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Die Kunst des Fliegens

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    Hallo liebes Kuestenkind

    Zitat von Kuestenkind Beitrag anzeigen
    Wie Du das schreibst, bekomme ich ein Bild von Euren (insbesondere DEINER) Sichtweise, die erstmalig Raum bekommt. Auszuprobieren sich als 'Richtig' zu behaupten.
    Geht Dir das so? Erstmalig ruhig da zu stehen und zu fühlen: was Ich wahrnehme und denke ist okay so - Ich brauche es (mich) nicht zu verbiegen? Es (ich) ist richtig so und hat den Raum.
    Als intensiv habe ich den Austausch selbst zwar nicht empfunden, aber intensiv sind nun doch die Erkenntnisse, die langsam zusammen purzeln.
    Einerseits ist es, wie du es beschreibst. Was ich denke und fühle, kann so sein, weil ich nun auch jemanden habe, der es nicht nur aufgrund von Erzählungen nachvollziehen kann. Andererseits, und das macht den größeren Teil aus, erklärt sich mir, warum ich der Welt und den Menschen so gegenüber stehe. Das wusste ich schon vorher, aber nun kam ein wichtiges Puzzleteil hinzu und das Bild wird deutlicher. Für mich ist nun wichtig zu wissen, woher meine Angst vor dem Leben kommt und dass ich das Empfinden, wenn ich an die Welt und das Leben denke, überprüfen muss. Auch das war mir bereits vorher bekannt, aber nun habe ich einen "Beweis", dass dieses sich-so-fühlen sich auf eine Welt bezieht, die so nicht existiert (und vielleicht niemals so existiert hat außer im Kopf meiner Mutter). Meine tiefen Existenzängste sind mir nun klarer und diese Erklärung trägt viel mehr, als die "tatsächlichen" Erfahrungen, die ich in diesem Punkt auch gesammelt habe. Diese Klippen hätte man auch anders umschiffen können, als die Welt da draußen zu einem bösen, gefährlichen Ort zu machen, durch den man sich schlagen muss, weil es keinen da draußen gibt, der einem wohlgesonnen ist und man demzufolge immer das Schlechteste erwarten muss. Das Auf-der-Lauer-liegen liegt mir noch heute und es fällt mir oft schwer zu glauben, dass eine Situation nicht unbedingt ein Hinterhalt sein muss. Ich bin schon seit einer Weile daran, zu lernen, Positives zuzulassen, ihm eine Chance zu geben und es zu genießen. Das wird noch ein langer Weg. Aber es scheint der richtige zu sein.

    Zitat von FirstSunshine Beitrag anzeigen
    Betrachte es als ein Pflänzchen, das erst mal heranwachsen muss. Ich denke ihr werdet es ausreichend gießen und pflegen, so dass es ein großer Baum mit starken Wurzeln und einem schützenden Blätterdach werden kann. Und unter diesem Baum finden bestimmt noch ein paar Nichten und Neffen (und vielleicht auch eigene Kinder) Platz.

    Ich glaube das Bäumchen, das da wächst, verdient den Namen "Familie".

    Ich freu mich so sehr für Dich, dass der Anfang so gut gelaufen ist und Deine Erleichterung wird kommen, denn alles was ihr Euch zu sagen habt, wird bestimmt seinen passenden Moment bekommen.
    Danke, FirstSunshine Ich bin so froh, dass meine Schwägerin soviel Wert auf "Familie" legt. Auch wenn wir nicht viel Zeit miteinander verbringen, lässt sie uns immer an den Dingen teilhaben. Davon profitiert mein Bruder enorm und natürlich auch ich. Ich kann mir gut ausmalen, wie es später einmal sein wird, wenn die Kleinen mobil genug sind um zu "verreisen" und sie ihrerseits auch mal uns besuchen. Tatsächlich gab es sowas bei uns auch nicht, da wir sowieso eine recht kleine Familie sind und die Beziehungen nicht wirklich gepflegt wurden. Wir können hier neu anfangen und es anders machen, für uns selbst und für die Kinder.

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      Oft genug sagt man dahin „wer weiß, wozu es gut ist“ oder man versucht sich die Existenz und Daseinsberechtigung unangenehmer, negativer Erfahrungen, auf die man lieber verzichtet hätte, mit Verbitterung dadurch zu rechtfertigen, dass man ja, einmal in Kenntnis dieser oder jener Erfahrung, jetzt wisse, wie die Welt und das Leben wirklich funktionieren.

