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Die Kunst des Fliegens

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    Zitat von Jannes Beitrag anzeigen
    Kindlichkeit bedeutete für mich (meine eigene Kindheit betreffend), all das nicht so ausleben zu dürfen oder zu können, wie ich wollte, weil ich ständig der Willkür und den Launen meiner Mutter ausgesetzt war. Ich lebte in Angst und hatte andere Probleme. Meine Neugier, meine Gefühle fixierten sich auf meine Mutter, weil ich hier beobachten musste, wie sie sich benahm und wann es wieder losging. Es war kaum Raum für Naivität, Impulsivität oder Staunen. Das Spiel musste ich wohl oder übel mitspielen, es geht dabei nicht mal um das Kritisiertwerden, damit hätte ich leben können. Es wurde einfach alles in diese Richtung entweder direkt oder indirekt zerschlagen. Ich wollte als Kind nicht erwachsen sein und hatte auch keine Vorstellung davon, was das bedeutet (außer länger aufzubleiben und Dinge tun zu dürfen, die auch Erwachsene tun). Aber die Umstände erforderten es, mich so zu verhalten, wie man es wohl "erwachsen" nennt.
    Ein Kind hat auch ein großes Bedürfnis nach Sicherheit. Das ist mir erst jetzt klar geworden, nachdem ich so gern alles unter Kontrolle habe. Das gibt eine gewisse Sicherheit, die aber leicht erschüttert werden kann, wenn unvorhergesehenes auftritt, denn das kann nicht kontrolliert werden.

    Ich hatte ein starkes Bedürfnis nach Sicherheit, aber wie bei dir, hing alles von den Launen der Mutter ab. Das war wie auf Zehenspitzen herum schleichen, um ihr keinen Grund zu geben, wieder sauer zu werden. Überall und jederzeit mußte mit einem "Angriff" gerechnet werden. Bei mir waren es noch die älteren Geschwister und die Oma, die jederzeit auch loslegen konnten. Der Druck einer Person auf eine andere, wird solange weitergegeben, bis der Schwächste in der Reihe alles abbekommt. Der verhält sich dann "unnormal", weil er dem Druck auch nicht ewig standhalten kann und erntet dafür erneut Kritik.

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      Meine Kindheit war von Vorsicht geprägt, immer auf der Hut sein vor den unberechenbaren Reaktionen meiner Mutter.
      Ich habe gelernt, Gefahren, schlechte Laune, Bedrohungen zu riechen. Schon wenn ich die Wohnung betrat, konnte ich riechen, was los war. Das kann ich heute noch, wenn ich irgendwo zu Besuch komme.

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        Sicherheit gab es nicht. Für meine (und meinem Gefühl nach auch für die Sicherheit der Familie) war ich zuständig. Was ich jetzt erlebe ist alles noch ziemlich neu für mich. Ich bin nun fast fünf Jahre mit meinem Partner zusammen und er vermittelt in vielerlei Hinsicht Sicherheit. Eigentlich ist es doch paradox. Selbst wenn ein Kind nicht als Kind leben darf, kein Raum für all die kindlichen Bedürfnisse sind, es schneller "erwachsen" werden muss, reifen soll und Verantwortung übernimmt und das scheinbar auch Jahre und Jahrzehnte gut zu funktionieren scheint, heißt das in keinster Weise, dass man dem Erwachsenenleben tatsächlich gewachsen ist. Denn wieviel Kompetenz ist denn tatsächlich durch all die wesentlichen kindlichen Erfahrungen abhanden gekommen, die einem so nützlich im Erwachsenenalter sein können. Augenscheinlich hat man alles im Griff, ist aber bspw. nur bedingt in der Lage Verantwortung abzugeben, weil man es gewohnt ist, es allein zu schultern und zudem sich ein Gefühl der Kontrolle einstellt, die man sonst verlieren könnte. Auch kann man scheinbar nicht jedem über den Weg trauen. Die Erfahrung, dass andere für einen sorgen, dass man sich hingeben darf, dass alles sein darf, was ist, gibt einem doch erst im Erwachsenenalter die Souveränität bei Schwierigkeiten und den unterschiedlichsten Empfindungen nicht durchzudrehen. Immer wenn mir soetwas als Kind "passiert" ist, ist meine Mutter ausgeflippt oder (auch schön) drohte mich ins Heim zu geben.
        Ich weiß, dass nicht nur ich noch gegen mein altes Verhaltensmuster kämpfe, sondern auch andere es schwer mit Gefühlsausbrüchen bei mir haben. Aber daran lässt sich ja arbeiten, noch ist nichts verloren.

