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"Stellvertreterkämpfe"

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    "Stellvertreterkämpfe"

    Ich hatte früher in meiner Verwandtschaft engen Kontakt zu einer Person, die sich mir wie folgt darstellte:
    Alles wissend, alles besser wissend, alles absolut richtig wissend,die objektive Wahrheit gepachtet habend.
    Diskussionen konnten sich gar nicht ergeben,da ja von vorneherein klar war, wer Recht hatte, alle anderen lagen falsch, gingen auf einem Irrweg, waren bedauernswerte Toren.
    Ihre Weisheiten wurden von oben herab rübergebracht, als Perlen vor die unverständigen und fehlgeleiteten Säue geworfen, Kritik wurde abgeschmettert und das Beste ,was mir noch passieren konnte, war ein gönnerhaftes Vermitteln dieser Wahrheiten an mich.
    Von Kind an über meine Jugendzeit bis weit ins Erwachsenenalter brachten mich solche Äußerungen in Wut und Rage, ohne dass ich in der Lage gewesen wäre, mich zu wehren.
    Als ich dann in der Lage war, mich zu wehren, war diese Person bereits verstorben.
    Man könnte jetzt meinen, es sei ja jetzt damit das Problem gelöst, das ist es aber nicht.
    Denn ich bin meine Wut ja nicht losgeworden,sie brodelt latent in mir herum wie ein Vulkan, der jederzeit ausbrechen kann.
    Ab und zu komme ich in Kontakt mit Menschen, die sich genauso verhalten bzw. äußern wie diese erste Person, und dadurch die gesamte Wut bei mir wieder zum Ausbruch bringen. Manchmal gelingt es mir, mich zu beherrschen, aber oft lege ich mich mit solchen Menschen an, wobei ich mir darüber im klaren bin, dass ich immer noch die erste Person meine und nicht die akute.
    Ich führe also im eigentlichen Sinn dann Stellvertreterkämpfe, weil die Ursprungsperson für mich nicht mehr erreichbar ist.
    Kennt das jemand von euch genauso oder so ähnlich? Wie werde ich meine Wut los?
    Denn so kann es ja nicht gehen, dass ich hier "Schläge" an Menschen austeile, die eigentlich gar nicht der Ursprung meiner Emotionen sind, sondern höchstens Auslöser für die Erinnerung.
    Aber irgendwo muss ich mit meiner Wut hin.

    Bin auf eure Erfahrungen und Vorschläge gespannt!

    Die Menschfrau

    #2
    Hast du irgendwann beim Schreiben dieses Textes an einen hiesigen Forumsteilnehmer namens Lukas gedacht?

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      #3
      Wut tut gut, weil sie Grenzen setzt.
      (P. Dr. Thomas Gertler, SJ)

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        #4
        Hallo Mensch,

        denkst Du, dass Ärger nicht angebracht wäre ? Also ich finde, dass man sich auch mal ärgern darf. Kann aber ganz gut nachvollziehen was Du meinst. Ging mir gerade heute auch wieder so in einem Forum, in dem Nutzer manchmal ziemlich arrogant von oben herab den anderen klar machen wollen, dass ihr Wissen falsch ist oder nicht wissenschaftlich etc. ... werfen anderen selektive Wahrnehmung vor, obwohl die ja jeder hat.
        Ich denke, dass es der falsche Weg ist, die Wut oder den Ärger wegrationalisieren zu wollen. Sie ist da und auch legitim. Insofern denke ich auch, dass man sich ruhig auch mal zur Wehr setzen sollte und Kontra bieten sollte, um seinem Ärger Ausdruck zu verleihen. (Ich belese mich dann in dem jeweiligen Thema, um auch Argumente parat zu haben). Spontan in einer direkten Auseinandersetzung ist das dann natürlich schwer und das meide ich noch, wie der Teufel das Weihwasser.

        Viele Grüße, wölfin

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          #5
          Außerdem hat man es so lange mit der selben Art von Menschen zu tun, bis man lernt sich gegen sie zur Wehr zu setzen.

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            #6
            Zitat von Kraeuterfreundin Beitrag anzeigen
            Außerdem hat man es so lange mit der selben Art von Menschen zu tun, bis man lernt sich gegen sie zur Wehr zu setzen.
            ...oder bis wir es lernen, diesen Menschen von Herzen dafür zu danken, dass sie uns zeigen, welche unerlösten Wesenszüge in uns lebendig sein und freundlich angesehen werden wollen...

