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Juli 2014: Naivität

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    Juli 2014: Naivität

    Ich bin oft naiv. Ich glaube so ziemlich jedem in meinem Umfeld erstmal alles was er mir erzählt, weil ich recht sicher bin, spüren zu können, was stimmt und was nicht. Und da es meistens für mich gar nicht wichtig ist, wenn jemand mir - und damit doch viel mehr sich selbst - etwas vormacht, fahre ich damit meistens gut. In erster Linie, weil es mir gut tut, nicht misstrauisch oder argwöhnisch zu sein. Aber ich habe auch schon schlechte Erfahrungen damit gemacht, bin betrogen worden. Trotzdem bin ich weiterhin gutgläubig.

    Ich erzähle auch offen und frei heraus von mir. Je nach dem, was sich thematisch ergibt, halte ich nur sehr wenig zurück. Ich fühle mich wohl damit, ehrlich zu sein, denn so, muss ich mir nie Gedanken darüber machen, wem ich welchen "Bären aufgebunden" habe. Das was ist, ist, und so wie ich gerade bin, bin ich eben.

    Nun hat der Begriff Naivität ja aber etwas recht negativ behaftetes. Wer naiv ist, ist realitätsfern. Auch unvernünftig und ein bisschen dümmlich.
    Es ist besser, "eine Show abzuziehen", etwas darzustellen, jemand zu sein, weil das vermeindlich mehr Sicherheit gibt. Ist das so? Was meint ihr? Und wie naiv seid ihr?

    #2
    Liebe A*star,

    vielen Dank für das spannende Thema!

    Mir scheint, mit dem Begriff "Naivität" wird z.T. sehr Unterschiedliches benannt:

    Im engeren Sinne wird damit ja eine ursprüngliche, kindliche Unverdorbenheit bezeichnet. Ein Kind kann unbefangen ganz naive Fragen stellen. Einem Erwachsenen würde man in der Regel nicht abnehmen, dass er ähnliche Fragen ohne Hintergedanken oder irgendeine andere Form von Doppelbödigkeit (Ironie etc..) stellen kann. Denn mehr Wissen (sei es aus Büchern oder aus Erfahrungen erworben) zerstört gewöhnliche diese Art von Naivität. Hinter ein Wissen kann man gewöhnlich nicht zurück: Durch Wissen wird es schwerer, jeden gleichermaßen beim Wort zu nehmen, den Anblick von Zoo-Tieren in viel zu engen Käfigen oder riesige Mengen Eiscreme unbeschwert zu genießen, oder auch andere Menschen beim Sex zu überraschen, ohne hinterher in der Kommunikation mit ihnen zumindest ansatzweise gehemmt zu sein.

    In manchen Bereichen ist es sehr auffällig, wenn diese kindliche Unbefangenheit und Unwissenheit länger erhalten bleibt als üblich: wenn jemand alles wortwörtlich nimmt, wenn er/sie sexuelle Anspielungen nicht versteht oder einem Menschen überhaupt nichts Schlechtes zutraut etc....

    In anderen Bereichen ist es zumindest nicht ungewöhnlich, wenig zu wissen und somit naive Fragen zu stellen. Ich persönlich bin z.B. in technischen, wirtschaftlichen und z.T. politischen Zusammenhängen eher naiv. Profis aus diesen Bereichen werden da über meine unbedarften Vorstellungen und Äußerungen vermutlich nur milde lächeln können...

    Aber es gibt ja, wie Du , liebe A*star, auch schon angedeutet hast, auch eine Art "gewollter Naivität" (ich bin noch unsicher, ob ich das Wort "Naivität" hierfür wirklich verwenden würde). Jedenfalls entspringt diese Haltung nicht einer Unbedarftheit und Unwissenheit, sondern einer bewussten Entscheidung: ich will z.B. nicht bei jedem Menschen gleich voraussetzen, dass er mich betrügen würde, auch wenn ich weiß, dass er prinzipiell dazu in der Lage wäre. Es entspricht nicht meinem Menschenbild, von jedem sofort etwas Schlechtes anzunehmem, auch wenn ich die Fähigkeit des Menschen dazu nicht negiere. Manche werden mich deswegen vielleicht arglos oder blauäugig nennen. Aber ich finde, man verdirbt sich vieles, wenn man erstmal von der schlimmsten Möglichkeit ausgeht, sich deswegen bei jedem entsprechend absichert etc. Auch der sinnliche Genuss ist, wie schon angedeutet, schnell beeinträchtigt, wenn man sein Wissen über Hintergründe (z.B. Zutaten) nicht auch mal beiseite schieben und sich stattdessen ganz dem Erleben des Augenblicks widmen kann.

