Ankündigung

Einklappen
Keine Ankündigung bisher.

Mit den Eltern reden - für Anfänger

Einklappen
X
 
  • Filter
  • Zeit
  • Anzeigen
Alles löschen
neue Beiträge

    Mit den Eltern reden - für Anfänger

    Tja, wie die Kategorie-Überschrift schon sagt: ich habe ein Problem...

    Die Ausgangssituation:
    Ich habe zu meinen Eltern kein wirkliches Verhältnis. Sie sind liebe, nette Menschen, aber sie sind mir letztendlich egal und waren das auch eigentlich immer schon. Wir kommen ganz gut miteinander aus, aber wir haben uns nix zu sagen. Das war immer schon so: Alle Gespräche fanden und finden nur an der Oberfläche statt, so dass wir einander im Endeffekt auch gar nicht kennen.

    Das war jahrelang kein Thema, aber inzwischen sagt speziell meine Mutter, dass ihr ihre Kinder und Enkel fehlen (meine Eltern wohnen ca. 700 Kilometer entfernt). Also bemüht sie sich um Kontakt, den sie auch mit meinem Bruder und dessen Familie hat. Es gibt wöchentliche Telefonate und auch ab und zu Besuche in beiden Richtungen.

    Ich habe früher auch öfter mit meinen Eltern telefoniert, aber irgendwann habe ich gegen dieses nichtssagende "Bei uns scheint die Sonne, aber gestern war es etwas kühler und Papa will heute Nachmittag noch in den Baumarkt..." eine regelrechte Aversion entwickelt. Ich habe irgendwann aufgehört, anzurufen, weil meine Mutter ja eh jeden Sonntag gegen 10:30 Uhr anrief. Inzwischen ruft sie nur noch alle paar Wochen an, und ich spüre, wie sehr sie bemüht ist, ein Thema zu finden, was mich vielleicht interessiert. Oder aber sie redet über irgendeine Belanglosigkeit wie gerade beschrieben. Aber es ist alles halt bemüht und völlig verkampft.

    Wir kommen der Sache näher... denn:
    Ich will das nicht mehr! Egal was meine Mutter redet, egal, wie sehr sie sich um Kontakt zu mir bemüht, ich kann es einfach nicht ertragen. Alleine der Gedanke daran, dass ich irgendwann wieder mit meiner Mutter "belanglosifinieren" muss, schlägt mir auf den Magen. Sie meint es ja nur gut und so ist mein schlechtes Gewissen ihr, aber auch meinem Vater gegenüber riesengroß.

    Denn einerseits verstehe ich ja den Wunsch nach mehr Nähe, aber andererseits will ich nun mal mit meinen Eltern nicht mein Leben (mit)teilen. Ich stecke beispielsweise zur Zeit in einer .... nun ja, sagen wir mal, recht "fordernden" Beziehung. Eine "normale" Tochter würde sicher auch ihren Eltern mal davon erzählen. Aber ich will es nicht. Ich will diese Dinge, mein Innerstes, meine Sorgen und Nöte nicht mit ihnen teilen, weil sie es eh nicht verstehen. Bzw. weil sie sich nie dafür interessiert haben und mein Seelenleben schon früher allenfalls etwas zum Belächeln war (wenn ich z. B. als Teenie in einen Filmstar verknallt war), aber keinesfalls Anlass für eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem, wer und was ich bin.

    Inzwischen ist es auch ein Stück weit so, dass ich gar nicht mehr will, dass sie es (mich) verstehen. Denn dann müsste ich Nähe zu ihnen zulassen. Das kann ich aber nicht bei Menschen, dir mir nun mal nicht nahe sind.

    Und nun zu meinem Problem:
    Ich möchte gerne meinen Eltern sagen, dass für mich ein Kontakt reicht, der nur dann entsteht, wenn man sich wirklich etwas zu sagen/erzählen hat. Klar, ich könnte genau das sagen: "Ich möchte nur Kontakt mit euch, wenn es um etwas Wichtiges geht. Den Austausch von Wetterberichten und Alltagsaktivitäten brauche ich nicht.".

    Aber dann...! *hilflosguck*

    Denn probiert habe ich es ja schon und weiß daher, dass speziell meine Mutter fragen wird "Wieso?" und "Was haben wir dir getan?", worauf ich bislang immer nur herumgedruckst habe, weil ich mich nicht traute, die Wahrheit zu sagen: "Ihr habt mir nichts getan, aber ich bin einfach an Kontakt mit euch nicht interessiert." Ich meine, dass kann ich denen doch nicht einfach so vor den Latz knallen!!! Sie wollen wissen, warum - was ich völlig legitim finde. Aber was sage ich da? Wie formuliere ich es? "Ihr seid mir egal."? "Mit Interesse an mir hättet ihr vor 30, 40 Jahren anfangen müssen."? "Nur weil ihr Sehnsucht nach mir habt, muss ich doch nicht automatisch dem Wunsch entsprechen, wenn ich es doch nicht will."? "Nur weil wir verwandt sind, müssen wir uns doch nicht mögen."?

    Ich weiß: "wasch mich, aber mach mich nicht nass!". Und dennoch geht meine Frage in eine andere Richtung. DASS ich etwas unternehmen, etwas sagen muss, ist mir klar. Ich habe nur keine stichhaltigen, überzeugenden Argumente. Und ohne solche werden sie sauer sein. Und dann haben wir "die Kacke am Dampfen".

    Zum Schluss noch ein wichtiger Punkt:
    Es geht mir hier jetzt NICHT um die Lösung des generellen Problems mit meinen Eltern, ein besseres Verhältnis herstellen und so. Das ist zu komplex und kompliziert, als dass ich es hier in aller Tiefe ausbreiten kann und will und es spielen noch andere (Dritt)-Faktoren da mit rein.

    Da aber - wie ich gestern durch Zufall (!) von meiner Schwägerin erfuhr - meine Eltern morgen zum Geburtstag meines Bruders kommen (das hatte meine Mutter beim Muttertagstelefonat am Sonntag natürlich "vergessen" zu sagen, solche Belanglosigkeiten muss man ja nicht erwähnen... *sarkastischguck*), ist bei mir schon wieder alles auf Alarm programmiert. Na ja, vielleicht hat der ein oder andere hier ja eine Idee, wie man ein solches Gespräch führen - zumindest aber überleben - kann...