      „Jetzt weiß ich wenigstens, wer meine wahren Freunde sind“
      „Jetzt kann ich den Wert einer Sache schätzen“
      „Jetzt weiß ich, was es bedeutet, aus eigener Kraft etwas zu schaffen“
      „Jetzt weiß ich, wie es ist, einem Menschen zu vertrauen“
      „Jetzt weiß ich, dass ich allein und unabhängig existieren kann“.


      Diese Sätze sind so schnell gesagt. Oft leidet man noch Jahre später unter einigen Erfahrungen und in dieser "unsäglichen Ungerechtigkeit" ist man auf der Suche nach einem Grund, warum einem all diese Dinge widerfahren sind. Ich denke oft fühlen wir nicht so, wie wir diese Dinge vorgeben zu fühlen. Wir wünschten uns aber, dass uns diese Erfahrungen im weiteren Leben bereichern, deswegen versuchen wir, ihnen etwas Positives abzugewinnen. Außerdem soll uns in unserer Enttäuschung über die gemachten Erfahrungen um Himmels Willen bitte nicht noch einmal dasselbe passieren. Wir geben vor, daraus gelernt zu haben, sagen, die Sache hätte uns stärker gemacht, sie hätte uns die Augen geöffnet. Tatsächlich ist das gesprochene Wort oft eher eine Sehnsucht/ ein Wunsch als eine Tatsache. Müssten wir es sonst kundtun? Versuchen wir uns nicht bloß selbst davon zu überzeugen, indem wir es laut aussprechen und mit anderen teilen? Erwarten wir vom Gegenüber dann nicht ein stolzes, überzeugtes Nicken, ein Klopfen auf die Schulter?

      Oft ist es leichter, einem unerfüllten oder enttäuschten Wunsch nicht nachzueifern, die Gefahr, dass man nicht bekommt, was man erhofft, braucht und erwünscht drängt einen dazu zu sagen:
      Es ist besser, wenn ich darauf verzichte, weil… ich dann unabhängiger bin, ich es eigentlich nicht brauche, ich so selbstständiger bin, keine Rücksicht nehmen muss etc.
      Gefühlt habe ich persönlich aber oft: …weil ich nicht verletzt werden will, weil ich Angst habe, weil es weh tut, weil ich enttäuscht werden könnte.

      So habe ich mir nicht nur die Möglichkeit genommen weiter die Ziele zu verfolgen, für die es sich in meinen Augen wirklich zu kämpfen lohnt, ich habe ganz nebenbei auch noch alles Lebendige, das Fühlen, abgestellt und gedämpft. Das Wünschen, Sich-Sehnen, Sich-Ausmalen hatte keinen Platz mehr. Das Absurde daran ist schlichtweg, dass man sich durch das Ausschließen der absolut besten Alternativen die Wahrscheinlichkeit für positive Erlebnisse nicht nur auf ein Minimum reduziert, man schafft sich auch genug Raum im übrigen Spektrum an Möglichkeiten, die eindeutig nicht die erste Wahl darstellen, unbefriedigende Erfahrungen zu sammeln - wollte man eigentlich nicht gerade das vermeiden?

      Ich habe mittlerweile erfahren dürfen, dass diese Erkenntnisse, die man über sich und das Leben sammelt, doch um einiges umfänglicher, elementarer und tiefer gehender sind als das bloße Konsequenzen ziehen á la: Jetzt weiß ich, wie ich mich zu verhalten habe. Ich muss nur dieses oder jenes ändern, dann wird alles leichter. Und vor einem Jahr hätte ich noch geglaubt, dass ich wenigstens doch schon genauso weit war, dass ich das Tiefere daran erkannt hatte. Aber ich merke erst jetzt, dass das nicht so war.
      Dinge, die man bislang nie erfahren hat, kann man sich vorstellen. Wir können uns hineindenken, wie es wäre, wenn…. Haben wir ein gutes Vorstellungsvermögen können wir uns vielleicht vorstellen, wie es sich anfühlen würde, wenn… Gespeist aus vergleichbaren Erfahrungen rufen wir emotionale Erinnerungen ab und spinnen sie weiter. Tatsächlich ist dieses sich vorstellen, wie sich etwas anfühlt, aber kaum emotional nach zu erleben und das immer weniger, je geringer unsere Vorerfahrungen mit einer Sache ausgeprägt sind.
      Ich konnte mir immer vorstellen, wie es sein würde, sich selbst nahe zu sein, Verständnis für sich zu haben. Das dachte ich jedenfalls. Kommt man dann tatsächlich einmal in den Genuss es fühlen zu dürfen, wird einem erst bewusst, dass man vorher nur davon gesprochen und vielleicht viel dafür getan hatte, man es aber nicht fühlen konnte.