            Just my two cents
            von der Tintenweberin

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              #7
              ... und man nicht auf jede Palme klettern muss, die sich einem in den Weg stellt, auch wenn alle paar Schritte eine zu stehen scheint ...

              notfalls gibt es auch wieder ein Buch dazu

              Streiten gehört dazu, auch wenn man sich lieb hat

              oder 2

              Selber doof!: Richtig streiten ist nicht schwer
              Zuletzt geändert von mystery; 02.03.2010, 09:01.

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                #8
                Zitat von Lukas Beitrag anzeigen
                Hast du irgendwann beim Schreiben dieses Textes an einen hiesigen Forumsteilnehmer namens Lukas gedacht?

                Erkennst du dich denn in der Beschreibung dieser Menschen wieder?

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                  #9
                  Ich würde wahrscheinlich gar nicht so allergisch reagieren, wenn dieses "früher" nicht gewesen wäre mit der angestauten Wut von damals.
                  Ich möchte halt keine Stellvertreterkämpfe führen, wie also kann ich die Wut von damals abbauen?

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                    #10
                    Hallo liebe Menschin,

                    als ich deinen Beitrag gerade las, kamen in mir genau die Gefühle hoch, die du vermutlich auch spürst, wenn dir jemand arrogant und besserwisserisch "von oben" kommt: Wut, Hilflosigkeit, Ohnmacht.

                    In meinem Freundeskreis war es jahrelang Usus, dass bestimmte Leute dauernd über alles Mögliche diskutierten. Das war zwar an sich ganz interessant und informativ (und bildet sicher auch das logische Denken weiter), aber irgendwann war ich an einem Punkt, wo ich es nicht mehr ertragen konnte.

                    Warum das so war, habe ich irgendwann später kapiert: Denn egal, um welchen Gegenstand, um welches Thema es ging, immer ging es letztendlich nur darum, welches Argument am stichhaltigsten war, welches unwiderlegbar war. Es ging nicht mehr darum, die eigene Meinung zu vertreten und sich auszutauschen, sondern irgendeine "Gewinnermeinung" zu haben. Das führte manchmal zu so absurden Erkenntnissen, dass XY vor drei Wochen doch zu dem Thema eine völlig gegensätzliche Meinung vertreten hat als jetzt gerade.
                    Der ganzen Sache fehlte einfach das Herz, die ehrliche Überzeugung (für was auch immer), das Auf-einander-eingehen und der Respekt vor einer gegensätzlichen Meinung.

                    Ich weiß, dass ich mich damals ähnlich wie du fühlte: wütend, weil ich immer das Gefühl hatte, bei diesen Diskussionsteilnehmern nie auch mal Recht zu bekommen. Weil immer sie die (vermeintlich) besseren Argumente hatten. Und irgendwann war ich soweit, dass ich mich für dumm hielt und glaubte, den Anderen nicht das Wasser reichen zu können. Und ich war verwirrt, denn ich hielt nach wie vor meine Meinung für durchaus durchdacht und annehmbar - aber immer wieder wurde mir gespiegelt, dass das nicht so ist.

                    Bis ich irgendwann kapiert habe, dass solche Menschen neben ihrer Diskussionsfähigkeit auch noch etwas anderes tun - nämlich Spielchen mit ihren Gesprächspartnern spielen. Egal, was du sagst, sie gehen entweder nicht auf deine Argumente ein (= nehmen deine Argumente bzw. dich nicht ernst) oder sie argumentieren grundsätzlich gegen dich, egal, was ihre eigentliche Überzeugung ist. Und dabei kann man davon ausgehen, dass es ihnen nicht so wichtig ist, die eigene Überzeugung zu vertreten, sondern sie wollen vor allen Dingen vor dir als tolle, intelligente, kluge, gebildete (...) Menschen dastehen.

                    Es gibt sicher verschiedene Wege, damit umzugehen. Mein Weg war, mich einfach nicht mehr auf diese Spielchen einzulassen. Ich habe z. B. ganz konkret gefragt "Haltet ihr meine Meinung jetzt für falsch?", worauf dann ausweichende Antworten á là "Nein, nein, nicht direkt falsch, aber man muss halt auch bedenken, dass..." zurück kamen. Ich ließ indes nicht locker und beharrte nur auf eine klare, eindeutige Antwort auf die doch an sich auch ganz eindeutige Frage "Ist meine Meinung falsch?", egal, was von den anderen kam.

                    Oder ich habe mich irgendwann aus der Diskussion ausgeklinkt. Hab einfach nichts mehr gesagt und stattdessen mir erst einmal klar gemacht, dass er Diskussionsgegenstand doch letztendlich nicht sooooo wichtig ist, dass ich deswegen mit Wut im Bauch da sitze und mich ärgere, weil ich nicht wahrgenommen werde. Auf mein plötzliches Schweigen angesprochen habe ich dann auch genau das gesagt: dass ich wütend sei, weil ich mich nicht ernst genommen fühlte - was dann je nach Charakter mit Beschwichtigungen und betretenem Schweigen beantwortet wurde.

