Edit vorweg: ein langes Scrollposting. Habe ich mir aus dem Selbstoptimierungsfaden abgeschaut 
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Liebe Tintenweberin!
Danke für Deine Erläuterung, auf die ich schon sehr gespannt war.
Hier gehen wir einerseits sehr weit d'accord - und dann ist mein Eindruck, ich biege radikal in eine andere Richtung ab: Auch eine meiner Grundannahme ist, daß ich alleine dafür verantwortlich bin, für die Erfüllung meiner Bedürfnisse zu sorgen oder damit umzugehen, wenn ich sie nicht erfüllt bekomme, weil, auch hier bin ich ganz bei Dir, niemand sie mir erfüllen muß.
Dennoch trenne ich die Welt nicht in das Lager der Freunde, die zu meinen Bedürfnissen beitragen wollen und das Lager des riesigen Rests, denen ich egal bin und von daher meine Bedürfnisse besser gar nicht zumute. Denn in meiner Welt gibt es noch eine Grundannahme, nämlich, daß wir Menschen eine riesige Freude daran haben, die Leben anderer Menschen zu bereichern; wenn wir selbst gut drauf sind, wenn unsere eigenen Bedürfnisse erfüllt sind, dann gehört es zu den Grundbedürfnissen von Menschen, zum Leben anderer Menschen beizutragen. Ich erlebe das bei mir selbst so, und ich erlebe es immer wieder bei anderen Menschen. Da war der Mann, der mir bei strömendem Regen Starthilfe gab, dabei komplett naß wurde, während ich im Auto saß, und der auf meinen Dank mit der Frage, wie ich das ausgleichen könne, meinte: "Do you know what the secret of happiness is? To help make others happy. So to see you so happy and dry, makes me very happy right now, thank you!"
Oder jener, der mich im nächtlichen Perth ansprach, wo ich nervös, ängstlich und einsam Runde um Runde drehte, weil ich mich vor der Weiterreise mit der "zerliebten" Reisegruppe aussprechen und möglicherweise entscheiden wollte, die nächsten 3 Monate alleine weiterzureisen: Ob ich etwas brauche, Jesus hätte ihm gesagt, er solle mich ansprechen, ich brauche Unterstützung. Und wie ich brauchte! Ich schüttete ihm mein Herz aus, er hörte einfach zu. Gab mir genau das, was ich brauchte, nämlich seine Präsenz, Gesellschaft, das Gefühl, nicht alleine zu sein. Und blieb bis zum allerletzten Moment, wartete vor der Tür, ob ich noch einmal zurückkäme (kam ich). Und ja, da kann man jetzt sagen: Dieser Mensch kam aktiv auf dich zu, hat also sein Interesse bekundet. Stimmt. Ich wäre nie aktiv auf ihn zugegangen und hätte ihn gefragt, ob er mich mal gerade emotional auffangen kann. Dennoch zeigt es etwas über die Bereitschaft von Fremden, für andere Fremde etwas zu tun, um diesen Aspekt geht es mir.
Solche Erfahrungen ziehen sich durch mein Leben, mir begegnen, egal wo, Menschen, die zum Leben Wildfremder beitragen wollen. Ich habe schon oft um etwas gebeten - und doppelt so viel bekommen. Oder nicht gebeten, meine Bedürftigkeit war nur sichtbar - und ich wurde beschenkt. Meine Grundüberzeugung ist daher: So sind Menschen. Sie sind im Kern wunderbare Wesen, die nichts anderes wollen als selbst glücklich zu sein - und zum Glück Anderer beizutragen, und zwar nicht nur ihrer Freunde.
Das bedeutet jetzt natürlich nicht, daß ich durch die Welt gehe und davon ausgehe, daß alle nur darauf warten, mir meine Bedürfnisse zu erfüllen: Ja, es gibt Umstände, und die müssen schon stimmen. Vor allem ist ein wesentlicher Umstand, damit Menschen gerne zum Leben anderer Menschen beitragen, daß sie es freiwillig tun dürfen. Daß sie nicht den Eindruck haben, es wird von ihnen erwartet, und ich erwarte es auch nicht. Es ist nicht bei jedem Menschen immer der richtige Zeitpunkt für jedes Bedürfnis. Ergo ja, ich bin verantwortlich dafür, mir meiner Bedürfnisse bewußt zu sein und zu entscheiden, mit wem ich welche wann teile. Keine Frage.
