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Einladung, sich auf einen Text einzulassen, der das Thema Schweigen einbettet in einen reichen Kontext, der auch die Themen Illusionen, Erwartungen und Verfehlen des Ziels streift.
László Krasznahorkai: Im Norden ein Berg, im Süden ein See, im Westen Wege, im Osten ein Fluß, aus dem Ungarischen übersetzt von Christina Viragh, Fischer-TB, Frankfurt a.M. 2007, hier S. 122-126
Vorbemerkung: Diese Roman-Meditation eines Ungarn über die Suche eines japanischen Prinzen nach dem schönsten Garten der Welt ins Deutsche übersetzt – das Suchen nach Antworten auf universelle Fragen verbindet eben Menschen aller Kulturen. Ist das nicht ermutigend?
Schon die Widmung ist ein Paradox: „Zweimal hat ihn niemand gesehen“
Um das Ringen nach Worten und zuletzt sogar Schweigen-Wollen kreist das Kapitel 40. Es ist als ein einziger Satzfaden geschrieben und zeichnet so die tastende Suche schon in der Konstruktion und im sperrigen Sprachduktus nach. Schweren Herzens habe ich gekürzt, um nicht durch die Länge zusätzlich vom Lesen abzuschrecken:
„Der Garten war im Kloster im doppelten Sinn verborgen.
Verborgen, weil der Hof und das Heiligtum, wo er lag, sich außerhalb des Systems der Haupt- und Nebenwege des Klosters befanden... es kam keinem auch nur in den Sinn, dort hineinzugehen, dort drinnen gab es, wie man wußte, überhaupt nichts zu suchen, einzig ein Laienbruder hielt sich dort auf, der nach dem Ableben seiner Frau schon seit Jahren allein in dem wackeligen, neben dem Heiligtum errichteten Hüttchen lebte und der im Hüttchen, im Garten und um das Heiligtum herum das Nötigste erledigte, wenn er nicht gerade seinen Shakuhachi blies.
Andererseits aber auch: verborgen in dem Sinn, daß, wenn man, zwar ohne sich Illusionen zu machen, die Steinstufen, die ganz eindeutig nichts versprachen, dennoch hinaufstieg und unter dem Steintor, das noch weniger versprach, hindurchschritt, auch gleich mit der vollendeten Tatsache konfrontiert war, daß alles so war, wie man es sich auf den Steinstufen und unter dem Steintor vorgestellt hatte, und daß es sich effektiv nicht gelohnt hatte, hier hereinzukommen, beziehungsweise das Geheimnis war so angelegt, daß jemand, der allem zum Trotz doch noch ein paar Schritte in den Hof machte, an dessen anderem Ende das Heiligtum und an seiner Seite das Hüttchen standen, noch immer nicht wußte, daß sich hier ein echter Garten verbarg...“
- Geschildert wird nun der Hof, der von einem Weg diagonal in zwei Dreiecke geteilt, im linken von ein paar verwilderten Bäumchen bewachsen ist. -
„einander zum Schaden und niemandem zu rechter Freude, auf der anderen Seite des diagonalen Gehsteigs hingegen genau an seinem rechten Rand, wuchsen noch ein paar dieser Bäumchen und Sträucher, zumeist nur ein paar bescheidene Sprosse, und es lagen da und dort, sozusagen gewohnheitsmäßig, auch ein paar größere behauene Steine herum, auf ihnen einige erbauliche Sutrazitate – wer also eintrat, bekam bloß das zu Gesicht, hinten sah er noch das Heiligtum, das seinerseits ebenfalls eher einem baufälligen Häuschen glich, ein anspruchsloses Holzkabäuschen war es, mit einem Schutzgitter in der Mitte und einer schlichten Glocke am oberen Balken, während sich drinnen im offenen kleinen Heiligtum eine wahrhaft häßliche holzgeschnitzte Kopie einer buddhistischen Heiligenstatue befand, sonst nichts, und hinten das Haus des Bruders, eine wackelige Angelegenheit, das war wirklich alles, und wer hereinkam, machte auch gleich kehrt, und es fiel ihm nie mehr ein wiederzukommen, und so erfuhr er nie, daß er einen Fehler gemacht hatte, einen großen Fehler, daß seine Unaufmerksamkeit zwar verständlich war, aber mit außergewöhnlichen Konsequenzen einherging, da er nicht bemerkt hatte, daß am rechten Rand des diagonalen Wegs, hinter den dort befindlichen Bäumchen, gewissermaßen in ihrer Deckung, hinten im rechten Dreieck: noch ein Garten war, ein winziger Garten, der schlichteste Garten der Welt, eine unnachahmliche, unerreichbare, atemberaubende Schöpfung rechts vor dem Nebentempel, auf zwei Seiten von einer hohen, etwas schimmligen einfachen Steinumfassung umgeben, und dieser Garten, versteckt im Schutz der Bäumchen und Sträucher, war im Grunde nichts anderes als ein lückenlos bodendeckender, einheitlicher, mindestens eine handbreit dicker, ins Silbrige spielender, massiver, sich aber unendlich weich anfühlender Moosteppich, aus dem acht gleich alte, ungefähr fünfzigjährige Hinokizypressen wuchsen, mit hocherhobenen Kronen.