      Wie komme ich darauf? Ich fragte mich, ob ein Mensch, der meiner Meinung nach relativ geradlinig sein Leben durchläuft soviel über sich selbst erfahren darf wie ich.
      Ohne ihm das absprechen zu wollen, aber durch die intensive Auseinandersetzung mit sich selbst, seinen gemachten Erfahrungen (und all den "Erkenntnissen", siehe oben) und den daraus entstandenen Verhaltens-, Denkmustern sowie der geprägten Art und Weise zu fühlen bin ich mir mittlerweile auf eine Art und Weise näher gekommen, wie ich es niemals für möglich gehalten hätte! Und der Schlüssel lag genau in meinem ursprünglichen Problem: alles zerreden und zerdenken und damit das Fühlen und Empfinden, welches verschüttet war, zu kompensieren.
      Ich rolle immer noch gerne Gedanken hin und her, auch um der Sache selbst Willen. Aber kein gesprochenes Wort, kein formulierter Text, kein Schriftstück, kein Buch der Welt kann mir soviel über mich sagen, dass ich mich besser spüren, mich fühlen und mich erleben kann! Nichts davon hatte es zuvor geschafft mich mir selbst näher zu bringen, mich empfinden zu lassen, mich bildlich wohlwollend, wissend zu umarmen. Der emotionale Zugang ist es, der mir ermöglicht Verständnis für mich aufzubringen und vor allem: ansatzweise Gelassenheit dem Leben gegenüber zu spüren. Ich bin mir selbst begegnet und jetzt endlich weiß ich auch, wie sich das alles anfühlt. Ich habe viel von Verständnis, Verstehen etc. gesprochen, aber erst jetzt, wo ich es fühlen kann, weiß ich tatsächlich, was es bedeutet. Für mich ist das ein großer Schritt. Dass das möglich wäre, habe ich nicht mehr geglaubt. Und ich wusste auch nicht, dass man so empfinden kann. Ich stelle mir vor, dass sich so ein Kind fühlen muss, das zum allerersten Mal in seinem Leben fasziniert und mit Haut und Haar etwas entdeckt. Vielleicht den Schnee, wie er in der Hand schmilzt oder wie es zum ersten Mal eine Katze sieht und seinen Blick nicht mehr abwenden kann. Dass ich mich noch verändern kann, dass es noch solche wesentlichen Dinge neu zu entdecken gibt, ist eine große Bereicherung, aber auch eine emotionale Herausforderung
      (Leider genügen auch hier Worte nicht, um ausdrücken zu können, wie es sich abfühlt)

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        Mütter, das altbewährte und viel gewälzte Thema

        Wie schon oft dargelegt habe ich so einige Erfahrungen mit meiner Mutter sammeln dürfen. Das Ergebnis war ein Kind, welches seiner Mutter Mutter sein musste, welches Angst um und vor der Mutter und letztendlich auch vor dem Leben hatte.

        Aus der Beziehung zu meiner Mutter habe ich so einige Erkenntnisse gezogen und mir Regeln auferlegt, um solche Erfahrungen nicht noch einmal machen zu müssen, um mich davor zu schützen. Darunter solche, die sich in der Konsequenz vorzugsweise auf meine Mutter und welche, die sich nur auf mich bezogen. Die Konsequenzen bezogen auf meine Mutter lassen sich in einem Satz aufsummieren:
        Wenn meine Mutter sich verloren fühlt, bin ich auch verloren. Also muss ich dafür sorgen, dass sie Halt findet.

        Weil meine Mutter sich verloren fühlte, kaum für sich selbst sorgen konnte, zog ich weitere Schlüsse:

        Wenn sie nicht für mich stark ist, dann muss ich es für mich sein.
        Wenn sie mich nicht sieht, dann bleibe nur ich, um auf mich zu schauen.
        Wenn sie mich nicht unterstützt, nicht hinter mir steht, dann muss ich das für mich selbst tun.
        Wenn ich mich nicht sicher bei ihr fühle, muss ich mir selbst Sicherheit geben.
        Wenn sie nicht an mich glaubt, dann muss ich es tun.

        Das klingt erstmal nach logischen, sinnvollen und wertvollen Erkenntnissen. Es klingt nach (vermeintlicher) Stärke und Reife.