    Für Vorschläge wäre euch echt dankbar

    Eure Queenie

    #2
    Hallo Queenie,

    eine nicht einfache Situation, in der Du da steckst.

    ich spreche da aus eigener schmerzlicher Erfahrung.

    Mir geht es ähnlich wie dir, auch mich stört es, wie leidenschaftlich belanglos meine Mutter mit mir spricht. Manchmal möchte ich sie einfach schütteln! Andererseits glaube ich mittlerweile, dass diese Smalltalksache auch eine Art innerer Abwehr ist.

    Du schriebst mehrmals, dass deine Eltern dir egal seien.
    Das wage ic einmal -unbekannterweise- zu widerlegen. denn wäre es so, dann würdest du dir keine Sorgen machen um dessen Reaktion, wenn du Tacheles sprechen würdest...

    Warum meinst du ist euer Kontakt zu oberflächlich?
    Würdest du dir mehr Tiefe wünschen?

    Kommentar


      #3
      Zitat von queenie Beitrag anzeigen
      Ich weiß: "wasch mich, aber mach mich nicht nass!". Und dennoch geht meine Frage in eine andere Richtung. DASS ich etwas unternehmen, etwas sagen muss, ist mir klar. Ich habe nur keine stichhaltigen, überzeugenden Argumente. Und ohne solche werden sie sauer sein. Und dann haben wir "die Kacke am Dampfen".
      Liebe queenie,

      ich kann nur zwei theoretische Kopfnüsse beisteuern, zur Selbstreflexion. Beide aus meiner GFK-Ausbildung, beides Kopfnüsse, an denen ich selbst immer wieder zu kiefeln habe.

      Die erste Kopfnuß gab mir mein GFK-Trainer auf, als ich Schwierigkeiten mit meinem Versandmitarbeiter hatte, weil der auf mein cholerisches Aufbrausen immer mit Angst und Verteidigung reagierte. Mein Wunsch: Er solle doch bitte einfach verstehen, daß ich halt schnell wütend werde und nicht immer gleich Angst haben, denn meine Wut gehe ja auch schnell wieder vorbei und führe selten zu mehr als lauten Worten. Ich sei halt ein cholerisches Häferl, habe doch bitte ein Recht so zu sein, ich tue ja niemandem etwas. Frage an meinen Trainer: Wie sage ich das?

      Kopfnuß 1: Er meinte: "Ja, natürlich hast du ein Recht, in jeder Situation mit deinem bevorzugten Gefühl zu reagieren und das auszudrücken. Keine Frage. Und dein Versandmitarbeiter hat dasselbe Recht. Dein Gefühl ist Wut und du gehst kurz in die Luft - und sein Gefühl ist Angst und er reagiert mit Verteidigung. Wenn du möchtest, daß dein Gegenüber ohne Angst reagiert, wirst du einen anderen Mitarbeiter brauchen."

      Was ich ihm im Grunde sagen möchte, meinte mein Trainer, sei: "Ich möchte Ihnen sagen können, was ich will, und ich möchte Ihnen vorschreiben, wie Sie darauf reagieren dürfen, welche Gefühle Sie haben dürfen und welches Sie bitte absolut nicht haben dürfen, oder wenn Sie es doch haben, bitte ja nicht zeigen, damit es mir nicht schlecht geht."

      Und diese Bitte sei schlicht nicht möglich. Wir können dem Anderen mit aller Wertschätzung alles sagen, was wir ihm sagen wollen, und wir können uns bemühen, keine absichtlichen Verletzungen oder Trigger einzubauen. Da endet unsere Freiheit und unsere Verantwortung. Und der Andere ist frei, auf das, was wir sagen, so zu reagieren, wie es seinem Wesen entspricht, wie es ihm gerade möglich ist. Eigentlich sehr einfach. Und schwer auszuhalten. Da sind wir wieder bei: Können wir uns selbst verzeihen, daß wir in unserem Leben immer wieder dazu beitragen werden, daß es anderen Menschen schlecht geht?

      Kopfnuß 2:

      Im Grunde haben wir nie Angst vor der Reaktion des Anderen. Wir haben Angst vor unserer eigenen Reaktion auf die Reaktion des Anderen. Wir haben Angst vor dem Gefühl, das seine Reaktion in uns selbst auslöst - nicht vor dem Gefühl, das der Andere fühlt. Müßten wir dieses Gefühl nämlich nicht mitkriegen, nicht sehen, uns nicht damit konfrontieren, könnten wir schon irgendwie damit leben, daß es Anderen schlecht geht.

      Oder?

      Sprich:

      Genau. Das Problem heißt meines Erachtens "wasch mich, aber mach mich nicht naß". Du hättest, so wie ich es verstehe (und wie ich es selbst kenne) gerne die Kontrolle über das, was danach passiert, die Sicherheit, daß nur das passiert, womit Du sicher umgehen kannst, wo Du weißt, wie Du damit umgehst, ... was auch immer. Und die hast Du nicht, wirst Du nie haben. Deine Mutter wird reagieren wie auch immer sie reagiert. Und Deine Freiheit ist, dann darauf so zu reagieren, wie es Dir möglich ist/wie Du möchtest.

      Wie gesagt: Ich kiefle immer wieder und immer wieder an diesen zwei Kopfnüssen. Ich anerkenne die Aussagen als wahr - und praktisch scheitere ich immer wieder daran. Schiebe Gespräche, verschleiere und versüße, was ich sagen will, opfere meine Bedürfnisse auf dem Altar der (scheinbaren) Harmonie.

      Vielleicht hilft es Dir, mal in diese Richtung zu denken und in Dich reinzufühlen.