Doch in meiner Welt ist die Bandbreite, wem ich was "zumuten" kann, sehr, sehr groß - und vermutlich ist sie in Wahrheit noch einmal größer, als ich sie mir vorstellen kann. Mit offenem Herzen gibt es Gelegenheiten ohne Ende, mich von Fremden berühren zu lassen: Die beiden obigen Beispiele sind 8 bzw. 25 Jahre her. Und wenn ich mich an sie erinnere, wie gerade eben, bin ich immer noch berührt und denke voller Wärme an diese zwei Menschen, freue mich daran, wie wir uns wechselseitig beschenkt haben: Sie, indem sie gegeben haben, und ich, indem ich dankend genommen habe.
Ich glaube daran, daß ich mir, den Anderen und der Welt etwas schenke, wenn ich mein Herz so weit öffne, daß ich meine Bedürftigkeit zeige. Denn es gibt Anderen die Möglichkeit, ihre Fürsorge zu leben, und mit jedem Akt der Fürsorge kommt etwas Gutes in die Welt.
Das ist auch immer wieder mal ein Risiko. Manchmal rennt das offene Herz auch gegen eine Mauer, und das tut dann auch weh. Das passiert, und manchmal (oft? zu oft?) entscheide ich mich auch, lieber auf Nummer Sicher zu gehen. Trotzdem bezeichne ich das, was ich leicht leben kann, nicht als mein Optimum, und mein Herz schlägt für mehr
Auch in meiner Welt sind Freunde Menschen, bei denen ich schon öfter die Erfahrung gemacht habe, daß wir wechselseitig Freude daran haben, zu unseren Leben beizutragen. Und ja, im Idealfall führt das zu einer anderen Tiefe dabei, zu einem besseren Kennen, möglicherweise erweitern sich die Strategien zur Erfüllung der Bedürfnisse: Eine Freundin nehme ich auch mal in den Arm, einem Fremden lege ich maximal die Hand auf den Arm, um menschliche Wärme auszusenden.
Übrigens, aber ich bin auch nicht therapeutisch gebildet, kenne ich keine neurotischen Bedürfnisse. Für mich sind Bedürfnisse zutiefst menschlich und verständlich: "Will auf den Arm ...
" wäre für mich somit der vielleicht neurotische Ausdruck des Bedürfnisses nach Nähe, Wärme, Sicherheit, eine Unterscheidung, die mir persönlich wichtig ist, weil sie mir hilft, mich selbst für meine Bedürfnisse nicht zu verurteilen. Ich persönlich finde, daß es hart klingt, von mir zu behaupten, daß ich neurotische Bedürfnisse habe, daß ich lieber würdige, daß meine Anliegen berechtigt sind. Aber ja, bei Freunden darf ich das auch, einmal teppert, neurotisch, kindisch, trotzig, ... ausdrücken, und sie machen sich möglicherweise die Mühe, mein Anliegen zu sehen und mir zu erfüllen.
Allerdings würde ich davon auch nicht immer ausgehen - als ich vor einiger Zeit die Strategie wählte, eine Woche nicht mit meinem Lebensgefährten zu reden, hat der auch eine Weile (nämlich diese Woche) gebraucht, um mein Anliegen sehen zu wollen und nicht primär mit seiner eigenen Reaktion auf diese meine depperte Strategie beschäftigt zu sein
Ok, da beziehst Du Dich jetzt darauf, anderen im Versuch zu helfen nicht zu oktroyieren, daß sie genauso mit ihrer Krise umgehen müssen, wie Du es tun würdest, verstehe ich das richtig?
