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Mein Leben als Autist

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    Mein Leben als Autist

    Hallo,

    ich bin Asperger Autist.

    Ich weiß das erst seit 3 Jahren, da habe ich die Diagnose bekommen. Von 8 möglichen und 3 notwendigen Übereinstimmungen erfülle ich 7, wobei der 8. Punkt nur schwach ausgeprägt ist.

    Damals hat mich das Ergebnis umgehauen. Ich, ein Autist? - Ich konnte es erst nicht glauben.

    Mit der Zeit wurde es mir immer klarer bis ich es akzeptieren konnte. Erleichtert, dass es so ist, bin ich bis Heute nicht.

    Ich möchte diesen Thread dazu nutzen mit euch über Autismus zu kommunizieren.

    Ich möchte euch dazu ermutigen mir Fragen zu diesem Thema zu stellen, die ich dann, so gut ich kann, beantworten werde.

    Ich weiß selbst noch nicht so viel über meinen Autismus, nur so viel einmal vorweg:
    Als Kind war mir lange Zeit nicht klar, dass ich anders bin. Ich dachte immer, die anderen sind anders. Als es mir so mit ca. 8 Jahren bewusst wurde, fühlte ich mich schuldig und schlecht. Seit ungefähr dieser Zeit habe ich Depressionen.

    Als Teenager wurde ich jahrelang in der Schule gemobbt. Auf die Frage, warum die anderen Schüler das taten, sagten sie, dass ich so anders sei und mich nicht integrieren würde. Deswegen mobbten (das Wort gab es damals noch nicht so in der Form), ärgerten sie mich. Die Lehrer haben sich übrigens zum Großteil daran beteiligt. Ich hatte das Gefühl, dass es ihnen Spaß gemacht hat. Ich konnte mich nie wehren und bin mit Todesangst zur Schule gegangen.

    Nach der Schulzeit wollte ich nur noch tot sein. Ich habe Selbstmordversuche unternommen, aber keinen bis zu Ende durchgeführt. Ich wollte tot sein, aber ich wollte nicht sterben.

    Meine Berufsfindung war schwierig, ich habe mal dies mal jenes gemacht und schließlich einen Pflegeberuf ergriffen. Das war nicht leicht, selbst von einer Lehrerin der Berufsschule bin ich gefragt worden, warum ich ausgerechnet einen Beruf erlerne, der mir so schwer fällt. Ich wusste es nicht, aber ich habe es durchgezogen.

    Vor, während und nach der Ausbildung kam ich mit meinen Kollegen nie gut klar. Aus heutiger Sicht denke ich, dass sie mir damals eins auswischen wollten, indem sie mich für ihre schwierigsten Fälle (Autisten) zur Einzelbetreuung einteilten. Sie kamen mit denen nicht klar, aber ich. Mir haben Autisten (diese waren mit geistiger Behinderung) immer Spaß gemacht, ich wusste instinktiv, wie ich mit ihnen umzugehen hatte, was sie brauchten, was nicht, was ihnen gefiel und was ihnen Spaß machte. Aus dieser Zeit habe ich meine schönsten und intensivsten Erinnerungen.
    Das machte meine Kollegen natürlich noch saurer auf mich und sie grenzten mich noch mehr aus. Damals habe ich das nicht verstanden. Sie nahmen mir die Einzelbetreuungen wieder weg und obwohl ich sie warnte, dass man das mit Autisten nicht machen kann, machten sie es doch. Die sind danach natürlich ausgeflippt und mir gaben sie die Schuld daran, weil ich auch gar nicht kapierte, was da mit mir gemacht wurde.
    Ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass ich selbst Autist war. Ich sagte mir immer, da habe ich wohl eine Begabung mit Autisten klar zu kommen.

    Ich hatte einige Beziehungen, die nicht einfach waren, weder aus meiner Sicht, noch aus der der anderen. Ich hatte nie ein besonderes Bedürfnis nach Sex und Heute denke ich, dass ich wohl Asexuell bin (das ist ganz neu in mir aufgekommen und ich muss das erst noch verarbeiten).

    Mit meiner Frau bin ich 15 Jahre verheiratet. Wir haben einen gemeinsamen Sohn, der ebenfalls Asperger Autist ist. Meine Frau ist keine Autistin. Ich habe sie mal sehr geliebt, Heute sind wir gute Freunde.

    Meine Eltern haben beide autistische Züge, ohne dabei im klinischen Sinne Autisten zu sein. Diese haben sie an mich vererbt. Ich habe eine Schwester, die ist keine Autistin. Sie möchte zu mir keinen Kontakt, hat Angst vor mir, weil ich in der Vergangenheit nicht immer freundlich war.

    Als Asperger Autismus bezeichnet man eine eher leichte Form der Autismusspektumsstörung. Asperger Autisten (AS) sind nicht geistig behindert, sondern haben eine normale bis hohe Intelligenz.

    Kanner Autismus geht meistens mit einer geistigen Behinderung einher. Allerdings gibt es hier eine Ausnahme und das sind Kanner Autisten mit High Function. Diese sind hochintelligent und nicht geistig behindert und trotzdem keine Asperger Autisten. Ich steig da auch nicht so ganz durch.

    Die sogenannten Autismusexperten (im übrigen sind das alles keine Autisten) streiten noch darüber, ob man Autismus in einzelne Kategorien teilen sollte oder ob man von einer Autismusspektrumsstörung im Allgemeinen sprechen sollte, wobei man dann aber sagen muss, ob derjenige stärker oder schwächer autistisch ist.