      Kommentar


        #4
        Zitat von queenie Beitrag anzeigen
        einerseits verstehe ich ja den Wunsch nach mehr Nähe, aber andererseits will ich nun mal mit meinen Eltern nicht mein Leben (mit)teilen. Ich stecke beispielsweise zur Zeit in einer .... nun ja, sagen wir mal, recht "fordernden" Beziehung. Eine "normale" Tochter würde sicher auch ihren Eltern mal davon erzählen. Aber ich will es nicht. Ich will diese Dinge, mein Innerstes, meine Sorgen und Nöte nicht mit ihnen teilen, weil sie es eh nicht verstehen.
        dieser zug ist vielleicht abgefahren. mit deiner haltung hast du aber auch mächtig dazu beigetragen. self-fulfilling prophecy...
        du kannst nun so weitermachen oder -mut zur lücke- deine sicher berechtigten vor-urteile beiseite packen und aus dem eingemachten reden. vielleicht (wahrscheinlich?) wird das ein streitgespräch. ihr müßt ja erstmal aus eurer alltags-pelle raus. da platzt was auf!
        aber nicht vergessen: du bist kein teenie mehr, der in in einen filmstar verknallt ist. und das leben deiner eltern verläuft wohl so belanglos...

        Kommentar


          #5
          Ach, und ad "Argumente":

          Die Fragen "viel oder wenig Kontakt", "Wunsch nach Nähe/kein Wunsch nach Nähe", "Sehnsucht nach Tiefe/Freude o.ä. an Oberflächlichem" sind keine Sach-Themen. Es ist meines Erachtens nach müßig zu glauben, es gäbe hier "Argumente".

          Tatsächlich geht es um subjektive, eigene Wünsche, und die muß man nicht einmal begründen. Ein Anderer muß uns nicht immer etwas "getan" haben, wenn wir merken, daß wir immer weniger Bedürfnis haben, den Anderen zu sehen.

          Auch schwer zu akzeptieren. Ich hatte das mit einer langjährigen Freundin nach über 20 Jahren Freundschaft. Und ich habe mehrere Jahre gebraucht, um mir zu verzeihen, daß es mir halt mit ihr so geht, wie es mir mit ihr geht. Und uns beide aus der "Schuldfrage" zu entlassen.

          Kommentar


            #6
            Hallo liebe MissPig,

            Die Fragen "viel oder wenig Kontakt", "Wunsch nach Nähe/kein Wunsch nach Nähe", "Sehnsucht nach Tiefe/Freude o.ä. an Oberflächlichem" sind keine Sach-Themen. Es ist meines Erachtens nach müßig zu glauben, es gäbe hier "Argumente".

            Tatsächlich geht es um subjektive, eigene Wünsche, und die muß man nicht einmal begründen. Ein Anderer muß uns nicht immer etwas "getan" haben, wenn wir merken, daß wir immer weniger Bedürfnis haben, den Anderen zu sehen.
            Wenn ich das so lese, muss ich dir voll und ganz zustimmen (und ich tue es auch gerne ).

            Gleichzeitig erkenne ich, dass genau der Zusammenhang in meinem Leben generell ein Triggerpunkt bei mir ist. Immer glaube ich, mich erklären, verteidigen zu müssen. Ich bin tief in mir fest davon überzeugt, dass eine Erklärung, ein Zusammenhang, ein Verstehen bei dem Anderen weniger negative Gefühle hervorruft - weil... ich habe ja einen guten Grund für das, was ich will oder brauche, was ich liebe, fürchte oder hasse. Kann ich das indes nicht begründen, wird es mir eh nicht zugestanden, sondern man wendet sich mit einem "Na, sag ich doch, du weißt selber nicht, warum." von mir ab.

            (Interessanterweise ist das auch ein Verhaltensmuster zwischen mir und meinem Freund. Auch er lässt ein Argument nur gelten, wenn es logisch ist = wenn ER kein schlüssiges Gegenargument hat. Aber das nur mal so am Rande.)

            Deine Kopfnüsse werde ich mir später in Ruhe zu Gemüte führen. Spontan ein Gedanke:
            ...und wir können uns bemühen, keine absichtlichen Verletzungen oder Trigger einzubauen. Da endet unsere Freiheit und unsere Verantwortung.
            Und davor habe ich wohl letztendlich solche Angst: zu verletzen - wenn auch nicht gewollt. Nicht das zu sagen, was ich meine. Mich von meinen Ängsten leiten zu lassen und so gar nicht das sagen, was ich sagen will.

            Zu oft habe ich schon (im Kleinen wie im Großen) erlebt, dass falsche Worte, falsche Sätze, falsch ausgedrückte Begründungen zu Ablehnung, Streit und Ärger geführt haben. Würze das Ganze von mit einer Portion "Ich höre nur das, was ich hören will." und du hast mein Kommunikationsmuster vor dir: unverstanden.

            Verstehst du, ich habe einfach Angst, nicht das Richtige zu sagen. Das, was ich wirklich sagen will.


            Nun zu dem, was du schriebst, liebe Lady Marian:

            Du schriebst mehrmals, dass deine Eltern dir egal seien.
            Das wage ic einmal -unbekannterweise- zu widerlegen. denn wäre es so, dann würdest du dir keine Sorgen machen um dessen Reaktion, wenn du Tacheles sprechen würdest...
            Hm, nein. Es ist eher so, dass ich weiß, dass ich ihnen mit meiner Ablehnung großen Kummer bereiten würde. Und das möchte ich nicht. Ich bereite generell nicht gerne Menschen Kummer.

            Ein Körnchen Zutreffen entdecke ich allenfalls in meiner Angst, mit so einem Gespräch möglicherweise einen Bruch in unsere Familie zu bringen. Das hat es in unserer Familiengeschichte schon einmal gegeben. Damals ging es um eine Scheidung und die Erwartung meiner Oma, entweder für ihren Sohn Partei zu ergreifen oder andernfalls gegen sie zu sein.

            Warum meinst du ist euer Kontakt zu oberflächlich?
            Würdest du dir mehr Tiefe wünschen?
            Ich muss gleich los zu einem termin, daher möglichst kurz.

            Oberflächlich? Weil der Kontakt so ist, wie ich beschrieben habe: Alltagskram, Wetterberichte, Einkaufsgeschichten. Mehr nicht.

            Mehr Tiefe: Nein, die wünsche ich mir nicht. Ich empfinde seit Jahren für meine Eltern so, dass, wären sie nicht meine Eltern, ich nie näheren Kontakt mit ihnen hätte haben wollen.