        Tatsächlich aber verzichte ich darauf, weiter in die Beziehung zu investieren, weil:
        -ich Angst vor Zurückweisung habe
        -Ich Angst habe nicht gesehen zu werden
        -ich Angst habe allein und einsam zu sein
        -ich Angst habe nicht Kind sein zu dürfen
        -ich Angst habe, meine Mutter hilflos zu sehen
        -ich Angst vor Enttäuschung habe
        -ich Angst habe, darüber enttäuscht zu sein, dass sie mir einiges nie wird geben können
        -weil Angst, Enttäuschung und Erinnerungen so weh tun.


        Um das alles nicht fühlen zu müssen, packte ich alles immer weiter weg, in eine Kiste und gab der Sache einfach einen neuen Namen. „Ängste“ tragen sich immerhin so schwer, „Stärken“, das klingt doch nach etwas, das macht etwas her! Stark sein fühlt sich auch viel besser an als ängstlich und schwach zu sein. Hier nun einige meiner (umformulierten) „Stärken“ (darunter selbstverständlich vorzugweise Trugschlüsse)
        Ich verzichte darauf, weiter in die Beziehung zu investieren, weil…:
        -ich so eine große Last los bin.
        -ich endlich unabhängig bin.
        -ich mich nur um mich selbst kümmern muss!
        -ich so weniger Tränen vergieße.
        -ich so weniger enttäuscht werde.
        -ich mich endlich abnabeln will!
        -ich niemanden brauche, außer mich selbst!
        -ich gerne allein bin.
        -ich am besten weiß, was ich gut kann und niemanden brauche, der mir das bestätigt.
        -ich mir nur Sorgen um mich selbst machen muss!
        -ich mich weniger aufrege.
        -ich mich nur auf mich konzentrieren kann!
        -ich mir endlich all das geben kann, was ich verdiene und nie bekam!


        Also mal ehrlich. Solche Rückschlüsse mögen wertvoll und wichtig sein. Das sind sie allerdings nur, wenn ich sie reinen Herzens, unverbittert und nicht aus einer Flucht vor all den eigentlich dahinter liegenden Bedürfnissen und Wünschen heraus fühle.

        Ist es eine Schande, sich nach all diesen ursprünglichen, dahinter liegenden Dingen zu sehnen? Wir schieben Sehnsüchte weg, weil wir fürchten, sie nicht erfüllt zu bekommen. Wir wollen uns vor weiteren dieser Erfahrungen bewahren, an sich eine gut nachvollziehbare Konsequenz.
        Nur bleibt etwas Wesentliches auf der Strecke. Ich vergesse nicht nur in dieser einen Beziehung nach Liebe, Zuneigung, Bestätigung, Wertschätzung zu suchen, sondern übertrage es unmerklich auf viele Bereiche meines Lebens. Ich traue mich nicht, ein Lächeln von jemandem zu erwarten, denn würde er dann nicht lächeln, wäre ich enttäuscht. Also lächle ich von vornherein lieber nicht, bin distanziert, misstrauisch. Immerhin kenne ich den Anderen nicht, man weiß nie, woran man ist. Ein starrer Panzer hat sich entwickelt und ich habe es nicht mal bemerkt. Und falls doch, hatte ich ja genug schlagende Argumente und Begründungen bei der Hand, die ja wohl jeder zu verstehen hatte („Ach, wie schrecklich, was du alles erfahren hast. Na da ist es ja kein Wunder, dass du vorsichtig bist.“). Meine „Stärken“ ließen sich doch prima verkaufen und man kann sich auch wunderbar einbilden, sich damit gut zu fühlen.
        Tatsächlich sind diese Sehnsüchte, nur, weil ich sie anders etikettiere, nicht verschwunden. Im Prinzip habe ich mich bloß selbst betrogen. Sie lagern, warten und melden sich ab und an. Vielleicht klappt es mit dem ein oder anderen Bedürfnis, es umzudeuten und damit zufrieden zu leben. Allerdings besteht die Gefahr, dass ich dauerhaft versuche all diese Dinge im Außen zu kompensieren, indem ich mich bspw. in meine Arbeit stürze, mich überfordere (oder eben immer wieder gern Worte drehe und wende, auch wenn an sich kein persönlicher Bedarf für mich dabei besteht). Ich strapaziere mich in einer Art und Weise, entbehre die grundlegendsten Dinge und wunderte mich irgendwann, warum es mir nicht gut damit geht. Dennoch bin ich immer auf der Suche nach der Lösung gewesen und hat der erste Versuch/ die erste Idee nicht gefruchtet, dann muss ich eben etwas anderes ausprobieren. Dahinter zu steigen und zu verstehen, was ich mir selbst damit angetan hatte, war wirklich schwer. Das zuzugeben, das Etikett abzureißen, würde auch bedeuten, sich von einigem zu verabschieden. Es heißt sich auch verabschieden von Sehnsüchten, die ich zwar so fühlen darf und soll, die ich aber tatsächlich so nicht mehr erfüllt bekomme. Meine Kindheit ist vorbei, ich werde nie in den Genuss kommen mich als Kind sicher zu fühlen. Hier gilt es Leb wohl zu sagen. Aber ich darf mich dennoch nach Sicherheit sehnen! Also ist das ganze Umgedeute auch ein Weg sich nicht verabschieden zu müssen. Ich habe lange nicht eingesehen, warum ich all das nicht haben kann, teilweise also Trotz, aber auch einfach ein großes Defizit.