    Fakt ist, Autisten sind unterschiedlich und haben doch alle Gemeinsamkeiten.

    Unterschiede liegen in den Bereichen der Wahrnehmung, wo es hochsensible Autisten und eben keine hochsensiblen Autisten gibt, die Gemeinsamkeit in diesem Bereich liegt dann darin, dass alle Autisten das Wahrgenommene nicht filtern können, also eine Reiz-Leitungs-Störung haben.

    Unterschiede finden sich auch in den Spezialgebieten, die als Gemeinsamkeit aber jeder Autist hat. Jeder Autist hat irgendein erweitertes Hobby, dem er immer wieder nachgehen muss und dass ihm wichtiger ist, als alles andere. Nur hat nicht jeder Autist das selbe Spezialgebiet.

    Ich kenne auch keinen Autisten, der nicht irgendwann ein Mal in seinem Leben Mobbing ausgesetzt war.

    Und die meisten Autisten können sich von sich aus nicht angemessen wehren. Entweder wehren sie sich gar nicht oder zu stark.

    Autoaggressionen kommen bei Autisten häufig vor.

    Mehr fällt mir jetzt nicht ein. Vielleicht wollt ihr ja was wissen?

    Condor
    Zuletzt geändert von Shepherd; 04.03.2012, 15:11.

    #2
    im moment fällt mir zwar keine frage ein, aber ich möchte dir gerne diesen artikel hier zeigen

    Prix Courage 2010 : Der Sieger heisst Marc Hofmann - Beobachter

    hier in der schweiz wird jedes jahr der prix-courage verliehen. wie der name schon sagt, wird er für besondere zivilcourage vergeben. 2010 haben meine tochter und ich unabhängig voneinander für diesen jungen mann gestimmt. mich hat es schon ziemlich beeindruckt, dass er sich in dieser prügelei eingemischt hat.

    findest du das auch bemerkenswert, oder funktionieren autisten bei diesem thema auch nicht anders, als der rest der welt?

    ups, jetzt ist die frage doch noch rausgerutscht

    Kommentar


      #3
      Lieber Condor,

      vielen Dank für Deinen ausführlichen Einstiegsbericht! Ich habe mich bisher noch nie speziell mit Autismus beschäftigt, obwohl ich schon mit Autisten - in diesem Fall aber nicht Asperger-Austisten - zu tun hatte. Meine Schwester ist geistig behindert, und entsprechend bin ich in ihrer Schule und in der Lebensgemeinschaft, in der sie nun lebt, geistig behinderten Autisten begegnet. Diese Menschen waren sehr unterschiedlich stark in sich zurückgezogen, aber jeweils mit einer besonderen Begabung auf einem Spezial-Gebiet ausgestattet.

      Jeder Autist hat irgendein erweitertes Hobby, dem er immer wieder nachgehen muss und dass ihm wichtiger ist, als alles andere. Nur hat nicht jeder Autist das selbe Spezialgebiet.
      Darf ich fragen, welches Dein Spezialgebiet ist?

      Eben habe ich noch in Deinem Vorstellungs-Thread diesen Absatz gelesen:

      Ich hab meinen Sohn gefragt, wie er das macht, wie er es schafft von seiner inneren Welt in die reale Welt zu wechseln? Ich kann das nämlich nicht gut. Es kostet mich sehr viel Anstrengung, vor allem geistig in der realen Welt (damit ist eure nicht autistische Welt gemeint, ähnlich wie Träume nicht real sind, im Gegensatz zum Wachzustand) zu bleiben und nicht immer wieder in meine - ich nenne sie mal, um es zu verdeutlichen, Fantasiewelt - abzudriften.
      Mein Sohn sagte, dass ginge bei ihm so, als wenn der Wind eine Seite im Buch umblättert, also automatisch. Das ist gut für ihn.
      Diese beiden Welten interessieren mich sehr! Wie würdest Du den Unteschied zwischen Deiner inneren und der "realen" Welt beschreiben? Oder entzieht sich dieser Erfahrung einer Beschreibung? Was hat es mit diesem Wechsel zwischen den Welten auf sich?

      Um kurz anzureißen, warum mich gerade dieser Punkt so interessiert: seit eh und je nehme ich die Verbindung zwischen mir und meinem Körper als eher lose wahr. Obwohl ich mich grundsätzlich eigentlich wohlfühle in meinen Körper und auch körperliche Wohltaten genießen kann, habe ich immer die Tendenz aus ihm zu flüchten und so ein bisschen abzudriften. Mir scheint manchmal, dass meine innere Welt, nämlich die, in welche ich niemanden anderen einlasse, relativ groß abgezirkelt ist. Aber so etwas lässt sich natürlich nie wirklich vergleichen. Vielleicht kommt es anderen in bezug auf ihren privatesten Bereich ja genauso vor?
      Ich hatte nie ein besonderes Bedürfnis nach Sex und Heute denke ich, dass ich wohl Asexuell bin
      Geht mir genauso.

      Was hat eigentlich bei Dir den Ausschlag gegeben, dass die Asperger-Diagnose gestellt werden konnte? Da die Diagnose ja noch verhältnismäßig jung ist, muss man sich wohl fragen, ob die Ärzte, mit denen Du früher zu tun hattest, den Autismus früher hätten erkennen können?

      Ich hoffe, ich habe Dich jetzt nicht mit allzu vielen Fragen bestürmt! Bitte lass Dir - falls Du sie beantworten möchtest - alle Zeit der Welt!