            Kommentar


              #7
              Liebe queenie,

              ich staune gerade, weil auch ich diesen Beitrag 1:1 hätte schreiben können. Allerdings habe ich den Schritt, den du gerade vorzubereiten versuchst, schon hinter mir. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich eine solche Situation nicht lange und nur schwer ertragen kann und es mich nicht nur jedes Mal mehr Überwindung gekostet hat, in Kontakt zu gehen, sondern der Kontakt auch jedes Mal oberflächlicher, "flacher" und unangenehmer wurde. Bei mir ist der Knoten tatsächlich geplatzt, als meine Mutter mich bei einem Besuch direkt fragte, warum ich so selten käme, sie hätte das Gefühl, ich würde mich auch jedes Mal nicht wohlfühlen. Da hatte sie mich in einem für sie ungünstigen und für mich günstigen Moment erwischt, weil ich antwortete:"Was soll ich auch hier? Wir haben uns nie was zu sagen, sitzen nur da und unterhalten uns über Banalitäten."
              Natürlich war sie verletzt und das tat auch mir weh. Immerhin habe auch ich bis dahin mit aller Macht versucht, dieses Gespräch zu vermeiden, weil ich nicht wusste, wie ich es anstellen sollte. Es liefen Tränen, bei uns beiden. Ich sagte ihr, dass ich mein eigenes Leben hätte und sie in diesem derzeit einfach wenig Raum einnehmen. Interessanterweise stellte sie mich nicht zur Rede, erwartete keine weitere Argumentation und es bedurfte auch keiner, denn immerhin lebten auch sie nicht im luftleeren Raum und hatten sie Stimmungen zwischen uns schon aufgenommen. Im Grunde genommen kam also die Erklärung, die meinerseits wenig rücksichtsvoll und feinfühlig geäußert wurde, keinesfalls überraschend. Es folgte eine "wissende" Umarmung, die mich spüren ließ, dass wir es beide bedauern, dass es so ist, aber auch akzeptierten.
              Ich hatte es satt, nur mehr Rücksicht auf ihre Bedürfnisse einzugehen, lag doch meines ganz woanders. Als ich endlich bereit war, meine eigenen Bedürfnisse vornan zu stellen, setzte ich mich schließlich also auch für sie ein.
              Das ist nun ca. anderthalb Jahre her. Ich habe nach wie vor wenig Kontakt und damit geht es mir gut. Die Chance, die darin liegt, eigene Bedürfnisse in Bezug auf eine Beziehung zu äußern und zu vertreten liegen auch ganz klar darin, dass dieses Thema, welches sonst permanent umgangen wird, endlich auf den Tisch kommt. Es bietet beiderseits Möglichkeit zur Verortung, zur Reflexion. Und es bietet die Chance, dass sich besagte Beziehung neu gestalten lässt. Ich habe zwar selten Kontakt, dafür kann ich mich bei Treffen oder Telefonaten nun eher einlassen, erlebe sie als weit weniger unangenehm. Ich habe auch schon mal unverhoffte Besuche abgestattet, als ich in der Nähe war. Das hätte es früher nie gegeben. Ich habe das Gefühl, dass nun beide Seiten den Kontakt eher schätzen und die Zeit auch besser füllen. Ganz entscheidend für mich ist meine eigene Entscheidungsgewalt: Ich entscheide ob, wann und wie lange.
              Ich verstehe, dass das "Wie" für dich entscheidend ist. Ich bin mittlerweile für ehrliche und klare Worte. Zuviel Vorsicht birgt die Gefahr, dass du weiterhin eigene Bedürfnisse hinten anstellst. Deine Entscheidung bedarf keiner Begründung, außer, dass es das ist, was du willst und was du brauchst. Für GFK-Kommunikation bin ich also definitiv nicht der richtige Ansprechpartner Und mag ich auch nicht sein.

              Liebe Grüße und viel Erfolg!

              Kommentar


                #8
                Zitat von queenie Beitrag anzeigen
                Hm, nein. Es ist eher so, dass ich weiß, dass ich ihnen mit meiner Ablehnung großen Kummer bereiten würde. Und das möchte ich nicht. Ich bereite generell nicht gerne Menschen Kummer.

                Ein Körnchen Zutreffen entdecke ich allenfalls in meiner Angst, mit so einem Gespräch möglicherweise einen Bruch in unsere Familie zu bringen. Das hat es in unserer Familiengeschichte schon einmal gegeben. Damals ging es um eine Scheidung und die Erwartung meiner Oma, entweder für ihren Sohn Partei zu ergreifen oder andernfalls gegen sie zu sein.
                Liebe queenie!

                Natürlich möchtest Du niemandem Kummer bereiten - es ist meine tiefste Überzeugung, daß niemand gerne anderen Menschen Kummer bereitet.

                Gleichzeitig bereitest Du die ganze Zeit jemandem Kummer - nämlich Dir selbst. Denn wie geht es Dir denn, wenn Du an Deine Mutter, wenn Du an das nächste Telefonat oder gar: den nächsten Besuch denkst? Es klingt so, als ob es Dir nicht gut ginge, Du schreibst ja sogar, daß Du schon den Gedanken nicht mehr ertragen kannst, er sich bereits auf Deinen Magen schlägst.

                Sprich: Du tust genau das, was Du nicht tun willst, Du verletzt einen Menschen, Du berücksichtigst seine Bedürfnisse nicht, Du bereitest einem Menschen Kummer, wieder und wieder - nämlich Dir selbst.

                Manchmal ist es eben so, daß die Bedürfnisse von Menschen nicht zusammenpassen. Daran ist niemand "schuld" - und letztlich verletzt auch nicht der Eine den Anderen, indem er ein Bedürfnis hat, es wahrnimmt, äußert und sich für sein eigenes Bedürfnis einsetzt. Die Verletzung entsteht im anderen Menschen selbst ursächlich durch seine eigenen Bedürfnisse, Werte, Bilder, Erwartungshaltungen, etc.

                Noch eine schöne Kopfnuß:

                Verstehen - heißt nicht
                Einverstanden sein - heißt nicht
                Erfüllen Müssen.