100%ige Zustimmung. Halte ich, wenn ich achtsam bin, genauso. Wenn ich allerdings um meine Meinung gefragt werde, gebe ich sie bekannt, sogar, wenn ich annehme, daß der Andere damit nichts anfangen kann. Dann aber halt kürzer
Diskussionen "um des Kaisers Bart" versuche ich ohnehin zu vermeiden, und trotzdem passieren sie hin und wieder; für mich ist das Spannende aber eigentlich, draufzukommen, was unter/hinter "des Kaisers Bart" für mich das Wesentliche ist, was dazu führt, daß ich mich in genau diese Diskussion ziehen lasse: Ich glaube nicht an ein Bedürfnis nach Rechthaberei, das ist für mich eine Strategie. Dahinter liegt, glaube ich, zumindest bei mir eher das Bedürfnis danach, sich auszukennen oder Einfluß zu haben, und manchmal ist es sehr schmerzlich mir einzugestehen, daß diese Bedürfnisse unerfüllt sind, möglicherweise sogar in einem sehr großen Kontext. Und da ist, glaube ich, Rechthaberei eine Strategie, um diesen riesigen Schmerz, daß ich nur ein klitzekleines Sandkorn bin, das so gerne dazu beitragen würde, daß es allen Sandkörnern gut geht, daß ich das aber nicht vermag, daß ich so wenig tun kann, obwohl ich glaube zu wissen, wie ich und alle anderen sein müßten, nicht zu spüren.
Da ist es dann leichter, in einer Diskussion "um des Kaisers Bart" herumzubeißen und mich stark zu fühlen, als die schwachen Gefühle anzuerkennen. Diskussionen "um des Kaisers Bart" sind ohnehin oft fruchtlos, eben weil es, wie der Name schon ausdrückt, um nichts geht.
Und jetzt schlage ich jetzt den Bogen zurück zum Fadenthema der indirekten Kommunikation - und zu Deiner Aussage davor, daß Du es lieber bei einer "weitgehend indirekten" Kommunikation beläßt - weil ich aus Deinen Erläuterungen jetzt vermute, daß wir nicht vom selben gesprochen haben.
So, wie ich Dich jetzt gelesen habe, war Dein Thema mehr "Aufrichtigkeit" oder: Wie viel von mir erzähle ich wem. Wo Du, wenn ich das richtig verstanden habe, Dich dafür entschieden hast, vorzuselektieren, wem gegenüber Du welche Wahrheiten von Dir mitteilst.
Das tue ich ja auch. Wenn ich vielleicht auch anders selektiere, aber ich tue es: Ich entscheide, wem ich was von mir mitteilen mag.
Aber die bloße Tatsache, sich zu entscheiden, daß ich in einer Situation etwas von mir nicht mitteilen mag, ist, so wie ich das Thema meinte, für mich keine indirekte Kommunikation.
Die indirekte Kommunikation beginnt für mich dort, wo ich mit einem Anliegen an die andere Person in Kommunikation eintrete - denn Kommunikation hat ja zumeist einen Zweck, ich möchte etwas mit ihr erreichen: Abklären, was wir am Abend machen, bitten, daß der Andere etwas für mich tut, mich mitteilen, um verstanden zu werden, mich bedanken, Spaß haben ... im Idealfall hat Kommunikation einen Zweck, dahinter liegt ein Anliegen von mir.
Und indirekte Kommunikation liegt für mich dort vor, wo ich dieses Anliegen zwar habe, mich entscheide mit diesem Menschen zu kommunizieren - aber genau dieses Anliegen möglichst versteckt ausdrücke, so daß es schwer zu finden ist.
Das war das, was ich in Deinem ursprünglichen Posting nicht verstanden habe: Warum will sie bewußt dort, wo sie ein Anliegen hat, dieses nicht klar ausdrücken, sondern versteckt? Was ja erschwert, daß es verstanden wird?
Und das, glaube ich jetzt, war nicht das, was Du unter indirekter Kommunikation meintest. Du sahst sie, wenn ich das richtig verstehe, mehr als das Gegenteil von bedingungsloser Aufrichtigkeit über alles, was in Dir lebendig ist in jedem Moment. Und so war sie von mir nicht gemeint.
Vielleicht war auch mein Einstiegs-Beispiel mißverständlich, weil ich da ja einen inneren Prozeß beschrieben habe. Damit aber nicht sagen wollte, man müsse/solle diesen inneren Prozeß teilen - sondern eigentlich war das eine Erläuterung, welcher innere Prozeß bei mir nötig war, um in einem Faden über ein ganz anderes Thema nicht in eine indirekte Kommunikation zu verfallen, die möglicherweise zu Unstimmigkeiten geführt hätte.