      Viele liebe Grüße sendet Dir
      Chaja

      Kommentar


        #4
        Hallo just me,

        interessanter Artikel, aber ich denke für mich, ohne feige sein zu wollen, ich hätte es nicht gemacht und unerkannt den Notruf gewählt. Wahrscheinlich hätte ich mir Notizen gemacht, da ich immer etwas zu schreiben dabei habe. Ich bin auch körperlich nicht so fit.

        Ich weiß nicht, ob ich es mutig oder dumm finden soll. Zu deiner Frage, ich denke, da sind Autisten auch nicht anders als andere Menschen.



        Hallo Chaja,

        mein Spezialgebiet? - Schreiben, mir Geschichten ausdenken, so was halt in Richtung Fantasy-Science fiction. Ich nehme jedes Jahr zumindest daran teil:
        Gedichte Bibliothek - XV. Gedichtwettbewerb 2012
        Gewonnen hab ich noch nicht, aber stehe eigentlich jedes Jahr drin.

        Ich hab mir schon als Kind immer Geschichten ausgedacht. Mit meinem Sohn mach ich das öfter mal, dass einer von uns mit einem Satz anfängt und der andere erfindet dann einen Satz dazu und so weiter hin und her. Meistens werden die Geschichten mit ihm jedoch ziemlich kurios und er möchte immer gewinnen. Als mein Sohn kleiner/jünger war, hab ich ihm Geschichten und Rätsel für den Geburtstag geschrieben oder als er ganz klein war, also da, wo die Kleinen immer die Alpträume kriegen, hab ich ihm ne Geschichte geschrieben, wodurch er keine Angst mehr hatte.

        Wenn ich die Depressionen nicht so hätte, dann würde ich wahrscheinlich mehr schreiben. Ich denke, mein Buch kommt noch, wenn erst mal andere Dinge in meinem Leben abgearbeitet sind.

        Derzeit erlebe ich innere Geschichten als eine Art Kommunikationsmöglichkeit, mit der meine inneren Anteile (männlich und weiblich und eigentlich gehört dazu noch ein kindlicher Part, aber der ist derzeit nicht vorhanden) miteinander reden können und ich dadurch einen Selbstheilungsprozess erfahre. Dabei handelt es sich um selbsterfundene Helden und auch um Helden, die mich seit meinen Kindertagen begleiten und ein Teil meiner Seele geworden sind.

        Das musst du dir so vorstellen, wie ich mich innerlich fühle, so verläuft die Geschichte. So wie andere Menschen ihre Träume deuten, kann ich die Dialoge und Aktionen in meiner Fantasie dazu nutzen, meine Gefühle zu verstehen, zu deuten. - Das hört sich komplizierter an, als es ist. - Ich verlasse nicht meinen Körper, ich verlasse das reale Leben. Für mich ist das lebensnotwendig.

        Beantwortet das deine Frage? (Wenn nicht, frag ruhig noch mal anders.)

        Ich bin durch meine Sohn auf AS gekommen. Bei ihm vermutete ich bereits sehr früh einen Autismus, aber Ärzte und Psychologen haben mir nicht geglaubt, haben sich über mich lustig gemacht. Aber ich ließ nicht locker und als große Schulprobleme auf uns zukamen und mein Sohn die Schule mehrfach verweigerte und mehrfach gewechselt hat, habe ich mich irgendwann doch durchsetzen können und es wurde bei ihm ein Test gemacht, endlich von den richtigen Leuten.
        Und da ich mich informieren wollte, bestellte ich mir das Buch:
        Ein ganzes Leben mit dem Asperger-Syndrom: Alle Fragen – alle Antworten: Von Kindheit bis Erwachsensein: Was Menschen mit Asperger-Syndrom weiterhilft: Tony Attwood, Rainer Döhle: 9783830433927: Bücher
        Und siehe da, da hatte jemand ein Buch über mich geschrieben, auch über meinen Sohn, ich fand uns beide darin wieder.

        Und da mein Leben aus Problemen über Probleme über Probleme bestand, dachte ich mir, ich lass das auch abklären und siehe da, auch Aspie.

        Autismus ist gar nicht so leicht zu erkennen, vor allem, weil die meisten Psychologen und Ärzte sich nie damit beschäftigt haben. Asperger Autismus gehört nicht zum Grundstudium.

        Mit Lehrern ist es noch schlimmer, die denken in erster Linie, dass man sein Kind schlecht erzogen hat. Nach dem Motto, lass das Kind mal ordentlich hungern, dann wird er schon alles essen. Unser Sohn kam zur Welt, als gerade diese Gruselbücher wie "Jedes Kind kann schlafen lernen" usw auf dem Markt waren und fast jede Eltern das bei uns in der Gegend das in der Hand hatte. Tja, wenn man da nicht mitgezogen hat, dann waren wir doch selber schuld, dass unser Kind so anders war. - Heute bin ich natürlich froh, dass wir da nicht mitgemacht haben. Denn jetzt haben diese Eltern das Problem, dass ihre Kinder nicht nach ihren Bedürfnissen schlafen können. Unser Sohn geht ins Bett, wenn er müde ist, ohne Theater zu machen. *ätsch*

        Und zu meiner Zeit, ich bin 42, bin aufm Land groß geworden. Meine Eltern waren froh, wenn niemand nachgefragt hat, wollten nicht auffallen. Psychologie war damals ein Schimpfwort. Naja und meine Eltern dachten ja sowieso, dass ich ein böses Kind war, haben gedacht, dass man mich mit der richtigen Erziehung schon wieder hinbekommt. Somit kriegte ich keine Förderungen und wurde mehr oder weniger mir selbst überlassen.

