutlich machst du dir darüber nicht mal Gedanken), aber ich vergebe dir trotzdem (weil ich ein so guter Mensch bin).

                        Meinst du die "Rolle", die dir aufgezwungen wurde, oder eine, die du dir selbst geben möchtest?

                        Ich hab gerade eine etwas schräge Idee. Wie wäre es, einen "Vertrag" zu schreiben, in dem genau steht, was die Aufgaben der "Rolle" sind und diesen Vertrag dann so umzuschreiben, daß er zu deinen Gunsten ausfällt. Den Paragraphen mit den Schuldgefühlen kannst du ersatzlos streichen .

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                          Zitat von Chrysothemis Beitrag anzeigen
                          Das hört sich gesund an. Ich bin auch nicht voller Hass, manchmal bin ich wütend, aber hassen ist es nicht. Verzeihen ebenfalls nicht, denn wenn nicht um Verzeihung gebeten wird, wie soll man dann verzeihen. Das wäre irgendwie vermessen, im Sinne von - du bittest zwar nicht um Verzeihung (vermutlich machst du dir darüber nicht mal Gedanken), aber ich vergebe dir trotzdem (weil ich ein so guter Mensch bin).
                          Das Verzeihen sollte man den Göttern überlassen.
                          Wenn nicht: um jemand "zu verzeihen", braucht es keine Bitte. Man tut es aus freien Stücken, sozusagen aus dem moralischen Verständnis heraus, oder man tut besser daran, es der Ehrlichkeit halber bleiben zu lassen.

                          Die Frage: "Kannst du mir verzeihen?" wird gerne mit einem "Ja" beantwortet. Dieses "Ja" sagt jedoch nur aus, dass man es "kann". Ob man es wirklich tut, weiss nur derjenige, der "Ja" gesagt hat.
                          Im Hintergrund lauert der Zwiespalt: "Verzeihen kann ich, vergessen nicht."

                          Bei mir heisst es ganz einfach: "Schwamm drüber". Das ist weniger moralisch angehaucht.

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                            Zitat von Chrysothemis Beitrag anzeigen
                            Das hört sich gesund an. Ich bin auch nicht voller Hass, manchmal bin ich wütend, aber hassen ist es nicht. Verzeihen ebenfalls nicht, denn wenn nicht um Verzeihung gebeten wird, wie soll man dann verzeihen. Das wäre irgendwie vermessen, im Sinne von - du bittest zwar nicht um Verzeihung (vermutlich machst du dir darüber nicht mal Gedanken), aber ich vergebe dir trotzdem (weil ich ein so guter Mensch bin).

                            Meinst du die "Rolle", die dir aufgezwungen wurde, oder eine, die du dir selbst geben möchtest?

                            Ich hab gerade eine etwas schräge Idee. Wie wäre es, einen "Vertrag" zu schreiben, in dem genau steht, was die Aufgaben der "Rolle" sind und diesen Vertrag dann so umzuschreiben, daß er zu deinen Gunsten ausfällt. Den Paragraphen mit den Schuldgefühlen kannst du ersatzlos streichen .
                            Ich meine die Rolle, die mir scheinbar in die Wiege gelegt wurde.
                            Das mit dem Vertrag klingt nicht schlecht, derzeit will ich aber von Verträgen nichts wissen

                            Ich glaube nicht, dass ich verzeihen kann, bislang nicht. Das zeigen die Wut und der Hass. Keine Ahnung, ob das irgendwann mal anders sein wird. Ehrlich gesagt gehört das nicht zu meinen Zielen.

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                              Wert, ich bin immer noch bei dem Thema.
                              Dürfen mir andere mehr wert sein als ich selbst? Vielleicht nicht immer, aber ist es nicht plausibel, dass ich vereinzelte Personen, deren Wert, deren Wohlbefinden, wichtiger finde, als mein eigenes und es meinem eigenen überordne?
                              Ist Aufopferung nicht auch eine wertvolle Eigenschaft, eine Einstellung?

                              Was mein Lächeln in unangebrachten Situationen betrifft, so habe ich das in letzter Zeit verstärkt bemerken können. Leider auch, weil es vermehrt Situationen gab, in denen ich es mir hätte verkneifen sollen.
                              Zu Hause ist es hingegen derzeit ganz anders. Ich will nicht sagen, dass hier Eiseskälte herrscht, aber ich übe ganz bewusst in bestimmten Situationen nicht zu lächeln. Leider bin ich dadurch derzeit ziemlich ernst.