    Eine solche bewusst zurückeroberte "Naivität" (oder wie immer man das nennen will) hat, wie ich finde, viel Potenzial Kleist spricht, so denke ich, genau davon, wenn er in seinem Aufsatz "Über das Marionettentheater" im Zusammenhang mit der Verlust der ursprünglichen Naivität schreibt:

    Solche Mißgriffe [...] sind unvermeidlich, seitdem wir von dem Baum der Erkenntnis gegessen haben. Doch das Paradies ist verriegelt und der Cherub hinter uns; wir müssen die Reise um die Welt machen, und sehen, ob es vielleicht von hinten irgendwo wieder offen ist.
    Viele liebe Grüße,
    Deine Chaja

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      #3
      Naiv wird laut Duden abgeleitet aus dem Französischen naïf < lateinisch nativus und bedeutet: durch Geburt entstanden; angeboren, natürlich.

      Ich liebe die Naivität von Kindern, die die Welt mit unschuldigen Augen ansehen, erfragen, von "Natur aus" (durch Geburt entstanden) neugierig und natürlich sehen. So waren wir alle einmal.

      Wann ist uns diese Naivität verloren gegangen und wodurch?
      Den einen früher, den anderen später durch die Erfahrung, dass nur wenig so ist, wie es scheint. Dass die Welt nicht einfach, sondern kompliziert ist, dass wir uns auf unsere Augen und Ohren nicht verlassen können, dass Eindrücke täuschen können, dass ein Ja nicht ja und ein Nein nicht nein bedeuten muss.
      Dass wir nicht wie in Märchen zwischen Gut und Böse unterscheiden können, sondern dass es jede Menge Grauzonen zwischen diesen beiden gibt.

      Wenn im Erwachsenenalter jemand als naiv bezeichnet wird, wird ihm unterstellt, die Welt noch mit Kinderaugen zu sehen.

      Ich gestehe, ich bin manchmal gern naiv. Ich möchte die Welt, meine Mitmenschen manchmal gar nicht so real sehen, wie sie es sind. Ich hoffe immer noch. Die Realität ist für mich oft nicht mehr zu ertragen, die Kriege, die Brutalitäten, die Abwertungen, Lieblosigkeiten, die Härte, die ins Gesicht geschmetterten Wahrheiten, aber auch die Vertuschungen, Verharmlosungen, das Unter-den Tisch-Kehren....... Die Reihe lässt sich beliebig fortsetzen.

      Ich hoffe immer noch, dass irgendein Politiker, Bonze, Manager Verantwortlicher zu sich kommt und so handelt, dass die Menschen friedlich zusammen leben können.
      Das hoffe ich auch für den Privatbereich.

      Insofern bin ich gar nicht sauer, wenn mir jemand sagt: Du bist doch naiv.

      Im Gegenteil: Ich bin sogar stolz darauf, mir noch ein wenig kindlichen Glauben und kindliche Hoffnung bewahrt zu haben.

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        #4
        Naiv bedeutet ja im Grunde heutzutage soviel wie "dumm" und wird meist für Menschen benutzt, die die gleichen Fehler immer wieder machen, ohne je daraus zu lernen.

        Kindliche "Naivität" klingt da schon fast abwertend. Ich würde kindliche Unvoreingenommenheit bevorzugen, da es genau beschreibt, wie Kinder tatsächlich auf Dinge, Menschen zugehen.

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          #5
          "Naiv" ist eigentlich kein wertender Begriff, aber für viele ist er tatsächlich schon rein abwertend geworden. Wenn man immer nur hört: "Bist du so naiv, oder tust du nur so?" lässt sich eine solche negative Festlegung wohl auch kaum vermeiden...

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            #6
            Warum sollte ich mir die negativen Festlegungen anderer zu Herzen nehmen? Müssen/sollen wir das wirklich?
            Das kann mir doch so hoch wie breit sein!