Wohingegen ich nach diesem inneren Prozeß merkte: Ich muß mir im Außen mit niemandem mehr etwas ausmachen, ich weiß jetzt, warum ich den Impuls hatte, blöd zu reagieren. Jetzt kann ich da lassen und einfach auf die Frage antworten, ich werde nicht mehr von einem versteckten Anliegen getrieben.
Ein weites, weites Feld ist sie für mich, diese Kommunikation. Mit vielen, wunderschönen Blumen. Ok, manche stinken. Aber im Grunde sind sie alle schön

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Liebe Tintenweberin!
Danke für Deine Erläuterung, auf die ich schon sehr gespannt war.
Zitat von Tintenweberin
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Dennoch trenne ich die Welt nicht in das Lager der Freunde, die zu meinen Bedürfnissen beitragen wollen und das Lager des riesigen Rests, denen ich egal bin und von daher meine Bedürfnisse besser gar nicht zumute. Denn in meiner Welt gibt es noch eine Grundannahme, nämlich, daß wir Menschen eine riesige Freude daran haben, die Leben anderer Menschen zu bereichern; wenn wir selbst gut drauf sind, wenn unsere eigenen Bedürfnisse erfüllt sind, dann gehört es zu den Grundbedürfnissen von Menschen, zum Leben anderer Menschen beizutragen. Ich erlebe das bei mir selbst so, und ich erlebe es immer wieder bei anderen Menschen. Da war der Mann, der mir bei strömendem Regen Starthilfe gab, dabei komplett naß wurde, während ich im Auto saß, und der auf meinen Dank mit der Frage, wie ich das ausgleichen könne, meinte: "Do you know what the secret of happiness is? To help make others happy. So to see you so happy and dry, makes me very happy right now, thank you!"
Oder jener, der mich im nächtlichen Perth ansprach, wo ich nervös, ängstlich und einsam Runde um Runde drehte, weil ich mich vor der Weiterreise mit der "zerliebten" Reisegruppe aussprechen und möglicherweise entscheiden wollte, die nächsten 3 Monate alleine weiterzureisen: Ob ich etwas brauche, Jesus hätte ihm gesagt, er solle mich ansprechen, ich brauche Unterstützung. Und wie ich brauchte! Ich schüttete ihm mein Herz aus, er hörte einfach zu. Gab mir genau das, was ich brauchte, nämlich seine Präsenz, Gesellschaft, das Gefühl, nicht alleine zu sein. Und blieb bis zum allerletzten Moment, wartete vor der Tür, ob ich noch einmal zurückkäme (kam ich). Und ja, da kann man jetzt sagen: Dieser Mensch kam aktiv auf dich zu, hat also sein Interesse bekundet. Stimmt. Ich wäre nie aktiv auf ihn zugegangen und hätte ihn gefragt, ob er mich mal gerade emotional auffangen kann. Dennoch zeigt es etwas über die Bereitschaft von Fremden, für andere Fremde etwas zu tun, um diesen Aspekt geht es mir.
Solche Erfahrungen ziehen sich durch mein Leben, mir begegnen, egal wo, Menschen, die zum Leben Wildfremder beitragen wollen. Ich habe schon oft um etwas gebeten - und doppelt so viel bekommen. Oder nicht gebeten, meine Bedürftigkeit war nur sichtbar - und ich wurde beschenkt. Meine Grundüberzeugung ist daher: So sind Menschen. Sie sind im Kern wunderbare Wesen, die nichts anderes wollen als selbst glücklich zu sein - und zum Glück Anderer beizutragen, und zwar nicht nur ihrer Freunde.
Das bedeutet jetzt natürlich nicht, daß ich durch die Welt gehe und davon ausgehe, daß alle nur darauf warten, mir meine Bedürfnisse zu erfüllen: Ja, es gibt Umstände, und die müssen schon stimmen. Vor allem ist ein wesentlicher Umstand, damit Menschen gerne zum Leben anderer Menschen beitragen, daß sie es freiwillig tun dürfen. Daß sie nicht den Eindruck haben, es wird von ihnen erwartet, und ich erwarte es auch nicht. Es ist nicht bei jedem Menschen immer der richtige Zeitpunkt für jedes Bedürfnis. Ergo ja, ich bin verantwortlich dafür, mir meiner Bedürfnisse bewußt zu sein und zu entscheiden, mit wem ich welche wann teile. Keine Frage.