        Bei unserem Sohn habe ich kaum eine Förderung ausgelassen und wir haben ihm immer das Gefühl gegeben, dass er, so wie er ist, der beste Sohn der Welt ist. Und das ist er auch für mich auf jeden Fall.

        Hm, naja, soweit erstmal.

        Condor

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          #5
          Hallo Condor,

          danke für deinen Bericht
          insbesondere finde ich positiv, dass du durch das Schreiben einen weg der selbstheilung gefunden hast.


          In einigem was du schreibst finde ich mich wieder.

          ich hatte auch das gefühl anders zu sein als andere. Sprach kaum, ging anderen menschen aus dem weg, fühlte mich ängstlich und unsicher in gruppen. Habe nach wie vor kein großes mitteilungsbedürfnis. Kein bedürfnis nach nähe und kontakt, ich komme gut alleine zurecht. Andere menschen strengen mich an (Trotzdem beschäftige ich mich in gedanken oft mit ihnen.).

          In der schule wurde ich auch gemobbt, weil ich anders war, und hatte deswegen selbstmordgedanken.

          Ich wundere mich, dass du deinen beruf ausüben kannst (in dem du viel mit menschen zu tun hast).
          Ja, bei Patienten mit ähnlicher Störung kann es von vorteil sein, wenn man selbst betroffen ist.

          im beruf hatte ich extreme schwierigkeiten, überhaupt auf die beine zu kommen. Ich bin nicht kommunikativ und nur eingeschränkt teamfähig.

          Aber ich glaube nicht, dass ich autist bin. Man sagt autisten sind nicht empathiefähig. Das bin ich schon, vielleicht eher zu stark. Ich bin oft mehr bei anderen als bei mir selbst..


          LG naranja

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            #6
            Hallo naranja,

            vorweg, ich arbeite nicht mehr in meinem Beruf, ich bekomme Erwerbsunfähigkeitsrente. Meine Frau arbeitet.
            Als ich noch gearbeitet habe, konnte ich besser mit den Behinderten auskommen, als mit Mitarbeitern oder Vorgesetzten.

            Kein Autist gleicht dem anderen, auch wenn man in gewissen Bereichen die selben Gemeinsamkeiten hat. Ich z.B. habe ein Mitteilungsbedürfnis, oft sogar zu viel davon.

            Ich habe mich vor meiner Diagnose für empathiefähig gehalten, musste mit der Zeit aber feststellen, dass ich das eigentlich nicht bin. Ich nehme eine Menge im Unterbewussten wahr, also eher in der Seele, kann das aber nicht für mich nutzen oder entschlüsseln. Ich nehme ganz viel Emotionen wahr, auch bei anderen, meistens die Emotionen, von denen die anderen nicht wissen, dass sie sie haben, also die Unterbewussten. Deswegen ist es für mich schwer mit anderen Menschen auszukommen, sie sagen etwas anderes, als das, was sie fühlen.

            An mir selbst nehme ich auch zu viel wahr. Ich kann aber die Emotionen, die ich habe meistens nicht in Worte fassen. Wenn ich jemanden liebe, werde ich erfinderisch. Oft kopiere ich Texte aus Songs, die besser beschreiben können, was ich fühle. Aber, auch das habe ich erlebt, die meisten Menschen können mit dieser Masse, dieser Tiefe an Emotionen nichts anfangen, es ist ihnen zu viel.

            Mehr bei anderen zu sein, als bei sich selbst, sehe ich als sehr menschlichen Zug. Es ist ja viel einfacher, sich um andere zu kümmern, zu sorgen, ihnen Ratschläge zu erteilen, als es bei sich selbst zu tun.

            _____________

            Ich habe heute noch mal so nachgedacht, was ich euch noch so über AS schreiben könnte.

            Ich nehme die Welt um mich herum sehr im Detail wahr, oft nehme ich nur die Details wahr. Ich sehe also jedes Blatt am Baum und ob er krank ist oder nicht, als den Baum als Ganzes wahr zu nehmen. Ganz deutlich wurde mir das, als meine Frau mal sagte, als Rauhreif an den Bäumen war, dass sie nun jeden Ast sehen könnte. Tja, das sehe ich ohne Rauhreif, jeden Tag, jedes kleinste Ästchen, jede Tannennadel, jede Unebenheit auf der Rinde usw. - Erst da habe ich verstanden, warum ich früher in der Schule Schweißausbrüche kriegte, wenn die Kunstlehrerin sagte, dass wir einen Baumstamm zeichnen sollten. Ich dachte, was? So was Schweres jetzt schon in der 8. Klasse? - Die anderen zeichneten ihre Baumstämme und ich verzweifelte an den Details.

            Ich bin ja nun der Hausmann hier bei uns und durch diese Detailwahrnehmung habe ich immer das Gefühl, dass unser Haus von Innen nie wirklich sauber ist. Ich sehe jedes Staubkorn, jeden Krümel und ich komme dagegen nicht an. Ich bin schon sehr viel schludriger als früher, einfach auch, weil ich durch die Depris das alles nicht mehr auf die Reihe kriege, aber jeden Dreck zu sehen ist nicht wirklich von Vorteil.

            Ich nehme im Detail wahr, was ich sehe, höre, rieche und fühle.

            Die Detailwahrnehmung müsst ihr euch so vorstellen, als wenn ihr jeden Tag mit einer Lupe vor den Augen und einem Trichter am Ohr durch die Gegend rennt, in der es extrem stark riecht und euch ein Orkan über die Haut bläst.