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              #7
              Zitat von Bonny123 Beitrag anzeigen
              Warum sollte ich mir die negativen Festlegungen anderer zu Herzen nehmen? Müssen/sollen wir das wirklich?
              Das kann mir doch so hoch wie breit sein!
              Ich sehe das wie Du, Bonny! Aber ich denke, um eine positiven Begriff von Naivität entwickeln zu können, muss dieses Unbedarfte, Kindliche irgendwo einen Schutzraum erhalten, wo es sein darf und wertgeschätzt wird. In einem liebevollen Elternhaus z.B.... Wo aber das Leben von Anfang an nur Kampf ist, wird Naivität wohl durchgängig als Schwäche ausgelegt und ausgenutzt werden...

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                #8
                Es gab eine Zeit in meinem Leben da war ich so naiv, dass ich nicht mal bemerkte dass es abwertend gemeint war, wenn ich naiv genannt wurde

                Heute bemerke ich das, doch es ist mir egal. Ich glaube es muss einfach noch so ein paar "Blauäugige" geben, die die Welt im allgemeinen und die Menschen im speziellen positiv sehen. Ich gehöre da eindeutig dazu.

                Mittlerweile hab ich ein schönes Wort dafür gefunden. Ich nenne es nicht mehr Naivität, ich nenne es Vertrauensvorschuss.

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                  #9
                  In einigen Bereichen des Lebens kann man mir auch erzählen, was man will und ich werde es glauben. Einiges davon glaube ich, weil ich es nicht besser weiß, anderes, weil ich es gerne glauben möchte.

                  Zitat von A*star Beitrag anzeigen
                  Es ist besser, "eine Show abzuziehen", etwas darzustellen, jemand zu sein, weil das vermeindlich mehr Sicherheit gibt. Ist das so? Was meint ihr? Und wie naiv seid ihr?
                  Mhmm. Um eine "Show abziehen" zu können muss ich allerdings im Bilde sein. Jemand, der einfach gutgläubig an eine Sache heran geht und damit bisher noch nicht derart auf die Nase gefallen ist, dass er sich bewusst zurück hält, wird vielleicht gar nicht auf die Idee kommen, sich zu verstellen oder sich verstellen zu müssen.. Und würde jemand erfahren haben, dass er vielleicht mitleidige, abwertende, fragende Blicke damit erntet, ist damit auch nicht sicher, dass er sich verstellen könnte (also eine Show abzieht). Allenfalls übt er sich zukünftig in Vorsicht und Zurückhaltung. Ein Verstellen im Sinne von "ich habe Ahnung" fliegt sicher beizeiten auf.

                  Für mich ist das ein heißes Thema. Meine Toleranz endet an der Stelle, an der die Gutgläubigkeit zulasten Heranwachsender geht. "Naiv" bedeutet für mich auch unkritisch mit Sachverhalten umzugehen und diese unkritische Weltsicht an die Nachkommen weiter zu geben. Wenn ein Kind/ Jugendlicher zum Kompetenten, zum Qualifizierten und zum Experten der Familie wird, weil der Rest der Familie in seiner Kindlichkeit verhaftet bleibt, dann macht mich das wütend. Eine Lösung habe ich dafür allerdings nicht.