                Wir können die Bedürfnisse eines Anderen verstehen: Du schreibst, Du kannst Deine Mutter verstehen, ihren Wunsch nach Kontakt (zur Tochter), oder Nähe (zur Tochter), ihren Wunsch/ihre Erwartung, daß man sich für das, was sie zu sagen hat, interessiert, ihren Wunsch nach Unterhaltung, Abwechslung, ...

                Vielleicht bist Du sogar damit einverstanden und sagst: Ja, daß eine Mutter sich das wünscht, vielleicht sogar erwartet, ist ganz natürlich.

                Unabhängig davon, ob Du "nur" verstehst oder "sogar" einverstanden bist - Du mußt die Bedürfnisse trotzdem nicht erfüllen.

                Aber/und eines ist klar: Wenn wir einem Menschen mitteilen (ob explizit oder implizit durch unsere Handlungen), daß wir nicht zu seinen Bedürfnissen beitragen wollen, dann wird bei diesem Menschen keine freudvolle emotionale Reaktion folgen. Sondern es wird sich eines der "negativen" Gefühle einstellen.

                Und genau das wollen wir vermeiden. Wir wollen nicht "schuld" sein. Weil "Schuld" sich so unangenehm anfühlt, suchen wir nach Richtig/Falsch, nach Argumenten.

                Der Fehler liegt meines Erachtens in einer häufigen Sichtweise von Schuld an sich, daran, daß wir nicht unterscheiden können, wodurch Gefühle entstehen. Denn sie entstehen IMMER im Anderen aufgrund seiner eigenen Bedürfnisse/Werte/Erwartungen - wir können nur Auslöser sein. Eine andere Mutter, die andere Erwartungen hat, die Zeit ihres Lebens dachte "ich gehe auf Weltreise, wenn meine Kinder endlich groß sind", und die nur noch anruft, weil sie glaubt, daß Du das brauchst, die reagiert erleichtert, wenn Du ihr genau das sagst, womit Du Dir gerade bei Deiner Mutter so schwer tust.

                Da Du keinen Einfluß auf die Bedürfnisse/Werte/Erwartungen Deiner Mutter hast, kannst Du an ihrem schmerzlichen Gefühl nicht schuld sein. Das Gefühl liegt ausschließlich in ihrer Macht, nur sie kann ihren Bedürfnissen/Werten/Erwartungen arbeiten, sich andere Strategien zur Erfüllung suchen. Du hast diese Möglichkeit nicht. Und wenn Du annimmst, daß Du verantwortlich dafür bist, ihr ihre negativen Gefühle zu ersparen, dann bist Du in der Geiselhaft ihrer Bedürfnisse/Werte/Erwartungen. Weil wir aber nicht in der Geiselhaft fremder Bedürfnisse sein wollen - intuitiv spüren wir, meiner Meinung nach, daß wir maximal in der Geiselhaft unserer eigenen Bedürfnisse/Werte/Erwartungen sein sollten - suchen wir "Argumente", die beweisen, daß ihre Bedürfnisse/Werte/Erwartungen oder halt ihre Gefühle, egal was, auf jeden Fall unzulässig oder falsch sind.

                Diesen Schuld-/Verantwortungsknoten gilt es - nach meinem Verständnis - zuallererst einmal zu durchschauen. Was dann vermutlich nichts daran ändert, daß das uns über Jahrzehnte eingeimpfte Schuld-Konzept uns trotzdem einholen wird, mich holt es zumindest immer und immer wieder ein, obwohl ich das übliche Konzept von Schuld ablehne. Und ich muß trotzdem immer und immer wieder von vorne zu denken anfangen.

                So.

                Und wenn dann einmal die Verantwortlichkeiten auseinanderdividiert sind - meine Gefühle/Bedürfnisse = meine Verantwortung, deine Gefühle/Bedürfnisse = deine Verantwortung - dann kann meines Erachtens ein Gespräch stattfinden, in dem man seine eigenen Werte und Wünsche ausdrückt und es dann sehenden Auges und aus vollem Herzen aushält, daß der Andere mit leidvollen Gefühlen reagiert. Und die dann auch nicht "weg machen" muß, weil sie in uns Schuld hervorrufen. Sondern die man nicht nur aushalten sondern auch "halten" kann: Mit Mitgefühl und Empathie. Im Grunde, so wie ich es sehe, was Jannes mit der "wissenden" Umarmung beschreibt, in der beide gemeinsam bedauern, daß es so ist, wie es ist - und es akzeptieren.

                Noch eine Übung aus meiner GFK Trainer-Ausbildung. Das fiktive Problem: Eine liebe, ältere Dame, seit einiger Zeit meine neue Nachbarin, hat sich, nach einigen nachbarlichen Hilfeleistungen angewöhnt, jeden Nachmittag auf einen Kaffee vorbeizukommen. Das fand ich am Anfang noch nett, und ich mag die Frau auch, und sie tut mir auch leid, weil sie alleinstehend ist, aber ich möchte das jetzt doch abstellen, so viel Zeit möchte ich mit ihr nicht verbringen.

                Ich habe dieses Rollenspiel 2 x gespielt, einmal in der Rolle derer, die es ansprechen will und einmal als die alte Frau. Und beide Rollenspiele gingen in die Hose, obwohl wir jedes Mal unsere eigenen Gefühle, Bedürfnisse und die Bitte völlig klar hatten. Aber wenn dann die alte Frau ihre Enttäuschung zeigte und, ganz liebe alte Frau, Verständnis signalisierte aber auch ein bißchen "naja, und wirklich nur noch jeden zweiten Freitag? Da wird mir aber etwas fehlen. Ich finde Sie doch so nett ..." - da wurden wir jedes Mal wieder schwach vor lauter "ja, ich finde Sie ja auch nett, und wissen Sie, nehmen Sie es bitte nicht persönlich, es geht nur um die Zeit ..." - und zack hatte die fiktive Nachbarin schon wieder einen Fuß in der Tür "na, wenn das so ist, kann ich ja anläuten, und Sie sagen dann, ob Sie Zeit haben" und das Gespräch drehte sich endlos im Kreis - weil wir jedes Mal wieder mit Schuldgefühlen reagierten und versuchten, die Enttäuschung der Frau wegzureden. Eben genau das "Ich habe so ein schlechtes Gewissen, ich hätte gerne, daß du bitte mit Freude auf mein Nein reagierst, alles unterhalb von völligem Einverständnis ohne negatives Gefühl ist nämlich für mich unaushaltbar".