            Condor

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              #7
              Hallo Condor,

              wie äußert sich der Autismus bei dir, außer in deiner Detailwahrnehmung?
              Ich habe mich vor meiner Diagnose für empathiefähig gehalten, musste mit der Zeit aber feststellen, dass ich das eigentlich nicht bin.
              und wie merkst du, dass du nicht empathiefähig bist? macht sich das nach außen bemerkbar? reagierst du irgendwie unangemessen auf gefühlsäußerungen?

              ich persönlich halte wenig von diagnosen. Man wird schnell in eine schublade gesteckt und nicht mehr als mensch gesehen.

              Du machst einen relativ „normalen“ eindruck auf mich, jedenfalls äußerlich.
              Die wenigsten autisten schaffen es wohl, eine partnerschaft und familie zu haben. (oder es gibt wenige, die eine beziehung mit autisten aushalten)

              Die detailwahrnehmung kann ja bei anderen auch sein, oder nicht?
              Das kenne ich auch, dass ich bei anderen etwas wahrnehme, z.b. einen konflikt, sie selbst es aber nicht.

              Ja, mir fehlen auch oft die worte, um emotionen auszudruecken. Ich kann schlecht mit spontanen gefuehlsäußerungen umgehen. Manchmal reagiere ich hölzern oder abweisend. Aber bin ich deswegen autist?

              Asperger-Autisten haben mehr sachliche interessen, zwischenmenschliche beziehungen sind fr sie uninteressant, so habe ich es bisher verstanden.

              lg naranja

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                #8
                Hallo naranja,

                mir fällt meistens gar nicht so auf, was mich so anders macht, aber anderen fällt es auf, wenn sie mich näher kennen. - Das ist eins der Hauptmerkmale von AS, dass man so auf den ersten Blick nicht auffällt.

                Aber wenn man mit mir ins Gespräch kommt und ich wie ein Wasserfall rede und nicht merke, wie mein Gegenüber durch Gestik und Mimik mir zu verstehen zu geben versucht, dass es an der Zeit wäre, mit dem Reden aufzuhören, dann merken die anderen schnell, dass ich Autist bin.

                Mir muss man sagen, dass ich zu reden aufhören soll, an Gestik oder Mimik kann ich es nicht erkennen.

                Ich kann nicht aus Gesichtern lesen. Du müsstest schon in Tränen aufgelöst vor mir stehen, damit ich dich frage, ob du traurig bist.
                Wenn jemand lacht, weiß ich nie, ob der über mich lacht, über etwas anderes lacht oder mit mir lacht. Da ich aber negativ eingestellt bin, denke ich mir meistens, dass man über mich lacht (weil es in der Vergangenheit zu 95% auch so war).
                In der Vergangenheit waren die meisten Menschen dann sehr sauer, wenn ich ihre Hinweise nicht verstanden habe. Und ich habe mich immer dumm, blöd und schuldig dabei gefühlt, dabei kann ich gar nichts dafür.

                Das menschliche Gesicht besteht in seiner Mimik aus so vielen verschienden Facetten, dass es mir unmöglich ist, diese alle auswendig zu lernen.

                Das hat dazu geführt, dass ich den Leuten nicht gern ins Gesicht schaue, obwohl ich sehr von Augen fasziniert bin. Ich sehe menschliche Gesichter wie eine Pappscheibe, Punkt, Punkt, Komma, Strich...
                Ich weiß aber, dass meine Mitmenschen mich für unhöflich halten, wenn ich sie im Gespräch nicht öfter mal ansehe, also habe ich mir das angewöhnt und schau ab und zu mal auf. Besser zuhören kann ich aber, wenn ich gar nicht hinschaue.

                Weiter gehts zum Hören. Ich höre so viel, es strömt immer so viel auf mich ein und kann nichts davon sofort filtern, also alles, was ich so höre hat die selbe Priorität. Erst im nachhinein kann ich die unterschiedlichen Eindrücke filtern, was wichtig war und was nicht usw.
                Beispiele:
                - ich liebe den Winter, denn dann ist die Natur still, geh mal im Winter im Wald spazieren, herrlich, kein Gesumme, kein Gezwitscher, einfach Stille
                - ich hasse den Sommer, denn dann ist es im Freien sehr laut, Vögel zwitschern, es summt überall, die Menschen sind dann viel lauter und es sind viel mehr Menschen in der Natur, der Wind ist laut in den belaubten Bäumen
                - wenn ich einen Song höre, so höre ich jedes Instrument einzeln und dazu kommt dann noch der Gesang, das alles baue ich in meinem Kopf zu einem Gesamtmusikstück zusammen
                - Musik fasziniert mich, ich höre dann auch schon mal einen Lieblingssong in der Dauerschleife eine Stunde oder mehr hintereinander weg
                - Musik höre ich nur im Auto, da hält sie mich konzentriert, im Haus höre ich nie Musik, das würde mich stören
                - ich habe mal an einer Straße gewohnt, wo die Autos bei Regen durch die Pfützen gefahren sind, ich musste wegziehen, weil ich mich an das Geräusch nicht gewöhnen konnte und nachts bei Regen nicht schlafen konnte

                Ja und dann ist da noch eine Vorliebe für Stimmen. Als damals die Serie "Dallas" kam, habe ich die nur wegen der Synchronstimme von Patrick Duffy geschaut, weil das die selbe Stimme war, wie von meinem Held. Ich möchte gar nicht wissen, wie der Mensch dahinter aussieht, seine Stimme ist für mich magisch!