        Ich habe nach einem Gleichnis gesucht. Für mich sind all diese Sehnsüchte und Wünsche ähnlich drängend wie Grundbedürfnisse. Sie sind einfach da wie der Hunger, der uns sagt, dass wir einen Mangel erleiden. Man stelle sich vor, man hat sich eine wirklich verlockende, leckere Pizza in den Ofen geschoben, die unseren Hunger so gut stillen würde, nach deren Verzehr wir uns rundum wohl fühlen würden. Da gibt es nur ein Problem, die Pizza ist unheimlich heiß. Im Prinzip will ich sie essen, aber ich will mich auch nicht dabei verbrennen. Ich bin im Zwiespalt, der Magen knurrt laut und tut fast schon weh. Man muss sie abkühlen lassen, um sich nicht zu verletzen. Das macht man am besten, indem man sie aus dem Ofen holt und draußen abkühlen lässt. Auch hierbei muss man aufpassen, sich nicht zu verbrennen. Man muss schauen, die richtigen Handschuhe zu verwenden und nicht an die Heizstäbe oder ans heiße Blech zu stoßen.
        Jeder verbrennt sich irgendwann mal beim Pizza backen, raus holen und auch beim Essen. Das kommt vor. Ich habe die Pizza irgendwann gar nicht mehr aus dem Ofen geholt und im heißen Ofen kühlt sie noch um einiges schlechter ab als draußen. Ich habe so lange gewartet, dass sie nicht nur kalt war, ich hatte den Hunger auch übergangen (jedenfalls das Hungergefühl, der Magen war immer noch leer, aber daran gewöhnt man sich). Ist man erst einmal soweit, braucht man auch gleich gar nichts mehr zu essen, man lässt die Pizza Pizza sein, widmet sich wichtigeren Dingen, vergisst sie. Irgendwann modert und schimmelt sie nur noch vor sich hin. Prima, das Zeug dann zu entsorgen ist immer eine besonders große Freude. Es stinkt, es tropft, es zerfließt…. Nur noch ein Fall für den Abfall.
        Es ist nicht leicht, den richtigen Moment abzupassen, in dem die Pizza genießbar und kühl genug ist, aber kalt soll sie auch nicht sein. Vermutlich braucht es ein wenig an Übung, aber um essen zu können muss man sich wohl auch einige Male verbrennen.

        Also habe ich in letzter Zeit den Ofen aufgemacht, erstmal alle Pizzen, die ich in all den Jahren darin habe versauern lassen, rausgekratzt (eine unangenehme Sache – aber was solls), ich habe den Ofen sauber gemacht. Wenn man sich überlegt, wie viel Zeit bis jetzt ins Land gegangen ist, wie viel mich die Pizzen „gekostet“ haben… Und die Reinigungsaktion hätte auch um Welten kleiner ausfallen können. Ich habe vor demnächst mal wieder Pizza zu essen. Den Hunger kann ich inzwischen wieder spüren, der Magen knurrt. Und vielleicht werde ich mich wieder mal verbrennen – aber die leckere Pizza deswegen liegen lassen? Nein, das will ich nicht mehr. Ich nehme einfach kleinere, vorsichtigere Bisse. Und vielleicht kann mir auch einfach jemand zeigen, wie man so eine Pizza am besten bäckt, aus dem Ofen holt und dann isst. Das muss ich nicht alleine schaffen!
        Zuletzt geändert von Jannes; 09.07.2014, 18:38.