                Unser Trainer zeigte uns, wie es funktioniert: Als die Frau mit ihrer Enttäuschung ankam, reagierte er empathisch "Sind Sie jetzt enttäuscht, weil Sie gerne regelmäßig Gesellschaft haben, und weil Sie gerne Kontakt mit Menschen haben?" - "Ja, wissen Sie, ich habe ja sonst niemanden." - "Ich höre, daß Sie einsam sind, und sich Gesellschaft wünschen?" - "Ja!" - ev. ein paar Runden Empathie - "Ja, das kann ich gut verstehen, und gleichzeitig ist dieser eine Nachmittag jeden zweiten Freitag das, was ich Ihnen gerne anbiete. Und ich wünsche Ihnen, daß Sie auch für die anderen Tage nette Gesellschaft finden." Und ich merkte es in der Rolle der Nachbarin: Ich konnte einfach nicht mehr nachhaken, das, was im Rollenspiel davor ganz leicht gegangen war, so ein bißchen die Hilflose und Arme spielen und mein Gegenüber einwickeln, das ging unter diesen Bedingungen nicht - weil mein Schmerz angenommen wurde und ich Klarheit und die Grenze meines Gegenübers wahrnahm.

                Sprich, unser Trainer ließ die Enttäuschung der Frau einfach zu, ließ sie bei ihr, mutete sie ihr zu. Hielt sie ohne Schuldgefühle aus, fühlte empathisch mit - und hatte trotzdem klar, daß er nicht zuständig ist und daß er nur so viel zum Leben der Nachbarin beizutragen bereit war. Er übernahm nicht die Verantwortung für ihr Gefühl, nicht die Verantwortung dafür, ihr jegliches negative Gefühl "ersparen" zu müssen. Denn, nebst der Tatsache, daß ihm klar war, daß es noch andere Menschen gibt, die zur Erfüllung der Bedürfnisse dieser Frau beitragen können, auch wenn sie sie vielleicht erst suchen muß, hatte er außerdem klar, daß sein Gegenüber ein erwachsener Mensch ist. Und grundsätzlich ist allen Menschen zuzutrauen, mit Enttäuschungen umzugehen, auch wenn sie unterschiedlich lange dafür brauchen mögen, vielleicht einige Gefühls-Extra-Runden drehen müssen und möglicherweise zu anderen Schlußfolgerungen kommen/anders damit umgehen, als ich es tun würde. Und diese Haltung ist für mich eine sehr respektvolle, wertschätzende - obwohl sie nicht "soft" ist.

                Es hat für mich auch durchaus etwas Anmaßendes, wenn wir glauben, der Andere könne nicht genauso wie wir mit Enttäuschungen umgehen, sie durchleiden, dann seine Krone wieder richten und wieder weitergehen.

                Ich persönlich bin auch ein großer Fan der Aussage, Schonen sei eine Form der Gewalt. Weil wir dem Anderen Fähigkeiten absprechen. Man könnte behaupten, daß wir, indem wir jemand Anderen schonen, unsere eigenen Bedürfnisse hintanstellen und ihm nicht mitteilen, wie es uns geht und was wir wollen, so etwas ausdrücken wie: "Ich will dich nicht leiden lassen, weil du armer Wurm daran vermutlich zerbrechen wirst, lieber leide ich, weil: ICH ÜBERLEBE DAS LEIDEN SCHON, ich bin nämlich ein bißchen tougher als du". Überspitzt formuliert, ich weiß

                Wie auch immer, auch von mir toi toi toi beim innerlichen Sortieren: Was spielt alles mit rein, was willst Du genau sagen - und bist Du bereit, die Konsequenzen zu tragen, was möglicherweise beduetet, einmal auf eine andere Art leiden, als Du es derzeit tust? Und dann toi toi toi beim Gespräch, wenn es dazu kommt.

                Kommentar


                  #9
                  Mich würde interessieren, ob es Dir auch bei anderen Menschen wichtig ist, niveauvolle und tiefgreifende Gespräche zu führen und ob Dich Small-Talk generell nervt.

                  Kommentar


                    #10
                    Ich hab das Gefuehl, dass deine Mutter einfach nicht weiss, was sie mit dir redenkoennte ausser dem Wetterbericht, einfach, weil sie deinem Leben so fern ist. Verstaendlich. Und sie will Kontakt halten, vielleicht, einfach, weil du ihre Tochter bist? Sie weiss aber eben nciht, was dich interessieren koennte, worueber du reden moechtest, weil du dich ja auch nicht dafuer oeffnest.
                    Vielleicht empfindet sie auch die Anrufe als Pflicht, die ihr unangenehm ist, sie macht es eben nur, weil du die Tochter bist, und sie dich nciht aus den Augen verlieren will. So koennte ich mir das erklaeren.

                    Mein Sohn lebt sehr weit von mir entfernt, ich sehe ihn etwa alle 2 Jahre mal, und wir telefonieren alle 2 Monate etwa, vielleicht zum Geburtstag, zu Weihnachten und so. Sein Leben ist so anders wie meins, dass da nicht viel zu reden ist. Ich kommentiere seine Beitraege auf Facebook, schick auch mal eine Nachricht, und das war es dann.

                    Bin ich lieblos zum ihm? oder uninteressiert an seinem Leben? oder lass ich ihn einfach in Ruhe?
                    Mit meiner Tochter telefoniere ich taeglich, ich sehe sie jede Woche. Und sie beschwert sich immer noch, dass ich mich so selten um sie kuemmere.

                    Ganz ehrlich, nur sprechenden Menschen kann geholfen werden. Ich habe es einfach mal meinen Sohn gesagt: Ich liebe dich, ich freue mich wenn ich dich sehe, ich lese gerne ueber deine Erfolge in Facebook, und wenn du mehr Kontakt willst, dann melde du dich; Tut er nicht, und wir haben ein gutes Verhaeltnis, meiner Meinung nach.