                Das ist so typisch für Autisten, nur an den Details interessiert zu sein, der Rest ist egal. Ich denke, das könnte daher kommen, weil man so extrem viel wahrnimmt und um nicht durchzudrehen klammert man sich an Einzelteile.

                Die Detailwahrnehmung kommt sicher auch bei einem Uhrmacher vor, aber er hat sie nicht in anderen Bereichen, sondern nur in seinem Job.

                Es gibt auch Autisten, die weniger ins Detail gehen, weniger wahrnehmen, aber immer noch mehr wahrnehmen, als nicht autistische Menschen.

                Asperger Autisten können in jedem Bereich ihr Spezialinteresse haben, auch mehrere, auch in der Psychologie, der Philosophie, der Esoterik und nicht nur in "sachlichen" Themenbereichen.

                Und jeder von euch hier kann autistische Züge haben, ohne dabei im klinischen Sinn Autist zu sein. Denn viele Menschen haben autistische Züge, das ist nichts seltenes.

                Was meine Frau und mich betrifft, dafür brauche ich noch einen eigenen Faden.

                Naja, die Autisten sagen, es ist schwer mit NTs (neurotypische Menschen = nicht autistische Menschen) umzugehen und die NTs sagen, es ist schwer mit autistischen Menschen umzugehen. Wem soll man jetzt glauben?
                Euer Vorteil ist auf jeden Fall, dass ihr in der Mehrzahl seid und die Welt somit neurotypisch ist.

                Um jetzt erst ein Mal zum Ende zu kommen, was das Autistische ausmacht ist zum einen, dass man nicht anders kann, man kann die Dinge, die man so macht, wie man sie macht und wahrnimmt, nicht abstellen und zum anderen die Störung im Reiz-Leitungssystem, dass man keinen inneren Filter besitzt, um das Wichtige vom Unwichtigen in der Zeit, wo man etwas wahrnimmt, zu unterscheiden. Alles ist gleichzeitig gleich wichtig.

                Condor

                Kommentar


                  #9
                  Lieber Condor,

                  da ich keine wirklich-bekannten Erfahrungen habe, kann ich wenig zu Deinem Faden beisteuern. Aber ich lese sehr interessiert mit und danke Dir fuer Deine Ausfuehrungen.
                  Mir faellt dabei auf, wie minimiert Sprache doch wiedergeben kann, was wir fuehlen / empfinden. Und wie aehnlich vieles klingt, weil man auf die wenigen Worte angewiesen ist.

                  eines noch.
                  Je mehr ich in mich einsteige, desto mehr bemerke ich, wie anders auch meine Wahrnehmung in vielem ist. Vermutlich gelte ich als NT - aber ich kann auch nicht behaupten, dass ich die Welt unter "Normalen" fuer durchweg einfach gehalten habe oder halte. Soll heissen, es war & ist oft schwer, so dass ich versuche zu erraten, 'wie man sich zu verhalten hat'.
                  Das Schoene ist, je mehr ich in mich einsteige, umso mehr bin ich (fuer mich!) okay wie ich bin.
                  Danke Dir somit dafuer nochmals, Deine Wahrnehmung oder die AS in diesem Faden zu erklaeren!

                  Kommentar


                    #10
                    PS: Ich habe gerade noch Dein Bild gesehen, das vom Baum in der Kugel.

                    Siehst Du so einen Baum oder ist es Deine Kunst?

                    Kommentar


                      #11
                      Hallo Kuestenkind,

                      ich finde es nicht schlimm, wenn nichts oder wenig über AS hier gewusst wird, ich schrieb ja schon, dass ich auch noch nicht so viel weiß. Jede Frage von euch bringt mich selbst auch ein Stück weiter, denn ich muss überlegen und nachdenken und das ist gut.

                      Also bitte weiter fragen!

                      Nein, das Bild mit dem Baum ist nicht von mir, einfach nur so, weil wir das Thema Baum ja auch schon hatten, um was zu testen.

                      _____

                      Je mehr ich über meinen Autismus nachdenke, vor allem auch, weil ich gefragt werde, desto mehr fällt mir dazu ein.

                      naranja hielt nicht viel von Diagnosen und dazu fiel mir ein, dass ich sehr viel von Diagnosen halte, da sie mir das Leben erleichtern.

                      Ich habe von Klein auf wirklich nirgendwo dazu gehört, ich war immer 5. Rad am Wagen. Je älter ich wurde, desto verschiedenste Gruppen traf ich, doch nirgendwo gehörte ich dazu. Ich war immer schon Außenseiter, leider auch einer, mit dem niemand was zu tun haben wollte oder mit dem man was machte, ohne es wirklich zu wollen, weil die Mütter das wollten.
                      Irgendwann war es mir zu viel, ich wollte auch irgendwo dazu gehören und deswegen begann ich zu suchen, viel zu lesen und zu erfahren und um daraus meine Schlüsse zu ziehen.

                      Ich bin froh, dass ich weiß, was mit mir ist, wo ich was dafür kann oder wofür nicht.

                      Ich konnte mich nach meiner Diagnose endlich für mein Verhalten entschuldigen, aber ich entschuldige mich nicht mehr für mein Sein. Ich übernehme Verantwortung für meine Gefühle, mein Verhalten und meine Taten, aber ich rechtfertige mich nicht mehr für das, was ich bin. Das hat mir eine große Last von den Schultern genommen. Und - von Außnahmen mal abgesehen - ich werde, seitdem ich mich zu meinem Autismus bekenne, eher akzeptiert, als vorher. Da haben mich die meisten Leute für schizophren, für irre und für gefährlich gehalten. Ich bin vielleicht so manches, aber gefährlich sicher nicht.