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          Jannes, Du kommst gut voran

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            Zitat von Jannes Beitrag anzeigen

            Meine Kindheit ist vorbei, ich werde nie in den Genuss kommen mich als Kind sicher zu fühlen. Hier gilt es Leb wohl zu sagen. Aber ich darf mich dennoch nach Sicherheit sehnen! Also ist das ganze Umgedeute auch ein Weg sich nicht verabschieden zu müssen. Ich habe lange nicht eingesehen, warum ich all das nicht haben kann, teilweise also Trotz, aber auch einfach ein großes Defizit.


            Ich habe nach einem Gleichnis gesucht. Für mich sind all diese Sehnsüchte und Wünsche ähnlich drängend wie Grundbedürfnisse. Sie sind einfach da wie der Hunger, der uns sagt, dass wir einen Mangel erleiden.
            Das, was du in Worte zu bringen versuchst, IST ein seelisches Grundbedürfnis. Man könnte es z.B. Verbundenheit nennen. Und du hast recht. Die Trauer darüber, dass der Mangel an Verbundenheit mit der eigenen Mutter so groß ist, dass er das ganze Leben überschattet, die drückt man gerne weg. Das ist so schlimm, dass es nicht sein darf!
            Die Vermeidungsstrategie führt entweder dazu dass man sehr stark wird, so wie du. Man "braucht" also niemanden mehr. Oder man bleibt schwach und es sind immer die anderen "schuld" dass es einem sooo schlecht geht.

            Die Person in deinem Leben, die in den ersten drei Lebensjahren mit dir "verbunden" war, die dir einen sicheren Hafen bieten sollte aus dem heraus du die Welt erkunden kannst, die hat versagt. Das ist bitter!

            Doch eine andere, erwachsene Verbundenheit die ist dir nicht verwehrt. Dazu muss der Mangel aber erkannt und auch betrauert werden. Dann wird deine Enttäuschung über eine Alltagssituation in der du "kein Lächeln zurück bekommen hast" nicht dazu führen, dass du wieder zur kleinen Jannes wirst.

            Das ist eine wichtige Erkenntnis die du da gemacht hast. Wenn du sie verinnerlicht hast, wirst du ganz anders auf Menschen zugehen können.

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              Zitat von Tamina Beitrag anzeigen
              Jannes, Du kommst gut voran
              Und das fühlt sich soooooo gut an

              Zitat von Nordhimmel Beitrag anzeigen
              Das, was du in Worte zu bringen versuchst, IST ein seelisches Grundbedürfnis. Man könnte es z.B. Verbundenheit nennen. Und du hast recht. Die Trauer darüber, dass der Mangel an Verbundenheit mit der eigenen Mutter so groß ist, dass er das ganze Leben überschattet, die drückt man gerne weg. Das ist so schlimm, dass es nicht sein darf!
              Die Vermeidungsstrategie führt entweder dazu dass man sehr stark wird, so wie du. Man "braucht" also niemanden mehr. Oder man bleibt schwach und es sind immer die anderen "schuld" dass es einem sooo schlecht geht.

              Die Person in deinem Leben, die in den ersten drei Lebensjahren mit dir "verbunden" war, die dir einen sicheren Hafen bieten sollte aus dem heraus du die Welt erkunden kannst, die hat versagt. Das ist bitter!
              Liebe Nordhimmel,

              ich habe die Tage in meinem alten Faden gekramt. Ich habe Ähnliches bereits vor zwei Jahren hier geschrieben. Das zeigt mir, dass ich schon sehr lange verstanden hatte, warum die Dinge so waren, wie sie waren. Ich konnte sie gedanklich nachvollziehen, zurück verfolgen und auch meinen Mangel daran beschreiben und die Auswirkungen dessen beschreiben und intensiv fühlen.
              Jetzt endlich beginne ich damit das alles zu integrieren. Jetzt erst merke ich, dass es einen Unterschied macht, darüber zu sprechen oder es endlich anzunehmen, indem ich mich durch die Gefühle hindurch begebe, ihnen Platz einräume und ganz wichtig (wie du schreibst): die Umstände intensiv bedauere und betrauere, aber mit dem Ergebnis, es sein lassen zu können.
              Ich nehme diese Tage ganz bewusst wahr, wie Dinge in Bewegung kommen. Manches davon sucht noch seinen Platz und ist in Bewegung, kullert in mir herum. Anderes hat seinen Platz gefunden, es ist endlich angekommen. Jedes Mal fühle ich mich ein klitzekleines Stück größer, wenn etwas ankommt. Aber jedes Mal auch braucht es dafür die Traurigkeit. Es ist ein Abschied in vielen Raten.