                    Also sag deiner Mutter, was Sache ist, es kommt mir besser vor als das, was ihr grade veranstaltet, dass will sie sicher auch nciht, aber als Mutter einfach so keinen Kontakt haben? Das faellt schwer, das tut "man" nicht, eine Mutter hat die Kinderchen zu lieben und anzurufen. Wirklich?
                    Vielleicht ist deine Mutter auch erleichtert, wenn du ihr sagst, was los ist.
                    Vielleicht verletzt du sie? Ich meine, du verletzt sie auch, wenn du die Telefongespraeche einfach ueber dich ergehen laesst, das merkt sie sicher, und da kann ich mir vorstellen, dass sie sich gekraenkt fuehlt.

                    Kommentar


                      #11
                      Liebe MissPig,

                      deine Ausführungen hier sind wie immer eine wahre Freude, halten sie doch so viel Wahres und Bedenkenswertes für mich bereit.

                      "Ja, das kann ich gut verstehen, und gleichzeitig ist dieser eine Nachmittag jeden zweiten Freitag das, was ich Ihnen gerne anbiete. Und ich wünsche Ihnen, daß Sie auch für die anderen Tage nette Gesellschaft finden."
                      Der fett geschriebene Satz drückt eines meiner Dilemmas (Dilemmen???) aus: Ich könnte meinen Eltern zur Zeit nichts anbieten. Ich habe kein Bedürfnis nach Nähe, Austausch oder auch nur Kontakt zu ihnen. Dabei brauche ich Nähe schon fast wie die Luft zum Atmen. Aber nicht von jedem und um jeden Preis. Von meinen Eltern auf alle Fälle nicht.

                      Gerlinde, du wolltest wissen
                      ob es Dir auch bei anderen Menschen wichtig ist, niveauvolle und tiefgreifende Gespräche zu führen und ob Dich Small-Talk generell nervt.
                      Ja, ich brauche in Gesprächen Tiefgang. Ich würde es eher Ernsthaftigkeit und Wichtigkeit nennen, denn ich kann mich auch über z. B. Mode oder Innendekoration sehr angeregt unterhalten.

                      Jana, bei dir stolperte ich über
                      ...Vielleicht ist deine Mutter auch erleichtert, wenn du ihr sagst, was los ist....
                      denn, nein, das ist sie ganz gewiss nicht. Immer wieder sucht sie den Kontakt, ruft an und zieht dann das Gespräch künstlich in die Länge. Meist hat sie nichts zu erzählen, sondern will nur meine Stimme hören, mir irgendwie nah sein. Dass ich das als unangenehm empfinde, versteht sie nicht. Es gibt nämlich eine ganz einfache Methode, mich zum reden zu bringen: mich anschweigen. Und schon geht das Gequassel bei mir los - um Gesprächspausen zu überbrücken und um nicht sagen zu müsen "Ich lege jetzt auf, wir haben uns ja eh nichts zu sagen.". Inzwischen halte ich es kurz aus, dem Schweigen meiner Mutter am anderen Ende der Leitung ebenfalls mit Schweigen zu begegnen, aber das hilft mir nicht, Telefonaten (und generell dem Kontakt mit ihr) gelassener entgegenzusehen.

                      Kommentar


                        #12
                        Zitat von queenie Beitrag anzeigen
                        Der fett geschriebene Satz drückt eines meiner Dilemmas (Dilemmen???) aus: Ich könnte meinen Eltern zur Zeit nichts anbieten. Ich habe kein Bedürfnis nach Nähe, Austausch oder auch nur Kontakt zu ihnen. Dabei brauche ich Nähe schon fast wie die Luft zum Atmen. Aber nicht von jedem und um jeden Preis. Von meinen Eltern auf alle Fälle nicht.
                        Liebe queenie,

                        im Grunde liegt da überhaupt kein Dilemma, sondern aus meiner Sicht ein riesiges Mißverständnis.

                        Das Prinzip des von mir beschriebenen Aha-Erlebnisses ist eben nicht, daß ich etwas anbieten muß. Das Faszinierende war nicht, daß mein Trainer etwas angeboten hat - das hatten wir in unseren Rollenspielen ja auch, aber es war der fiktiven Nachbarin zu wenig.

                        Das Prinzip ist, daß ich zu dem stehe, was ich gerne anbiete - egal wie weit das von dem entfernt ist, was der Andere gerne hätte und wie groß der Schmerz des Anderen über die Lücke zwischen seinem und meinem Wunsch ist. Daß ich akzeptiere, da ist ein Schmerz, daß ich den sehe, anerkenne, und trotzdem nicht wegtun muß, sondern (aus)halte.

                        Wenn ich etwas anbiete, damit der Schmerz kleiner wird, dann will ich den Schmerz ja schon wieder weg machen, dann handle ich aus schlechtem Gewissen. Nein, die Lern-Aufgabe, wie ich sie verstehe, ist, dem Anderen seinen Schmerz zuzumuten - und zwar nicht aus Grausamkeit oder Gleichgültigkeit heraus, sondern voller Mitgefühl und Verständnis dafür, daß der Schmerz kommt, daß er ok ist, voller Bedauern, daß ich gerade nicht diejenige bin, die zur Linderung des Schmerzes beitragen will oder aus einer eigenen Befindlichkeit heraus sogar kann. Und zur Linderung des Schmerzes trage ich nichts Anderes bei, als daß ich ihn verstehe, daß ich nicht davor weglaufe.

                        Wenn das, was ich gerne anbiete, nichts ist, dann stehe ich genau dazu, daß das, was ich gerne anbiete, nichts ist. Dann lautet der Satz "Ich verstehe, daß du dir Nähe, Kontakt, Unterhaltung, Abwechslung wünscht, und ich wünsche dir von Herzen, daß du andere Strategien als mich findest, um dir diese Wünsche zu erfüllen. Was ich dir gerne anbiete ist, daß ich, wenn ich die Freiheit habe, selbst zu entscheiden, ob und wann ich Kontakt will, mich melden werde, falls sich der Wunsch nach Kontakt in mir regt. Ohne Garantie, ob und wann dieser Wunsch eintreten wird. (Und ich bedauere, daß ich gerade zu mehr nicht in der Lage bin.)"