Doch in meiner Welt ist die Bandbreite, wem ich was "zumuten" kann, sehr, sehr groß - und vermutlich ist sie in Wahrheit noch einmal größer, als ich sie mir vorstellen kann. Mit offenem Herzen gibt es Gelegenheiten ohne Ende, mich von Fremden berühren zu lassen: Die beiden obigen Beispiele sind 8 bzw. 25 Jahre her. Und wenn ich mich an sie erinnere, wie gerade eben, bin ich immer noch berührt und denke voller Wärme an diese zwei Menschen, freue mich daran, wie wir uns wechselseitig beschenkt haben: Sie, indem sie gegeben haben, und ich, indem ich dankend genommen habe.
Ich glaube daran, daß ich mir, den Anderen und der Welt etwas schenke, wenn ich mein Herz so weit öffne, daß ich meine Bedürftigkeit zeige. Denn es gibt Anderen die Möglichkeit, ihre Fürsorge zu leben, und mit jedem Akt der Fürsorge kommt etwas Gutes in die Welt.
Das ist auch immer wieder mal ein Risiko. Manchmal rennt das offene Herz auch gegen eine Mauer, und das tut dann auch weh. Das passiert, und manchmal (oft? zu oft?) entscheide ich mich auch, lieber auf Nummer Sicher zu gehen. Trotzdem bezeichne ich das, was ich leicht leben kann, nicht als mein Optimum, und mein Herz schlägt für mehr

In meiner Welt sind Freunde Menschen, die es trotzdem interessiert, die meine echten Bedürfnisse manchmal besser als ich von irgendwelchen Vollmeisen unterscheiden können, und denen es Spaß macht, mir vor Zeit zu Zeit sogar ein "neurotisches" Bedürfniss (z.B.: Will auf den Arm ...
) zu erfüllen.
) zu erfüllen.
Übrigens, aber ich bin auch nicht therapeutisch gebildet, kenne ich keine neurotischen Bedürfnisse. Für mich sind Bedürfnisse zutiefst menschlich und verständlich: "Will auf den Arm ...
" wäre für mich somit der vielleicht neurotische Ausdruck des Bedürfnisses nach Nähe, Wärme, Sicherheit, eine Unterscheidung, die mir persönlich wichtig ist, weil sie mir hilft, mich selbst für meine Bedürfnisse nicht zu verurteilen. Ich persönlich finde, daß es hart klingt, von mir zu behaupten, daß ich neurotische Bedürfnisse habe, daß ich lieber würdige, daß meine Anliegen berechtigt sind. Aber ja, bei Freunden darf ich das auch, einmal teppert, neurotisch, kindisch, trotzig, ... ausdrücken, und sie machen sich möglicherweise die Mühe, mein Anliegen zu sehen und mir zu erfüllen. Allerdings würde ich davon auch nicht immer ausgehen - als ich vor einiger Zeit die Strategie wählte, eine Woche nicht mit meinem Lebensgefährten zu reden, hat der auch eine Weile (nämlich diese Woche) gebraucht, um mein Anliegen sehen zu wollen und nicht primär mit seiner eigenen Reaktion auf diese meine depperte Strategie beschäftigt zu sein

Wenn ich auf der "reifen, königlichen" Seite meiner emotionalen Wippe bin, weiß ich genau, dass ich Menschen in einer kriseligen Situation hoffnungslos überfordere und frustriere, wenn ich meinen Wert der "emotionalen Aufrichtigkeit" (= lass uns doch mal ganz genau hinschauen, was wirklich hinter deinem Kummer steckt) lebe und "meine Wahrheit" über den anderen (in bester Absicht) zum Besten gebe. Demzufolge ist weniger gelebte "Aufrichtigkeit" für mein Gegenüber in seinem aktuellen Zustand besser.
100%ige Zustimmung. Halte ich, wenn ich achtsam bin, genauso. Wenn ich allerdings um meine Meinung gefragt werde, gebe ich sie bekannt, sogar, wenn ich annehme, daß der Andere damit nichts anfangen kann. Dann aber halt kürzer

Wenn ich mich von den Gemeinheiten des Lebens auf die bedürftigen Seite dieser Wippe schubsen lasse, schließt mein Wert der emotionalen Aufrichtigkeit einen unheiligen Pakt mit völlig anderen ("neurotischen") Bedürfnissen, z.B. meinem Wunsch nach Aufmerksamkeit oder meiner Rechthaberei. In diesem Fall ist es für mich, für den anderen und das Gesamtsystem noch viel wichtiger, dass ich aus einer Diskussion "um des Kaisers Bart" rechtzeitig aussteige und meine "Wahrheiten" (die durch meine aktuelle Bedürftigkeit nicht weniger wahr werden) für mich behalte.