                    Vielleicht hilft dir das weiter, liebe Menschin. Wenn du im Kontakt mit solchen Dauer-Besserwissern merkst, dass du in einem Gespräch eh kein Recht bekommst, steig aus. Sage zur Not ganz klar, dass du auf diese Diskussion keine Lust mehr hast, weil du deine Argumente bzw. sogar dich als Person nicht ernst genommen fühlst. Der Andere wird beschwichtigen, beleidigt sein oder was auch immer. Aber er wird eines tun: Versuchen, dich bei der Stange zu halten. Denn du bist sein Publikum, und er braucht dich für seine Selbstdarstellung. Aber: egal, was der Andere sagt - wie du dich fühlst, kann er nicht wegargumentieren! Und darin liegt in dem Moment deine Stärke! Beharre darauf, dass deine Gefühle ernst genommen werden, lass dich nicht aus dem Konzept bringen, gehe deinerseits nun auf kein anderes Argument ein als deine Gefühle.

                    Ich glaube nämlich, dass man erst einmal den Mechanismus einer krankmachenden Situation kapieren muss, um ihn dann ggf. selber aktiv zu verändern. Und oft sind dann die blockierenden Gefühle weg - oder zumindest nicht mehr so stark, als dass sie einen völlig handlungsunfähig machen.

                    Ist das für dich hilfreich? Oder geht es um etwas Anderes?

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                      #11
                      Es geht um ein bisschen was anderes.
                      Ich fühle mich heute nicht mehr hilflos gegenüber solchen Menschen.
                      Ich möchte aber meine Gefühle abkoppeln von den Ereignissen früher, das gelingt mir nicht, obwohl ich mir darüber im klaren bin, dass sie nicht mit dem jetzigen Gesprächspartner zusammenhangen, sondern wie ein Anker das Vergangene aus der Tiefe holen.
                      Und dann steh ich halt da mit meiner Wut und weiß nicht, wohin damit.

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                        #12
                        Hm... (zustimmendes Brummen, kann mal einer einen Smiley dafür basteln...?), ich weiß, was du meinst.

                        Ich denke nur, dass es vielleicht für dich als ersten Schritt in Richtung Wut-abkoppeln ganz hilfreich wäre, wenn du dich nicht mehr so hilflos gegenüber der Wut fühlst, sondern ein Instrument hättest, ihr entgegen zu treten - nämlich mit dem Wissen, dass du ja zur Not diesen Besserwisser "ausschalten" könntest.

                        Ich habe (in einem anderen Zusammenhang) bei mir erkannt, dass ich meist da mit Wut reagiere, wo ich mich hilflos fühle - oder auch vor langer Zeit gefühlt habe. Daher weiß ich nicht, ob du die Wut, die du jetzt spürst, einfach wie einen Waggon abkoppeln kannst. Denn diese Wut gehört zu deinem Er-Leben. Sie hat dich mitgeprägt, hat sich quasi immer wieder in dein Leben eingemischt.

                        Ich glaube nicht, dass du jetzt einfach sagen kannst "Und tschüs, Wut!" und alles ist gut. Du wirst dich mit ihr auseinandersetzen müssen, herausfinden müssen, was die Wut in dir ausgelöst hat, was sie mit dir gemacht hat, welches Verhalten sie bei dir ausgelöst hat. Und du musst die Wut wahrscheinlich auch noch einmal mit allen Begleitgefühlen durchleben und erkennen, dass dir heute solche Menschen, die mit diesesm bestimmten Verhalten in dir all diese Gefühle auslösen, nichts mehr anhaben können.

                        Meinst du das?

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                          #13
                          Wut ganz weg = 3 bis 6 Monate

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                            #14
                            ... für Totschlag im Affekt gibt es mehr.

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                              #15
                              Arroganz und Besserwisserein drückt bei mir regelmäßig und heftig ein Knöpfchen. Dabei weiß ich, dass mich seit meiner Kindheit der (Glaubens?)satz verfolgt "ich will/darf nicht arrogant sein". So viel zu meiner Geschichte.
                              Bei Deinem Beitrag fiel mir (vielleicht auch deshalb) spontan auf: warum siehst Du das als "Stellvertreterkampf"? Warum machst Du das an der verstorbenen Person fest? Ich bin noch nie auf die Idee gekommen, das auf eine Person aus meinem Umfeld festzumachen. *grübel*

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