Ein Moosteppich mit acht Hinokizypressen.
Es sehen und danach davon sprechen, es erblicken und danach dafür Worte finden, die richtigen Ausdrücke wählen, das Wesentliche heraufbeschwören, das war schwerer als alles andere, denn der Garten war von so einer starken Wirkung auf den Betrachter, daß dieser, mochte er noch so gelassen sein in seiner ersten Benommenheit, auf die eine noch größere Benommenheit folgte, als ihm nämlich aufzugehen begann, was er sah, daß dieser also auch der Sprache beraubt war, und zwar nicht der Fähigkeit beraubt, mit Hilfe von richtigen Wörtern und Ausdrücken diesen Garten zu beschreiben, sondern, um es schattierter zu sagen: wer sah, was im Dreieck rechts vom diagonalen Weg war, wer es zufällig fand und einen Blick darauf warf, der wollte gar nicht davon sprechen, als erstes hob der Garten sein Wollen auf, sein Bedürfnis, etwas zu sagen, deshalb war das Reden davon das sogenannte Finden der Wörter und richtigen Ausdrücke so schwer, denn die unendliche Schlichtheit des Gartens – ach was! das Ganze bestand ja aus ungefähr acht Schritten Moosteppich bis zur Umfassung auf der einen Seite und ungefähr sechzehn Schritten Moosteppich bis zur Umfassung auf der anderen Seite, vier mal acht Hiro, aus dem acht ungefähr gleich alte Hinokizypressen wuchsen mit rund fünfzehn Meter hohen Kronen...! die Tatsache, daß es in ihm keine verblüffenden speziellen Pflanzen gab, keinen Stein von phantastischer Form, keine Besonderheit, keine Sehenswürdigkeit, keinen Wasserfall, keinen Brunnen, keinen Affen, keine Schildkröte aus Holz, daß er also weder eine Sehenswürdigkeit noch ein Zirkus war und nichts zu tun hatte mit Annehmlichkeit und nichts mit der gehobenen oder gewöhnlichen Art der Unterhaltung, kurz seine wesentliche Schlichtheit war die nicht mehr weiter zu verdichtende Konzentration der Schönheit, eine Zauberkraft der Schlichtheit, der sich niemand zu entziehen vermochte, und wer das sah, wollte sich auch nie mehr entziehen, man stand dort und blickte auf den Moosteppich, der in weichen Wellen der unregelmäßigen Oberfläche des Geländes folgte, man stand dort und blickte auf das durchgehende silbrige Grün, das einem wie eine Märchenlandschaft erschien, denn es schimmerte von innen her, von innen her glänzte jenes unbeschreibliche Silber auf der durchgehenden, dicken Moosoberfläche, und auf so einer Grundlage war es, daß sich die ziemlich eng, nur in ein paar Metern Distanz, beieinanderstehenden acht Hinokizypressen erhoben, mit ihrer eigenen, sich in dünnen Riemen abschälenden wundervollen Rindentextur und dem lebhaften, frischen Grün ihrer Kronen, dem feinen Spitzenwerk dieser Kronen in der Höhe, kurz, wer stehenblieb und das betrachtete, mochte tatsächlich kein Wort mehr sagen, er stand nur und schwieg."
Das Thema Schweigen entwickelt im Lauf der Zeit Wurzeln in Bereiche, die ich nicht vermutet hätte. Der Schluß des zitierten Textes schlug tatsächlich förmlich Wurzeln:
"... kurz, wer ... das betrachtete, mochte tatsächlich kein Wort mehr sagen, er stand nur und schwieg."
In einem unbeachteten braunen Tontopf auf meinem Balkon – etwa zwei Hand groß ist die Erdfläche nur – flog zuerst Moos an. Ein dichter grüner Teppich, eher ein Pelzchen. Nun, seit etwa zwei Wochen, blüht dieses Moos: auf rostroten, haarfeinen, höchstens halbfingerhohen Stengelchen zittert je ein hellgrünes Keimblatt von halber Stecknadelkopfgröße. Wenn der Maiwind über die dichtstehenden Stengelchen streicht, eine winzige grüne Wellenbewegung von zarter Anmut. Und mittendrin, wer weiß woher angeflogen, von welchem Vogel mitgebracht, ein Pflänzchen. Und eines Morgens ist es voller blauer Blütchen – ein Vergißmeinnicht. Ein in seiner bescheidenen Vollkommenheit berückendes und rührendes Stückchen Wunder, völlig ungeplant – war es einfach.