              Zitat von Nordhimmel Beitrag anzeigen
              Doch eine andere, erwachsene Verbundenheit die ist dir nicht verwehrt. Dazu muss der Mangel aber erkannt und auch betrauert werden. Dann wird deine Enttäuschung über eine Alltagssituation in der du "kein Lächeln zurück bekommen hast" nicht dazu führen, dass du wieder zur kleinen Jannes wirst.

              Das ist eine wichtige Erkenntnis die du da gemacht hast. Wenn du sie verinnerlicht hast, wirst du ganz anders auf Menschen zugehen können.
              Das ist es schon Es ist mir Gott sei Dank schon seit längerer Zeit möglich offen, aufgeschlossen und ohne Vorbehalte mit anderen Menschen umzugehen. Insofern ist dieser Umstand und diese Beschreibung nur eine Erinnerung. Das Zwischenmenschliche ist mir schon seit einiger Zeit kein großer Dorn mehr im Auge (ich mache nur manchmal noch zuviel gute Miene zum "bösen" Spiel aber auch darauf habe ich einfach keine Lust mehr, das Schauspiel ist mir zu anstrengend und sammelt nur unnötig Groll in mir an - also raus damit). Es sind/ waren nur die emotionalen Überreste, die ich nicht hergeben wollte. Die große Jannes hat so einiges übernommen, die kleine muss das nicht mehr tun. Sie darf Kind sein und bleiben und sich auf die Große verlassen.

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                Mich einfach mal mit dir freu.

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                  Danke

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                    Übrigens habe ich überlegt, warum es nun "klick" gemacht hat. Geärgert habe ich mich schon immer darüber, dass mir das alles widerfahren ist. Wut, Hass, Enttäuschung habe ich aber als Erwachsene im Rückblick gefühlt. Wovor ich immer große Angst hatte war durch die kindlichen Gefühle zu gehen, seitdem ich mich darauf einlassen konnte zu fühlen was ich als Kind gefühlt habe, läuft es langsam. Meine Angst davor es erneut zu fühlen, war zu groß und ich wollte es schlichtweg nicht. Seitdem ich wirklich durch diese alten Gefühle wate, bewegt sich etwas.
                    Zuletzt geändert von Jannes; 10.07.2014, 13:18.

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                      Liebe Jannes,

                      ich kann es nicht wirklich in Worte fassen. Mir ist einfach warm um's Herz geworden, als ich Deine aktuellen Beiträge gelesen habe!

                      Ich freu mich mit!

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                        Danke liebe FirstSunshine

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                          Liebe Jannes ich finde das so schön zu lesen,
                          Freue mich mit dir.

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                            Liebe Muttutgut. Jetzt hätte ich fast geschrieben "Es wird ja auch langsam mal Zeit" Mir selbst Zeit zu geben fällt mir nach wie vor schwer, aber auch das braucht eben seine Zeit

                            Kommentar


                              Zitat von Jannes Beitrag anzeigen
                              Ich rolle immer noch gerne Gedanken hin und her, auch um der Sache selbst Willen. Aber kein gesprochenes Wort, kein formulierter Text, kein Schriftstück, kein Buch der Welt kann mir soviel über mich sagen, dass ich mich besser spüren, mich fühlen und mich erleben kann! Nichts davon hatte es zuvor geschafft mich mir selbst näher zu bringen, mich empfinden zu lassen, mich bildlich wohlwollend, wissend zu umarmen. Der emotionale Zugang ist es, der mir ermöglicht Verständnis für mich aufzubringen und vor allem: ansatzweise Gelassenheit dem Leben gegenüber zu spüren. Ich bin mir selbst begegnet und jetzt endlich weiß ich auch, wie sich das alles anfühlt.
                              ...
                              (...) Dinge neu zu entdecken ..., ist eine große Bereicherung, aber auch eine emotionale Herausforderung
                              (Leider genügen auch hier Worte nicht, um ausdrücken zu können, wie es sich abfühlt)
                              So viele und so genau treffende Worte gibt es nicht, ... oder wir haben sie im Lauf unserer kognitiven Entwicklung (aus welchen vordergründigen sprachlichen Peinlichkeitszuständen auch immer) "verschmähen oder zerreden gelernt".