                      Im Internet ist das mit anderen Aspies so eine Sache für sich, denn in den Aspergerforen tummeln sich vor allem Narzissten und weniger Autisten. Die wenigen Autisten, die ich kennen gelernt habe, haben mir zwar sehr geholfen, aber die Narzissten sind auch dort in der Überzahl und machen ein autistisches Schreiben fast unmöglich, weil sie einen sofort angreifen und verletzen.

                      Für unseren Sohn ist es auch besser zu wissen, was mit ihm los ist, denn dass er anders ist, hat er auch schon begriffen. Wichtig vor allem, dass es nicht seine Schuld ist, aber dass er trotzdem dazu lernen kann. Auch gibt es inzwischen gute Literatur, auch für autistische Kinder selbst. Hab grad seiner Lehrerin ein Buch ausgeliehen, denn sie interessiert sich sehr für Autismus (war, bevor sie diese Klasse übernahm, die Autismusbeauftragte des Landkreises ---> ja, auch wir haben mal Glück!). Unser Sohn kommt mit ihr auch super klar.

                      Condor

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                        #12
                        Hallo Condor,

                        interessant.. einerseits nimmst du sehr viele details wahr kannst sie aber nicht filtern und nicht decodieren..
                        auch wenn die Detailwahrnehmung durchaus in manchen bereichen von vorteil sein kann..

                        Gesichter.. es ist eben vieles interpretation, projektion.
                        Letzlich weiß ich auch nicht wirklich, was in anderen vorgeht. Es hängt von mir ab, wie ich einen gesichtsausdruck oder eine geste interpretiere.

                        ich achte immer sehr genau darauf, andere nicht zu stören und sehe das dann auch in ihrem gesicht, ob ich störe.. ich sehe ablehnung besonders deutlich wenn ich mich selbst ablehne.
                        Ich tue mir daher auch meist schwer, andere direkt ins gesicht zu schauen.


                        Kommen Autisten mit anderen Autisten eigentlich gut zurecht? Wahrscheinlich schon, du schriebst ja, dass du in deinem beruf zu autisten einen guten kontakt hattest..

                        es sind eben unterschiedliche welten..
                        von nicht-autisten wird es als krankhaft angesehen, so zu sein.
                        Aber es wäre wohl angemessener, die andersartigkeit einfach zu akzeptieren.

                        zu den menschen mit autistischen zügen müsste ich mich wohl auch zählen.


                        Leidest du eigentlich darunter, so zu sein?

                        ich persönlich litt insbesondere in meiner jugend sehr unter meinem so-sein.
                        es war wie wenn eine unsichtbare mauer zwischen mir und anderen wäre..


                        lg naranja

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                          #13
                          Hallo naranja,

                          mit geistig behinderten Autisten bin ich sehr gut klar gekommen, mit nicht geistig behinderten Autisten ist es unterschiedlich, ähnlich so, wie nicht jeder NT mit jedem anderen NT klar kommt.

                          Ich habe festgestellt, dass der Schlüssel, ob man miteinander klar kommt, in der Erziehung liegt oder wie es Alice Miller geschrieben hat: Am Anfang war Erziehung.
                          Die Erziehung bestimmt, wer wir werden, wie wir werden und was wir aus unserem Leben machen. Dass ich so sehr an meinem Sein hardere, liegt an meiner Erziehung und nicht daran, dass ich Autist bin.

                          Trotzdem bin ich nicht gerade glücklich darüber, Autist zu sein. In meiner Jugend war ich mir nicht bewusst so anders zu sein und wenn ich nach der Schule nur für mich war, war ich glücklich. Leider wurde ich sehr stark gemobbt und zu Hause hatte ich auch keinen Halt, da empfand ich mein Leben nicht als wirklich lebenswert.

                          Mein nächstes Ziel ist, dass ich nicht mehr versuche, ein NT zu werden, denn das ist nicht möglich und dass ich mehr ich bleibe, wenn ich mit anderen Menschen zusammen bin, auch wenn ich dadurch auffalle.

                          --------------

                          Für Autisten typisch sind Stereotypien.

                          Das sind will- und unwillkürliche Bewegungen, Gedanken, Geräusche und auch Sprachwiederholungen, die unter Stress auftreten und einem helfen, sich wieder zu beruhigen.

                          Da mir bewusst ist, wie das in der Öffentlichkeit wirkt, halte ich mich damit zurück, unterdrücke das und mach das dann, wenn niemand mehr da ist, der mich beobachten könnte. Oder ich mache gewisse Fingerübungen in der Hosentasche, wo es auch keinem auffällt.

                          Wenn es mir sehr schlecht ging, bin ich auch zu Autoaggressionen übergegangen, wie z.B. den Kopf an die Wand hauen oder sich selbst schlagen. Heute mache ich so was aber nur noch ganz selten. Nicht, weil es weh tun könnte, das ist in solchen Momenten auch egal, sondern weil ich mich besser im Griff habe.

                          Kein Autist ist deswegen dumm oder gestört, sind wir sowieso nicht.

                          ---------------

                          Durch das Abschalten und die Vertiefung in die eigene Welt bin ich sehr schreckhaft.