Und endlich einmal schwieg beim Betrachten der ewige Wunsch zu beschreiben, das drängende Suchen nach Worten, um gleich festzuhalten, was bezaubert, um es nicht zu verlieren. Gerade als die eigene Wortsuche einmal zur Ruhe kam, fand ich rein zufällig diese passenden Worte von Leela - sie hat übrigens den Haiku-Faden initiiert - in einem eben wieder hochgeholten Faden:
...Wenn ich ohne Gedanken bin, und da dies mein Lebensziel ist, bin ich das des öfteren, zumindest für kurze Zeit, dann bin ich vorallem eins mit dem was ich tue. Gleichzeitig mache ich aber ständig völlig neue Lernerfahrungen. Es ist wirklich unglaublich, was mir alles entgeht, dadurch, dass ich so oft nicht im Jetzt lebe.
Diese Lernerfahrungen versuche ich dann sofort in Worte zu fassen, um sie nicht zu verlieren.
Die Worte bleiben, aber sie sind leer. Nur eine Ahnung bleibt zurück. Ich bastle an den Worten weiter, entwickle Theorien und bin dann genau da, wo ich nicht sein will. Da, wo mir das entgeht, was ich als Wahrheit erfahren habe...
Mit Schweigen ist vielleicht kein Blumentopf, aber mit (m)einem Blumentopf war staunend-erfülltes Schweigen zu gewinnen: Das Vergißmeinnicht unten und der weite, blanke Frühlingshimmel oben schweigen einander Tiefblau zu...
Das Thema Schweigen entwickelt im Lauf der Zeit Wurzeln in Bereiche, die ich nicht vermutet hätte – ja, es ist wirklich so:
- So erwacht allmählich eine ungewohnte Genauigkeit im Wahrnehmen. Etwas wie ein Drittes zwischen dem Blick mit der Lupe und dem Blick durchs Fernrohr. Dinge, Menschen, Erlebnisse scheinen eine neue Präsenz zu bekommen, etwas wie ein inneres Leuchten. So wie manchmal Nachmittagslicht auf dem Grund eines durchsonnten Wasserbeckens huschende Glanzreflexe der Oberflächenbewegung aufleuchten läßt, die einen bannen in ihrer lichten Gegenwärtigkeit.
- Ein seltsame Anziehungkraft geht plötzlich vom Kleinen, vom Bescheidenen, vom Schlichten, von Kleinigkeiten aus. Unscheinbares fängt den Blick und ein seidener Faden spinnt sich zum schweigenden Betrachter, als könnte das bisher Ungesehene erst jetzt eine eigene Stimme entfalten. Schlichten Dingen bewußt schweigend sich zuwenden, sich öffnen - und eine neue Qualität wird an ihnen spürbar, ein Raum „dazwischen“, einladend und befreiend, manchmal auch befremdend, sogar verstörend...
- Wie das Sehen schärft sich das Hören – des Gesagten, des Ungesagten, vor allem des Angedeuteten. Eigentlich nicht verwunderlich, ist doch durch das Schweigen Platz dafür geschaffen, eine Stille, in der leise Töne hörbar werden können.
- Eigentlich alle Sinne werden wacher, die Fühler empfindlicher, weil volles, rundes Schweigen mit Konzentration einhergeht, die Antennen auf Empfang statt Senden ausgerichtet sind...
Alles ganz naheliegend, wohl Lächeln weckend beim erfahrenen Schweiger über den staunenden, entdeckenden Neuling, aber eben wirklich neu bewußt durch den Freiraum des Schweigens.
Vieles ist noch zu unbestimmt, deshalb wohl besser... Schweigen...
Nur deutlich scheint mir: Schweigen kann auch verführen zum Rückzug. Das beschneidet dann die mögliche Fülle und das Wachstumspotential. Birgt solche Engführung doch die Gefahr, daß bei äußerem Schweigen die Geschwätzigkeit der Gedanken zunimmt, der Versuch zu benennen, zu beschreiben, in Worten festzuhalten. Genau das Gegenteil also von Erweitern und Wachsen.
Bestes Beispiel für „erweiterndes“ Schweigen dagegen das Schweigen im Kreis anderer und die Erfahrung, wie wohltuend geübte Schweiger als aufmerksame Zuhörer sind – für einzelne und Gruppen.