                              Überhaupt muss ich etwas zu meiner aktuellen Wahrnehmung schreiben. Die Wolke verschwindet allmählich, der Nebel, die Watte, es wird weniger. Es ist wieder, wie aus einem Traum zu erwachen. Es gibt Momente, da bin ich plötzlich ganz da, völlig bei mir im Hier und Jetzt und alles ist auf einmal sehr real und greifbar. So ging es mir heute wieder und mir wurde plötzlich bewusst, dass nicht nur ich die anderen klar sehe, sondern sie auch mich klar sehen. Alles, was ich tue, wie ich mich verhalte. Schwupps war da ein Verlegenheitslächeln. Schnell habe ich überprüft, ob alles, was ich tue, so in Ordnung ist. Wieder ist es so, als würde ich plötzlich in einer Situation erwachen, in der ich mich nicht erwartet hätte, in einer Position, von der ich überlege, ob ich sie überhaupt ausfüllen kann. Dann erscheint mir mit einem Mal die Tatsache, dass das Gegenüber mir seine Aufmerksamkeit schenkt, völlig verquer. Wieso hört der Andere mir zu? Wieso nehmen die für bare Münze, was ich denen erzähle? Mir wird plötzlich die Verantwortung klar, die ich trage. Alles, was ich sage, wird vom Anderen aufgenommen, möglicherweise weiter getragen, nur weil ich glaube, mich in der Position zu befinden, davon Ahnung zu haben. Mir ist klar, dass ich mich in diesem Moment wieder in Frage stelle. Bin ich gut genug dafür? Wieso nehmen die anderen mich ernst - immerhin tue ich es selbst kaum.
                              Was passiert in diesen Momenten? Wir haben hier die vorherigen Seiten an irgendeiner Stelle mal darüber geschrieben, dass authentisch sein bedeutet, nicht nur eine Rolle zu spielen. Mir fiel heute auf, dass es das ist, woraus ich dann wahrscheinlich erwache: Aus einer Rolle und plötzlich bin ich vollständig anwesend. Mir wird klar, dass ich da nicht nur mit einem Auftrag, einer Aufgabe bin und dort „Zeit rumbringe“ (das tue ich auch nicht, meine Arbeit ist schon viel mehr als das). Ich bin tatsächlich nicht nur mit einem Teil von mir dort, sondern es gibt mich auch dort ganz!
                              Das verunsichert mich, ich fühle mich „beobachtet“, auf dem Prüfstand. Im Grunde hat sich von den äußeren Bedingungen ja nichts verändert, ich mache das nun schon eine ganze Weile und ich weiß auch, dass es ja offensichtlich funktioniert.
                              Ich weiß nicht, ob deutlich wird, was ich zu sagen versuche. Daher ein Vergleich: Ich bin Brillenträgerin und es gab eine Zeit in der Jugend, da habe ich sie einfach gerne abgesetzt, weil ich dadurch weniger gesehen habe. Ich fühlte mich weniger beobachtet. Mit Brille (ich bin kurzsichtig und sehe ohne nicht wirklich viel ) sah ich die Blicke der anderen, die für mich abschätzig waren, kritische Blicke, womöglich musste ich mich damit auseinander setzen. Es ist, als hätte ich die ganze Zeit einen Großteil meiner Welt ausgeblendet und nun schimmert immer wieder etwas durch, was mir dann, weil es mit so einer Wucht passiert, sehr unangenehm ist und mich im schlimmsten Fall wieder in den Nebel reinreißt.


                              Müsste ich beschreiben, wie ich die Welt sehe, dann würde ich es am ehesten mit einem Traum vergleichen. Wenn man den erinnert oder sich auch selbst im Traum befindet, so ist es auch eher verwaschen, unklar, undeutlich und ich handle einfach nur. Ich beobachte, was im Traum passiert und bin eher Zuschauer (es sei denn, ich habe einen luziden Traum, dann natürlich nicht). Oder es lässt sich auch gut vergleichen mit einer Erinnerung: Ich kann wiedergeben, was passiert war, aber die Erinnerung verblasst, je älter sie ist. Einiges bleibt dabei auf der Strecke. Oder dritte Deutung: ein Zustand der Berauschung, das trifft es ziemlich gut. Verlangsamung der Wahrnehmung, des Denkens und vor allem Einschränkung.
                              Nun frage ich mich erneut: Nehmen alle ihre Welt so klar war, wie ich in diesen „Wachmomenten“? Ist das nicht verstörend? Ich frage mich, wie sich das ertragen lässt.