        @Bonny: Ja, man entwickelt die wahnwitzigsten Fähigkeiten.

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          Zitat von Bonny123 Beitrag anzeigen
          Meine Kindheit war von Vorsicht geprägt, immer auf der Hut sein vor den unberechenbaren Reaktionen meiner Mutter.
          Ich habe gelernt, Gefahren, schlechte Laune, Bedrohungen zu riechen. Schon wenn ich die Wohnung betrat, konnte ich riechen, was los war. Das kann ich heute noch, wenn ich irgendwo zu Besuch komme.
          Das ist auch so ein Punkt. Erst mal schauen, was los ist, was andere von einem erwarten. Anpassungsfähigkeit bis zum Erbrechen, weil man immer auf der Hut sein mußte und der kleinste Fehler gleich wieder zur Katastrophe wurde.

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            Was ich auch schwierig fand, war alles mit mir selbst ausmachen zu müssen. Es gab niemanden, der meine Sorgen verstanden oder sich überhaupt nur angehört hätte.

            So geht es mir auch jetzt noch - bis auf hier - mache ich es mit mir selbst aus.

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              Fakt ist allerdings auch, dass man sich nicht länger von den Launen anderer abhängig machen muss. Es ist unser gutes Recht, wenn nicht sogar unsere Pflicht uns selbst gegenüber, die eigenen Bedürfnisse in den Vordergrund zu rücken und nicht länger Spielball zu bleiben, sondern das Spiel selbst zu gestalten.
              Ich weiß, dass ich es kann, letztendlich geht es darum, es zu üben uns sich immer wieder daran zu erinnern. Dabei gibt es soviel Neues an sich zu entdecken, dass man hier ruhig auch wie ein Kind neugierig entdecken und alles ausprobieren darf.

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                Zitat von Chrysothemis Beitrag anzeigen
                Was ich auch schwierig fand, war alles mit mir selbst ausmachen zu müssen. Es gab niemanden, der meine Sorgen verstanden oder sich überhaupt nur angehört hätte.

                So geht es mir auch jetzt noch - bis auf hier - mache ich es mit mir selbst aus.
                Ich hatte wenigstens noch meine 6 Jahre ältere Schwester, die mich aus mancher Not gerettet hat.
                Deswegen hingen wir auch so aneinander.

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                  Ich bin froh und traurig zugleich. Ich habe gerade das Gefühl ein Tal überblicken zu können, und eine andere Perspektive zu haben. Die wesentlichen Dinge rücken in den Vordergrund, ich weiß, dass ich diese Perspektive vielleicht nicht sehr lange halten kann und es vielleicht auch wieder Zeiten geben wird, in denen es mir schwer fallen wird, mir treu zu bleiben. Gerade ist für mich aber einiges klar.