                          Ich hasse Überraschungsbesuche und rate jedem an, sich vorher bei mir anzumelden. Bei Terminabsprachen bin ich sehr pingelig, ich dulde die akademische Viertelstunde, die sich jemand bei mir verspäten darf, alles andere danach, naja, das wäre dann unser letztes Zusammentreffen.
                          Ich bin derjenige, der immer zu früh da ist (außer wenn ich mit meiner Frau zusammen irgendwo hin muss, sie ist eine notorische Zuspätkommerin und macht mich damit wahnsinnig).

                          Ich muss immer genauestens planen, was ich so am Tag mache. Ich bin sehr unflexibel und gerate schnell in Panik, wenn sich an der Planung plötzlich etwas ändert. Dann passiert es auch schon mal, dass ich sehr ungehalten werde. Ich plane, damit ich mich zurecht finde. Es gibt mir Sicherheit.

                          Ich gehe eigentlich nie ein Risiko ein. - Ich kann nicht spontan sein.

                          Wenn ich irgendwo mit dem Auto hinfahren muss, dann fällt mir das immer schwer. Erstens, weil ich am liebsten zu Hause bin und zweitens, weil ich den Fahrweg vorher genauestens im Kopf in Bildern planen muss und auch, weil ich tatsächlich ins Auto einsteige und mir jedes Mal darüber Gedanken mache, dass ich auch heile ankomme.
                          Autofahren tu ich nur dann gern, wenn es nicht regnet oder schneit, wenn wenig Verkehr ist und es nicht dunkel ist (nachtblind). Autofahren ist für mich extrem anstrengend, weil ich mich arg auf das konzentrieren muss, was fürs Fahren wichtig ist und dass es unwichtig ist, was drumherum ist.

                          -------------

                          Nicht jeder Autist hat das alles, was ich habe und ich habe andere Dinge, die andere Autisten haben, nicht. Was ich hier aufschreibe ist nur gültig für meinen Typ Asperger Autismus, es sei denn, ich schreibe, dass es im Allgemeinen bei Autisten so und so ist. Aber auch da gibt es Ausnahmen.

                          Condor

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                            #14
                            Wenn ich Dich so mitlese, dann denke ich immer wieder, dass wir entweder in vielerlei Hinsicht Zwillinge sein könnten; oder ich zumindest auch Autist (Asperger stand bei mir ja als Kind schon zur Debatte und die Borderline-Diagnose ist nur eine von vielen, noch dazu eine, die ich massiv in Zweifel ziehe) - es ist unfassbar, wie sehr ich mich in vielen Teilen Deiner Beschreibungen wiederfinde.

                            Das Einzige was uns nennenswert zu unterscheiden scheint, ist, dass Du nicht so aggressiv zu sein scheinst, wie ich es lange Jahre war. Und, dass ich womöglich etwas flexibler bin, was daran liege dürfte, dass ich auf gewissen Ebenen Sonderbegabungen aufweise. Sowie die Tatsachen, des Lesens von Emotionen (aus Gesichtern), das kann ich (allerdings nur mechanisch erworben) und die Sexualität, denn asexuell bin ich definitiv nicht. Sehr spooky das Ganze. Und das meine ich weder sarkastisch, noch will ich Dich irgendwie schräg anmachen. Ich meine es exakt so, wie es hier steht.

                            Ich muss darüber erst einmal in Ruhe nachdenken (es sortieren). Ich bin mir sicher, dass Du weißt wie ich mich gerade fühle.

                            Eine Frage hätte ich allerdings. Bist Du (ebenfalls, so wie ich es ziemlich sicher bin) Synästhetiker und (so wie ich es definitiv bin) Eidetiker?

                            Fragegrüßle
                            Legendenwind
                            (Die sich gerade fragt, ob es für Dich okay wäre, würden wir auf PN umsteigen?)
                            Zuletzt geändert von Legendenwind; 01.03.2012, 20:05. Grund: Konkretisierung

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                              #15
                              Hallo Condor,

                              ich finde es bereichernd, dass du uns teilhaben lässt an deiner welt - und ich finde viele ähnlichkeiten.

                              Die Erziehung bestimmt, wer wir werden, wie wir werden und was wir aus unserem Leben machen. Dass ich so sehr an meinem Sein hardere, liegt an meiner Erziehung und nicht daran, dass ich Autist bin.
                              ja, das denke ich auch, dass die erziehung eine entscheidende rolle spielt. Wäre ich anders erzogen worden hätte ich mich wohl anders entwickelt, weniger ängstlich, offener, selbstbewusster.

                              Unter stress blockiere ich oft völlig. z.b-wenn ich vortrag halten musste, oder in prüfungen, kam es vor dass mir nichts mehr einfiel. Oder auch in gesprächen rede ich manchmal stockend wenn ich mich unter druck fühle.

                              Ich bin auch schreckhaft - wenn ich allein in einem raum bin und dann kommt plötzlich jemand zur tür rein zucke ich manchmal unmittelbar zusammen.
                              ich mag auch keine spontanen besuche.

                              Das kam bei mir auch vor, dass ich mich selbst schlage. Insbesondere dann, wenn ich einen fehler gemacht habe, oder wenn andere mich kritisieren. Ich bin extrem selbstkritisch, kann mir keine fehler verzeihen.

                              ich neige allerdings zum zuspät kommen. ich mag es nicht, früher dran zu sein, was soll ich denn dann machen? blöd rumstehen, zuschauen wie die anderen sich unterhalten? darauf habe ich keine lust..

                              Kein Autist ist deswegen dumm oder gestört, sind wir sowieso nicht.
                              Nein! - aber viele denken das..
                              Mich halten auch einige für gestört..
                              Jeder der irgendwie anders ist wird als gestört oder behindert abgestempelt.


                              lg naranja

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