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                    #10
                    Zitat von A*star Beitrag anzeigen
                    Ich bin oft naiv. Ich glaube so ziemlich jedem in meinem Umfeld erstmal alles was er mir erzählt, weil ich recht sicher bin, spüren zu können, was stimmt und was nicht. Und da es meistens für mich gar nicht wichtig ist, wenn jemand mir - und damit doch viel mehr sich selbst - etwas vormacht, fahre ich damit meistens gut. In erster Linie, weil es mir gut tut, nicht misstrauisch oder argwöhnisch zu sein. Aber ich habe auch schon schlechte Erfahrungen damit gemacht, bin betrogen worden. Trotzdem bin ich weiterhin gutgläubig.
                    liebe A*star, ich nehm dich echt nicht als naiv wahr! so wie ich naiv verstehe. du wirkst intelligent, gebildet, geerdet. vor betrug ist niemand gefeit, glaube ich. und ich sehe es wie du: wenn andere sich und anderen etwas vormachen wollen, sollen sie doch. solange keiner darunter leidet...ich würde das was du meinst eher grundvertrauen nennen.
                    Ich erzähle auch offen und frei heraus von mir. Je nach dem, was sich thematisch ergibt, halte ich nur sehr wenig zurück. Ich fühle mich wohl damit, ehrlich zu sein, denn so, muss ich mir nie Gedanken darüber machen, wem ich welchen "Bären aufgebunden" habe. Das was ist, ist, und so wie ich gerade bin, bin ich eben.
                    da sehe ich keinen zusammenhang mit naivität. authentizität, ehrlichkeit, extroversion fällt mir da eher zu ein. und hm ja, vielleicht ist das manchmal naiv, weil du damit zu viel preis gibst und dir damit chancen vemasselst? solange du dich mit deiner art wohlfühlst, sehe ich aber keinen grund, irgendwas daran zu ändern. das ist doch total charmant!
                    Nun hat der Begriff Naivität ja aber etwas recht negativ behaftetes. Wer naiv ist, ist realitätsfern. Auch unvernünftig und ein bisschen dümmlich.
                    ich habe dazu ganz aktuell eine person vor augen. in meinem fall in gefährlicher kombination mit macht. und ich glaube fast jeder von uns kennt jemanden, der viel zu sagen hat (chefs), und dessen kompetenzen wir hierzu anzweifeln. oder schlimmer: klar widerlegen können. die naivität steht dann in zusammenhang mit: ich glaube (!) das ist aber so (obwohl viele experten anderer ansicht sind), ich will das so machen, und will mir die anderen meinungen auch gar nicht anhören. weil ich es nicht verstehen kann, verstehen will?
                    Es ist besser, "eine Show abzuziehen", etwas darzustellen, jemand zu sein, weil das vermeindlich mehr Sicherheit gibt. Ist das so? Was meint ihr?
                    die show ziehen doch wohl eher die "gerissenen" ab. den naiven kümmerts nicht, er steht zu seiner ansicht. warum sollte er eine show abziehen - zuviel aufwand? vielleicht zieht er irgendwann eine show ab, wenn er merkt, dass er ansonsten ständig mit gegenwind konfrontiert ist. aber dann würde ihn wohl keiner mehr naiv nennen. sorry, die beiden gehen in meinem hirn nicht zusammen!

                    Und wie naiv seid ihr?
                    durchschnittlich! vertrauensvorschuss ist nicht so mein ding, ich gehen eher argwöhnisch an neue menschen heran. vorsichtig. erst mal gucken, mit wem ich es da so zu tun habe. aber: ich mag mich gern schlau machen, aber nicht immer. und mich interessiert einfach auch nicht alles. also bin ich in manchen bereichen gern faul, naiv, ignorant. man könnte es auch "schwäche" nennen...?
                    ich entdecke eine gewisse unschlüsssigkeit in meiner herangehensweise, in meinen gedanken zum thema! die definition spielt eine wichtige rolle. naivität als harmloser, süßer wesenszug? naivität als gefährliche nachlässigkeit? kindliche naivität als gelebter spieltrieb? wie hängen naivität, kompetenz und vertrauen zusammen?

                    liebe grüße

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                      #11
                      Mir ist es in meinem Leben immer wieder passiert, dass ich als naiv bezeichnet wurde. Das liegt vielleicht auch einfach an meinem ruhigen, zurückhaltenden Auftreten, sodass sich so ein Eindruck schon gleich zu Anfang bilden kann.

                      Naiv bin ich vielleicht wirklich manchmal, denn übermäßiger Argwohn ist nicht meine Sache. Meistens gehe ich mit einer positiven Grundeinstellung an neue menschliche Kontakte heran. Klar kann ich nicht damit rechnen, dass jeder diesen Vertrauensvorschuss auch verdient, und manche Menschen sind nicht so, wie ich sie mir wünschen würde. Aber diese Möglichkeit schließe ich natürlich nie aus, da sie Teil der menschlichen Natur sind.

                      Beispiel: jemand erzählt mir irgendeinen Sachverhalt aus seinem Leben. Die Erzählung klingt vielleicht ein wenig unwahrscheinlich, könnte in manchen Details unwahr sein. Trotzdem nehme ich das Erzählte erstmal so an, halte mir aber die Möglichkeit der Unwahrheit im Hinterkopf. Solange ich mich auf den Inhalt der Erzählung nicht verlassen muss, ist es mir aber manchmal auch egal, ob es wirklich wahr ist. Gelogene Inhalte kann man sowieso relativ oft daran erkennen, dass sich früher oder später ein Wiederspruch zeigt (wer lügt kann sich nämlich Details weniger gut merken, da sie nur ausgedacht sind. Die Wahrscheinlichkeit, sich zu verplappern steigt).

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