                  Ich bin es niemandem schuldig, ein Leben nach seinen Maßstäben und Vorstellungen zu führen. Ich allein bin für mich und mein Leben verantwortlich. Mit wem ich es teile, wo ich mein Leben verbringe, wann ich wen in mein Leben lasse und wozu und auch wann es Zeit wird für jemanden mein Leben zu verlassen. Wie viel Zeit ich mit den verschiedensten Dingen verbringe. Ich habe viel Zeit verschwendet, mich über Dinge zu ärgern und meine Gedanken um vieles kreisen lassen, damit wurde einiges davon größer und größer. Ich habe mich zu oft von der falschen Richtung packen lassen und bin irgendwann nur noch, an mir zweifelnd, über meine eigenen Füße gestolpert. Wenn man im Schlamm steht und sich beim Sinken zusieht, steht einem der Dreck irgendwann bis zum Hals. Unangenehm, eklig und mühsam wird’s obendrein. Anstatt das, was ich will und mir von Herzen wünsche, einfach zu leben, suchte ich nach Gründen, warum es mir nicht möglich ist, mir diesen Wunsch zu erfüllen. Persönlichkeitsentwicklung schön und gut, aber ich bin nicht nur ein Häufchen Elend, ich bin nicht nur eine Langzeitbaustelle, die hinterlassen wurde. Auf der Suche nach mir selbst habe ich vieles gefunden, was mir nicht gefiel und es gibt auch immer noch einiges, womit ich erst warm werden muss. Aber ich habe es satt, mich nur daran zu messen, was alles noch getan werden muss und was „renovierungsbedürftig“ ist. Ich habe erkannt: Die anderen können nur sehen, was ich selbst sehe und ich kann nur empfangen, was ich mir selbst auch zugestehe. Wie kann ich verlangen geliebt, respektiert und angenommen zu werden, wenn ich mich selbst nicht liebe, respektiere und akzeptiere? Wie können die Anderen all die guten Dinge an mir entdecken, wenn ich sie nicht zeige, weil ich glaube, dass es sie nicht gibt? Wie kann ich Liebe empfangen und empfinden, wenn ich glaube, eine solche Liebe nicht wert zu sein? Wie kann ich Wertschätzung annehmen, wenn ich mir selbst nichts wert bin? Wie kann ich verlässlich, organisiert und kompetent sein, wenn ich von mir selbst glaube, dass ich kein Mensch bin, mit dem man diese Eigenschaften verknüpft? Wie kann es mir gut gehen, wenn ich mich selbst drangsaliere, nicht für mich sorge und manche Menschen nicht des Platzes verweise? Wie kann ich mich weiter entwickeln, wenn ich mir selbst dafür nicht die nötige Zeit einräume und mich ständig unter Druck setze, mir einfach nicht vertraue?

                  Liebe, Glück und all diese Dinge stehen mir zu, bislang habe ich das nur nicht sehen wollen und weil das so war, habe ich mich selbst boykottiert. Und ich setze noch einen drauf. Es ist ein Glück, ein Geschenk, leben zu dürfen. Es wird Zeit, das Geschenk auszupacken und sich endlich mal darüber zu freuen.
                  Ich will mit all diesen Blut- und Energiesaugern nichts mehr zu tun haben (wobei ich mir selbst dabei der größte bin), allerdings ist es an mir selbst, daran etwas zu ändern. Und ich darf mir zutrauen, glücklich zu sein. Ich darf mir auch vertrauen, es gut hinzukriegen und mit den Dingen zu wachsen, ich werde nie auf alles vorbereitet sein. Wie könnte ich auch, wenn ich alles bereits kennen und können würde, gäbe es nichts Neues mehr zu entdecken. Ein kleines Glück steht mir zu. Ich möchte mir selbst erlauben, glücklich zu sein. Ich habe Erfahrungen darin, wie die Dinge nicht laufen sollten. Sammle ich doch ein paar Erfahrungen darin, wie ich mir vorstelle, dass sie laufen sollten oder könnten und stecke nicht gleich den Kopf in den Sand, wenn es doch mal anders kommt. Ich hoffe, dass ich dafür noch genügend Gelegenheiten finden werde!
                  Zuletzt geändert von Jannes; 01.02.2014, 08:02.

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                    Oh, wie schön sich das liest. Jetzt hast du mir ein Lächeln beschwert. Danke.

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                        Auch Tunnels haben ein Ende und münden nicht selten in Landschaften, wie man sie sich schon fast gar nicht mehr hatte vorstellen können.

                        Ihr Anblick eröffnet Perspektiven, erweckt alte und neue Wünsche und stillt Bedürfnisse, die im Tunnel immer wieder an den engen Wänden abprallten und als Enttäuschungen zurückkamen. Die Bedürfnisse waren zwar schon immer da,... es gab bisher - im Tunnel - nur keinen Raum für sie, in dem sie sich hätten befriedigen lassen.