                              Unsere Gefühle und Emotionen haben sich hingegen gehalten und wenn einige von ihnen sich beispielsweise "herzerwärmend oder wonniglich" outen und ihr Mensch sich "geläutert" fühlt, oder wenn sie in ihm gar die "Demut (wieder)erweckten", ... dann scheren sie sich einen Deut darum, was der Mensch an Ausdrücken aus seiner Kommunikation verbannt hat. Hauptsache sie sind da. Und das zählt.

                              Ich habe nach einem Gleichnis gesucht. Für mich sind all diese Sehnsüchte und Wünsche ähnlich drängend wie Grundbedürfnisse. Sie sind einfach da wie der Hunger, der uns sagt, dass wir einen Mangel erleiden.
                              wie Nordhimmel schon schrieb, SIND das Grundbedürfnisse ... und wenn sie alle zusammen kommen und sich drängend äußern, bilden sie dieses "un-beschreibbare gewisse Empfinden" ... das wir Urvertrauen nennen und das Einlass fordert ... dort, wo es (wieder) den Willen und die Bemühungen zur Lebensbejahung erkennt.

                              Kommentar


                                Zitat von Shepherd Beitrag anzeigen
                                wie Nordhimmel schon schrieb, SIND das Grundbedürfnisse ... und wenn sie alle zusammen kommen und sich drängend äußern, bilden sie dieses "un-beschreibbare gewisse Empfinden" ... das wir Urvertrauen nennen und das Einlass fordert ... dort, wo es (wieder) den Willen und die Bemühungen zur Lebensbejahung erkennt.
                                Ich bekomme immer mehr eine Ahnung davon, wie sich das anfühlt. Urvertrauen scheint dabei vieles zu heißen: Vertrauen darin, dass es gut ist wie es ist oder dass es gut werden wird, Vertrauen darin, so sein zu können wie man ist mit allem was dazu gehört und Vertrauen darin, dass es jemanden gibt, der einen so sein lässt und der zu einem steht. Es ist das Vertrauen darin, dass man genau richtig ist und dass man genau so wie man ist einen Platz in dieser Welt finden wird. Dieser Platz ist dabei nicht starr, sondern veränderbar. Wie ein Nest lässt es sich hier und da auspolstern, falls es nötig ist oder alternativ kann man es größer bauen, falls Bedarf danach besteht. Es bietet Schutz vor Nässe und Kälte, bietet mir ein Quartier für die Nacht und trägt mich, hierhin lässt es sich zurückziehen, sich wohlfühlen, sich ausruhen und Kraft tanken und hier kann ich mich sicher und geborgen fühlen.

                                Merkwürdig, dass ich "ins Nest" zurückkehre, wo ich es doch so dringend verlassen und erwachsen werden wollte. Aber diesmal ist es mein eigenes Nest, das ich nach meinen eigenen Vorstellungen gebaut habe und ich trage es in mir und niemand kann es mir nehmen. Auf eine verquere Weise habe ich es geschafft, mir selbst den Halt zu geben, den ich brauchte. Mit meinem eigenen Nest, meinem eigenen Rückhalt bin ich nicht länger auf das eines Anderen angewiesen und vielleicht wollte ich auch nur so dringend "flügge" werden, weil das Nest, aus welchem ich kam, mir all das nicht geboten hat und ich nicht wusste, wie ein Nest eigentlich aussieht und wie und woraus man es baut.

                                Es rollt, derzeit ist wieder viel in Bewegung und eindeutig in die richtige Richtung! Die vergangenen Tage habe ich in den Spiegel geschaut und habe seither das Gefühl, jemand anderen dort zu sehen. Keinen komplett anderen Menschen, aber eine Jannes, die verändert ist. Ich sehe mich mehr im Spiegel und das sowohl optisch (als hätte sich mein Gesichtsfeld geweitet oder als würde ich bewusster mich als Ganzes wahrnehmen), als auch menschlich. Diejenige im Spiegel erscheint wissend und erfahren und in einer beruhigenden Weise angekommen und gesetzt. Ich erkenne mich oder diejenige, zu der ich geworden bin.
                                Dass ich mich verändert auch im Spiegel wahrnehme, ist in der Vergangenheit schon vorgekommen, aber noch nie mit solcher Intensität und einem solchen Gefühl. Ist es euch auch schon mal so gegangen?
                                Zuletzt geändert von Nomada; 09.09.2014, 20:18. Grund: Faden auf Wunsch von Jannes ins Archiv verschoben

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