                        Der Knackpunkt für mich war zu erkennen:

                        Ich kann den Wunsch des Anderen verstehen, mitfühlend darauf reagieren - und ich muß nichts dazu beitragen, daß er sich erfüllt. Gar nichts. Zu glauben, man müßte irgendetwas anbieten bedeutet immer noch zu glauben, man müßte zumindest bis zu einem gewissen Prozentsatz erfüllen.

                        "Verstehen" heißt nicht "Einverstanden Sein" heißt nicht "Erfüllen Müssen" - in letzter Konsequenz steckt da ein komplettes Umdenken drin, das enorm viel Mut erfordert.

                        Genau deswegen habe ich diesen Gedanken als eine Kopfnuß bezeichnet.

                        Ich habe ja immer schon behauptet, daß die GFK völlig zu Unrecht das Weicheier-Image hat, von wegen das sei weichgespültes Gesülze für Konfliktscheue. Ich behaupte von jeher schon: Ganz genau im Gegenteil. Da steckt so viel Eigenverantwortung drin, so viel "Fierceness", mehr als ich in meinem ganzen Leben lernen kann.

                        Kommentar


                          #13
                          So, meine Eltern waren da. Da ich gleichzeitig auch noch meine Freund zum ersten Mal zu meiner Familie mitgenommen habe und beide "Parteien" nichts voneinander wussten, hatte ich wenigsten meine Ruhe. Denn beide "Parteien" waren so perplex, den/die jeweils anderen zu sehen, dass keiner etwas sagte und mich mit Fragen löcherte, die ich nicht beantworten will. Vielleicht sollte ich öfter man einfach für völlig unerwartetet Situationen sorgen, damit man mich wenigstens in Ruhe lässt... *sarkastisch guck*

                          Ich weiß, dass mir das "Woher kennst du ihn? Warum hast du noch nichts von ihm erzählt?" noch am Telefon bevorsteht... und mir graust's auch schon davor. Jedoch bin ich für den Moment der Inquisition entronnen.

                          Aber, ach, all das liegt mir dennoch wie Blei im Magen. Weil "Ich will es euch einfach nicht erzählen, basta!" für mich etwas ganz schreckliches ist, etwas, mit dem man Menschen verletzt, sie zurückweist und sich so auch selber Ruhe und Frieden verbaut.

                          Liebe MissPig, ich denke, ich habe deinen Ansatz nun genau verstanden: Ich muss nichts geben, was ich nicht auch bereit bin zu geben. Das klingt so wunderbar befreiend, dass ich mich mit Freuden daran orientieren möchte. Nur leider tobt in mir dennoch das schlechte Gewissen, nichts anbieten zu können. Menschen, die mir nichts getan haben, einfach so wegzustoßen.

                          Vielleicht ist es einfach ein Lernprozess? Ein Abhärten des eigenen Herzens? Lernen, das Wohl der Anderen auch einfach mal zu ignorieren, weil man sonst das eigene Wohl völlig aus den Augen verliert?

                          Aber dann wiederum denke ich an die Liebe und Empathie, die aus deinen Worten spricht. Liebe und Empathie, welche ich meinerseits so gar nicht für meine Eltern spüre. Im Gegenteil: je mehr Zeit verstreicht, desto stärker werden meine Gefühle der Ablehnung, mein Widerwillen, irgendetwas beizutragen, dass wir eine halbwegs normale (wenn auch ausschließlich oberflächliche) Beziehung haben können.

                          Ich will einfach nur in Ruhe gelassen werden, weil ich das, was ich wirklich brauche - bzw. als Kind gebraucht hätte - eh nicht von ihnen bekomme. Ich bin jahrelang stark und kompetent und für mich selbst sorgend durch die Welt gegangen, weil Schwäche und Bedürftigkeit ja nie sein durften. Sie wurden entweder ignoriert, belächelt oder als "hysterisch" abgetan. Jetzt, mit fast 50 kommt es mir einfach albern (ich weiß nicht, wie ich es sonst bezeichnen soll) vor, bedürftig zu sein. Bedürftig zu sein bedeutet für mich, schwach zu sein, es im Endeffekt nicht wert zu sein, geliebt zu werden.

                          Denn wären Schwäche und Bedürftigkeit liebenswerte Eigenschaften, wären meine Eltern damit bei mir ja wohlwollend umgegangen.

                          Mir stehen gerade beim Tippseln die Tränen in den Augen, weil ich merke, dass diese Erkenntnis ("Denn wären Schwäche und Bedürftigkeit liebenswerte Eigenschaften, wären meine Eltern damit bei mir ja wohlwollend umgegangen.") etwas essentiell Wichtiges ist für mich, woran ich schon sehr lange knabbere, um es zu begreifen, welche Mechanismen da bei mir im Hintergrund arbeiten. Statt Schwäche und Bedürftigkeit mit dem Erhalten von Geborgenheit und Zugehörigkeit in einer Gemeinschaft zu verbinden, steht Bedürfnisse haben für mich immer in Verbindung mit dem Gefühl, den anderen zu nerven, ihm unbequem zu sein, etwas zu fordern (man fordert nicht, sondern ist bescheiden) und so den Unmut des anderen zu verursachen.

                          Kommentar


                            #14
                            Ich kann gut nachfühlen, wie es Dir gerade gehen mag.
                            habe gestern selbst ein ziemlich zermürbendes Telefonat mit meiner Mutter gehabt.
                            (Wen es interessiert, ich habe es unter mein Faden- die Kirchenorgel und ich nieder geschrieben.)

                            Das Schlimme ist, dass ich Tacheles gestern gesprochen habe.
                            Schwer wird es nur dann, wenn die Gegeneseite die Ernsthaftigkeit dahinter gar nicht sieht oder sehen möchte.

                            Kommentar


                              #15
                              MissPig: Chapeau! Ich lerne hier richtig viel von dir..!

                              Kommentar

                              Lädt...
                              X