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                            Zitat von Shepherd Beitrag anzeigen
                            Ihr Anblick eröffnet Perspektiven, erweckt alte und neue Wünsche und stillt Bedürfnisse, die im Tunnel immer wieder an den engen Wänden abprallten und als Enttäuschungen zurückkamen. Die Bedürfnisse waren zwar schon immer da,... es gab bisher - im Tunnel - nur keinen Raum für sie, in dem sie sich hätten befriedigen lassen.
                            Mir ist nun auch klar geworden, dass allerdings nicht nur meine Bedürfnisse in meinem Tunnelblick kaum zu erfüllen waren. Ich bin immer wie selbstverständlich davon ausgegangen, dass mein Partner sich nach meinen Bedürfnissen richten muss und es stellte sich mir auch nicht die Frage, ob er überhaupt bereit ist, einiges mit mir in Angriff zu nehmen. In meinem Kopf gab es gar nicht die Möglichkeit, dass er Nein sagen könnte. Wenn ich mir vorstelle, er hätte irgendwann einmal gesagt "Nein, ich will nicht mehr", hätte das wahrscheinlich auch irgendwie in mein Weltbild gepasst (ich bin es nicht wert, keiner kann mich leiden...).
                            Mir wird jetzt erst klar, wie er sich fühlen muss und ich weiß umso mehr, wie wertvoll er für mich ist und wie viel ich ihm bedeuten muss, dass er noch immer bei mir ist und mich obendrein nicht nur aushält, sondern außerdem bereit ist mit mir an mir und an uns zu arbeiten. Und wenn ich das so sage, dann diesmal überraschenderweise ohne Gefühle des Selbsthasses, ohne Selbstvorwürfe und ohne schlechtes Gewissen. Gerade schaue ich nicht zurück, sondern nur ins Jetzt und nach vorn.

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                              Zitat von Jannes Beitrag anzeigen
                              Mir ist nun auch klar geworden, dass allerdings nicht nur meine Bedürfnisse in meinem Tunnelblick kaum zu erfüllen waren. Ich bin immer wie selbstverständlich davon ausgegangen, dass mein Partner sich nach meinen Bedürfnissen richten muss und es stellte sich mir auch nicht die Frage, ob er überhaupt bereit ist, einiges mit mir in Angriff zu nehmen. In meinem Kopf gab es gar nicht die Möglichkeit, dass er Nein sagen könnte. Wenn ich mir vorstelle, er hätte irgendwann einmal gesagt "Nein, ich will nicht mehr", hätte das wahrscheinlich auch irgendwie in mein Weltbild gepasst (ich bin es nicht wert, keiner kann mich leiden...).
                              Mir wird jetzt erst klar, wie er sich fühlen muss und ich weiß umso mehr, wie wertvoll er für mich ist und wie viel ich ihm bedeuten muss, dass er noch immer bei mir ist und mich obendrein nicht nur aushält, sondern außerdem bereit ist mit mir an mir und an uns zu arbeiten. Und wenn ich das so sage, dann diesmal überraschenderweise ohne Gefühle des Selbsthasses, ohne Selbstvorwürfe und ohne schlechtes Gewissen. Gerade schaue ich nicht zurück, sondern nur ins Jetzt und nach vorn.
                              Liebe Jannes,

                              da ich ja keine gutes Händchen habe für Beziehungen, die über 6 Monate hinausgehen, beneide ich Dich ein bisschen.

                              Bei Dir klingt das gerade nach einem Durchbruch und es fühlt sich beim lesen so friedlich und nach Ankommen an.

                              Heartbeat

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                                Danke, Heartbeat.

                                Tatsächlich habe ich die Tage das erste Mal bewusst bei ihm nachgefragt, wie es ihm eigentlich mit mir geht. Vorher wusste ich auch, dass es mit mir nicht einfach ist, aber mir ging es deswegen schlecht.

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