                              Und zu guter letzt: Klar ist es leichter, sich wieder in den Nebel zu begeben, warum auch nicht. So sieht man sich nicht mit all diesen Problemen konfrontiert, die hier überall lauern. Und immerhin hat es bislang ja auch funktioniert. Selbstverständlich kann man das als Abwehrmechanismus einordnen, Verdrängung. Aber ist das nicht auch immer etwas kurz gegriffen, in dieser Logik zu argumentieren? Muss ich mich denn tatsächlich damit auseinandersetzen?

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                                Zitat von Jannes Beitrag anzeigen
                                Wert, ich bin immer noch bei dem Thema.
                                Dürfen mir andere mehr wert sein als ich selbst? Vielleicht nicht immer, aber ist es nicht plausibel, dass ich vereinzelte Personen, deren Wert, deren Wohlbefinden, wichtiger finde, als mein eigenes und es meinem eigenen überordne?
                                Ist Aufopferung nicht auch eine wertvolle Eigenschaft, eine Einstellung?
                                Grundsätzlich wird dir niemand verbieten andere wertvoller als dich selbst zu finden. Warum auch.
                                Und es wird immer Situationen im Leben geben, in denen man das Wohlbefinden anderer über das eigene Wohlbefinden stellt. Spätestens wenn man ein Baby hat, ist das nicht die Ausnahme sondern die Regel.
                                Aber ich finde es sollte keine Grundeinstellung sein. Selbst in der Bibel steht: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.
                                Da steht nicht: Liebe deinen Nächsten mehr als dich selbst.
                                Was lässt dich glauben dass "Aufopferung" eine wertvolle Eigenschaft ist? Hast du ein Beispiel? Ich habe mit diesem Begriff meine Probleme, ich ordne ihn eher negativ ein.

                                Zitat von Jannes Beitrag anzeigen
                                Was passiert in diesen Momenten? Wir haben hier die vorherigen Seiten an irgendeiner Stelle mal darüber geschrieben, dass authentisch sein bedeutet, nicht nur eine Rolle zu spielen. Mir fiel heute auf, dass es das ist, woraus ich dann wahrscheinlich erwache: Aus einer Rolle und plötzlich bin ich vollständig anwesend.
                                Nein ich glaube nicht dass du aus einer Rolle erwachst. Du bist, wenn du dich wie in Watte fühlst, auf Autopilot und hast Teile von dir abgeschaltet. Das sind Schutzfunktionen die sich bei dir irgendwann ausgebildet haben. Je gesünder du wirst, desto weniger wirst du sie benötigen.
                                Menschen die diese Schutzfunktion nicht haben/brauchen können trotzdem wenig authentisch sein.

                                Ich halte mich für ziemlich authentisch. Trotzdem spiele ich auch Rollen. Ich passe mich meiner jeweiligen Umgebung an. Mit meinen Kindern spreche ich anders, als mit meinem Chef. Der Unterschied zu wenig authentischen Menschen besteht meiner Meinung nach darin, das ich mich nicht verliere. Und mir sind diese "Rollen" auch bewusst. Zudem gibt es eine klare Grenze. Ich verleugne mich nicht.

                                Nochmal zurück zu dem Gefühl alles wie in Watte gepackt zu erleben. Diese Schutzfunktion ermöglicht es dir weiterzumachen. Du blendest viel aus, damit du im Alltag funktionierst. Würdest du das nicht tun, würdest du vermutlich zusammenbrechen. Wenn der Schleier sich dann hebt, ändert sich lediglich deine Wahrnehmung. Die anderen Menschen um dich herum müssen dich schon sehr gut kennen um einen Unterschied zu bemerken.

                                Zitat von Jannes Beitrag anzeigen
                                Und zu guter letzt: Klar ist es leichter, sich wieder in den Nebel zu begeben, warum auch nicht. So sieht man sich nicht mit all diesen Problemen konfrontiert, die hier überall lauern. Und immerhin hat es bislang ja auch funktioniert. Selbstverständlich kann man das als Abwehrmechanismus einordnen, Verdrängung. Aber ist das nicht auch immer etwas kurz gegriffen, in dieser Logik zu argumentieren? Muss ich mich denn tatsächlich damit auseinandersetzen?
                                Wenn du immer im Nebel herumläufst dämpft das deine negativen Gefühle, es dämpft aber auch deine positiven. Es ist dann alles grau in grau. Möchtest du so ein Leben? Vermutlich nicht.
                                Außerdem solltest du noch etwas bedenken. Man gibt solcherlei an seine Kinder weiter. Genauso wie deine Mutter dich mit ihren Problemen "geprägt" hat, wirst du deine Kinder mit deinen Problemen "prägen". Deshalb kann ich nur jeder Frau raten Schwerwiegendes anzugehen, bevor sie Kinder bekommt.

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