Da ist es dann leichter, in einer Diskussion "um des Kaisers Bart" herumzubeißen und mich stark zu fühlen, als die schwachen Gefühle anzuerkennen. Diskussionen "um des Kaisers Bart" sind ohnehin oft fruchtlos, eben weil es, wie der Name schon ausdrückt, um nichts geht.
Und jetzt schlage ich jetzt den Bogen zurück zum Fadenthema der indirekten Kommunikation - und zu Deiner Aussage davor, daß Du es lieber bei einer "weitgehend indirekten" Kommunikation beläßt - weil ich aus Deinen Erläuterungen jetzt vermute, daß wir nicht vom selben gesprochen haben.
So, wie ich Dich jetzt gelesen habe, war Dein Thema mehr "Aufrichtigkeit" oder: Wie viel von mir erzähle ich wem. Wo Du, wenn ich das richtig verstanden habe, Dich dafür entschieden hast, vorzuselektieren, wem gegenüber Du welche Wahrheiten von Dir mitteilst.
Das tue ich ja auch. Wenn ich vielleicht auch anders selektiere, aber ich tue es: Ich entscheide, wem ich was von mir mitteilen mag.
Aber die bloße Tatsache, sich zu entscheiden, daß ich in einer Situation etwas von mir nicht mitteilen mag, ist, so wie ich das Thema meinte, für mich keine indirekte Kommunikation.
Die indirekte Kommunikation beginnt für mich dort, wo ich mit einem Anliegen an die andere Person in Kommunikation eintrete - denn Kommunikation hat ja zumeist einen Zweck, ich möchte etwas mit ihr erreichen: Abklären, was wir am Abend machen, bitten, daß der Andere etwas für mich tut, mich mitteilen, um verstanden zu werden, mich bedanken, Spaß haben ... im Idealfall hat Kommunikation einen Zweck, dahinter liegt ein Anliegen von mir.
Und indirekte Kommunikation liegt für mich dort vor, wo ich dieses Anliegen zwar habe, mich entscheide mit diesem Menschen zu kommunizieren - aber genau dieses Anliegen möglichst versteckt ausdrücke, so daß es schwer zu finden ist.
Das war das, was ich in Deinem ursprünglichen Posting nicht verstanden habe: Warum will sie bewußt dort, wo sie ein Anliegen hat, dieses nicht klar ausdrücken, sondern versteckt? Was ja erschwert, daß es verstanden wird?
Und das, glaube ich jetzt, war nicht das, was Du unter indirekter Kommunikation meintest. Du sahst sie, wenn ich das richtig verstehe, mehr als das Gegenteil von bedingungsloser Aufrichtigkeit über alles, was in Dir lebendig ist in jedem Moment. Und so war sie von mir nicht gemeint.
Vielleicht war auch mein Einstiegs-Beispiel mißverständlich, weil ich da ja einen inneren Prozeß beschrieben habe. Damit aber nicht sagen wollte, man müsse/solle diesen inneren Prozeß teilen - sondern eigentlich war das eine Erläuterung, welcher innere Prozeß bei mir nötig war, um in einem Faden über ein ganz anderes Thema nicht in eine indirekte Kommunikation zu verfallen, die möglicherweise zu Unstimmigkeiten geführt hätte.
Wohingegen ich nach diesem inneren Prozeß merkte: Ich muß mir im Außen mit niemandem mehr etwas ausmachen, ich weiß jetzt, warum ich den Impuls hatte, blöd zu reagieren. Jetzt kann ich da lassen und einfach auf die Frage antworten, ich werde nicht mehr von einem versteckten Anliegen getrieben.
Ein weites, weites Feld ist sie für mich, diese Kommunikation. Mit vielen, wunderschönen Blumen. Ok, manche stinken. Aber im Grunde sind sie alle schön



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