Das bestätigt noch einmal: Im Schweigen kann „es“ aufblühen. In den Schweigepausen eines Gesprächs entwickelt sich Wesentliches. Auch im „Gespräch“ hier in Forumsfäden geschieht das. Ein, wie ich meine, sehr gelungenes Gespräch über das Schweigen in diesem Sinn, das in "gefülltem" Schweigen endet findet ihr hier:
Und jetzt möchte ich mich bei allen, die schreibend diesem Faden hier „zugeschwiegen“ haben, herzlich bedanken mit der Zeile von Reiner Kunze aus einem Gedicht an seine Frau:
„Dreißig Speichen treffen die Nabe Die Leere dazwischen macht das Rad“
Dieses Zitat aus dem Tao Te King des Laotse las ich heute im Ausstellungskatalog „Die erfüllte Leere. Japan und der Westen“, Kunstmuseum Wolfsburg 2007.
Trifft es nicht genau die Tatsache, daß offenbar Menschen über zeitliche und kulturelle Grenzen hinweg auf der Suche sind nach der „gefüllten Leere“ und daß sie auf diesem Weg gerade auch das Schweigen verbindet? Es ist, als zögen sie von verschiedenen Punkten aus los, das Ziel aber ist allen gemeinsam: die „Mitte“, eben wie die Speichen sich in der Nabe treffen.
Folgende „Fundstücke“ stehen für viele andere:
„Das Wort ohne Werk ist tot, ja die ganze Welt ohne Liebe ist nichts wert. Die Liebe aber hat ihren Sitz nicht im Mund, sondern im Herzen aufgeschlagen.“ (Ignatius von Loyola)
„Herr … bewahre mich vor dem Drang bei jeder Gelegenheit etwas sagen zu müssen. Erlöse mich von der so großen Leidenschaft, die Angelegenheit anderer ordnen zu wollen. Lehre mich, nachdenklich und hilfreich, aber nicht beherrschend zu sein.“ (Teresa von Ávila)
„Reduktion! Man will immer mehr sagen als die Natur und macht den unmöglichen Fehler, es mit mehr Mitteln sagen zu wollen als sie, anstatt mit weniger Mitteln.“ (Paul Klee, Tagebücher 1908)
Nachdem so noch einmal die Fäden rund um das Schweigen verknüpft sind, bleibt wirklich nur – zu schweigen.
tja, was bedeutet für mich 'Schweigen'?
Für mich selbst ist Schweigen immer wieder wichtig und wertvoll um 'in mich zu gehen', um 'mir selbst wieder bewusst zu werden',
aber manchmal ist mein Schweigen auch wichtig für Andere.
Wichtig um ihnen den Raum zu geben den sie brauchen um sich entwickeln zu können ohne von mir zugetextet zu werden, ohne von mir Ratschläge zu erhalten, ohne meine Erfahrungen vorgesetzt zu bekommen sondern ihre eigenen machen zu können.
Aber manchmal fällt mir das Schweigen sehr schwer, fällt es mir schwer das Schweigen auszuhalten und damit anderen zuzugestehen ihre eigenen Erfahrungen machen zu dürfen - vielleicht aus Angst dass sie es nicht können? Vielleicht aus Angst dass sie dabei verletzt werden?
Und manchmal empfinde ich Schweigen als 'Teilnahmslosigkeit' und diesen Eindruck möchte ich einfach nicht erwecken. Kann es mein Gegenüber spüren dass ich Anteil nehme auch wenn ich schweige?
Wenn ich keine Antworten bekomme empfinde ich mich nicht wahrgenommen, nicht gesehen und damit alleingelassen mit meinen Fragen. Und das fühlt sich besch... an. Wie kann ich also schweigen und mein Gegenüber dennoch nicht dieses Gefühl vermitteln?
Ja, ich bin ratlos und schweige wohl jetzt besser. Na dann, noch eine restliche gute Nacht!
Anneliese
Das Schweigen großer Menschengruppen ist die Voraussetzung für
- die Arbeit illegaler krimineller Vereinigungen
- den Aufbau von Feindbildern
- die Opferung der Wahrheit
- die Diskriminierung, Verfolgung oder Isolation von Andersdenkenden
- Schaffung einer Atmosphäre von Kontrolle und Misstrauen
- die Unterwanderung demokratischer Strukturen
.....
- Völkermord
Ich habe mal jemanden gefragt, der sich zum Schweigen verpflichtet fühlte,
"Warum?"
Antwort: "Ich wollte leben!"
Simon der sich fragt,
ist es wirklich Leben
oder nur ein Überleben?
Kommentar