Blättere gerade im Programmheft der Ruhrtriennale und bin mir noch nicht sicher, ob ich mir eine Veranstaltung ansehen werde.
Den Eingangstext von Willy Decker finde ich aber so gelungen und so phantstisch, dass ich ihn hier posten möchte:
bei weiterem Interesse:
Ruhrtriennale 2009-2011
Wer die industriehallen der Ruhrtriennale betritt,
gerät auf ein starkes Magnetfeld und in den Sog einer
Atmosphäre von fast vergessener Energie und Kraft,
die immer noch in der Leere dieser Riesenbauten nachzittert.
Die Förderräder stehen zwar still, aber wie mit
angehaltenem Atem. Lauernd auf einen Impuls, der ihre
Bewegung wieder anwirft, verschüttete Energien neu
freisetzt und in die Tiefe schickt. Sie stehen als kraftvolle
Symbole in der Ruhrlandschaft und als starke Bilder für
einen entschlossenen Vorstoß in die Tiefe. Unsere Sehnsucht
– die sich im Programm der kommenden Triennale
ausdrückt – auf einer anderen Ebene in diese Tiefe vorzudringen,
nach den Wurzeln und dem innersten Kern
des menschlichen Th emas zu graben, vermählt sich mit
der immer noch spürbaren Aura dieser nur scheinbar
nutzlos gewordenen Industriebauten. In ihnen wurde
mit unvorstellbarer Kraft und manchmal auch rücksichtsloser
Entschlossenheit nach Materie und Rohstoff
gegraben, während unsere Suche nach dem Immateriellen
und Zweckfreien der Kunst in der provozierenden
Leere dieser scheintoten Giganten einen neuen Zusammenhang
und eine neue Konkretheit fi ndet.
Wir nehmen sozusagen diesen Impuls einer Bewegung
in die Tiefe auf und machen uns auf die Suche
nach den Wurzeln menschlichen Bewusstseins und einer
elementaren Sehnsucht nach einem größeren Zusammenhang.
So wie industrielle Kraft den Urstoff der
Kohle gefördert hat, wollen wir nach einem geistigen
Urstoff menschlicher Existenz graben – dem Urmoment
des Religiösen.
Das Wort Religion ist ein erschöpftes Wort, vom
vielen Gebrauch, von oberfl ächlicher, fahrlässiger Benutzung
abgegriff en. Zur Fadenscheinigkeit entstellt,
ein zerfl eddertes Wort, verschwommen, oft nur noch
eine Buchstabenfassade. Dieses tragische Schicksal, das
manchen – meist den besonders wichtigen –Worten
widerfährt, teilt der Begriff Religion mit dem der Liebe.
Beide sind eng verwandt, sind tragische Geschwister.
Dieser Moment vor dem tragischen Einsatz der Worte
und jenseits von begriffl icher Bedeutung ist der Urmoment,
um den es in der kommenden Triennale gehen
soll. Mit der Frage nach dem Ursprung, der gemeinsamen
Quelle von Kunst, Religion und Liebe.
Es wird um die Beziehung der Künste und der Künstler
zum Urmoment des Religiösen gehen. Nicht um
Religion als fertiges System oder um Institutionen oder
Kirchen, sondern um das neben Liebe und Tod andere
große Th ema der Kunst, Suche und Sehnsucht nach
einem großen Zusammenhang, der die Begrenztheit der
eigenen Existenz überwindet. Unsere Zeit und ganz besonders
der Raum, in dem die Triennale stattfi ndet, werden
stark vom Umbruch und von der Suche nach neuen
Orientierungspunkten geprägt. Nachdem die großen
politischen Utopien zusammengebrochen sind, befi nden
sich der Einzelne und die Gesellschaft in einer Krise von
Identität und Orientierung. In diesem Zusammenhang
und in der bedrängenden Problematik von Globalisierung
und Werteverfall soll die Frage nach der möglichen
Bedeutung von religiöser Suche, von Spiritualität und
Transzendenz mit den Mitteln der Kunst und aus der
Sicht des Künstlers neu gestellt werden.
Wir richten in jedem der drei kommenden Jahre
unseren Blick schwerpunktmäßig auf eine bedeutende
spirituelle Tradition. 2009 fällt dieser Blick auf jüdische
Kultur und jüdisches Denken. Dabei stehen große
Werke, die jüdische Gedanken umschreiben, im Mittelpunkt,
wie Arnold Schönbergs Moses und Aron, Joseph
Roths Hiob, Texte von Franz Kafka und Gedichte der
großen Else Lasker-Schüler.
Wir wollen Sie mitnehmen auf die Suche nach dem
Ursprünglichen, Sie für diese »künstlerische Archäologie
der Bedeutungen« begeistern, und wir hoff en auf große
Erlebnisse von Urmomenten, in denen die Kunst uns
für einen wunderbaren, fl üchtigen Augenblick mit der
Wahrheit unseres Lebens in Berührung bringt.
Willy Decker
Ständig in aller Munde, spricht und handelt jeder, als
wüsste er, was sie bedeuten, und doch kann niemand
ihre Bedeutung eindeutig aussprechen. Für beide Worte
gibt es so viele Deutungen, wie es Menschen gibt. Beide
wollen alles sagen und sagen gerade deshalb nichts. In
ihrem Namen vollbringen Menschen ihre schönsten und
auch ihre schrecklichsten Taten. Das Dilemma dieser
tragischen Wortgeschwister ist es, dass sie durch ihre
pure Existenz den Zugang zu den Phänomenen, die sie
eigentlich beschreiben wollen, verstellen. Im Moment,
in dem ich Religion oder Liebe mit Worten umschreibe,
habe ich sie verfehlt – ganz so wie bei dem Wort Kunst,
dem dritten der Geschwister in dieser Tragödie der
Worte. Wie bei Liebe und Religion gibt es auch für die
Kunst keine verbindliche oder gar endgültige Defi nition.
Wenn ich große Kunst erlebe, dann weiß ich, dass ich
große Kunst erlebe, und kann es doch weder erklären
noch beweisen. Liebe spielt sich genauso wenig im
Bereich des sprachlich Erfassbaren ab, sondern weit jenseits
davon. Und der erste Impuls des Religiösen entsteht
aus der Energie, mit der ich die Mauer der Sprache und
der Begriff e durchbreche. Worte sind das letzte Hindernis
auf dem Weg in eine andere Wirklichkeit, in der
Liebe, Kunst und Religion ihre gemeinsame Bedeutung
wiederfi nden.
Beim puren Erklingen dieser Worte ist man sofort
unweigerlich einem Bombardement an Deutungen und
Bedeutungen ausgesetzt. Die Worte brechen unter der
Last der Emotionen, der Missverständnisse, der Verzerrungen,
des Missbrauchs und der Entstellungen in
tausend Gedankensplitter förmlich auseinander und sind
sich auf diesem Trümmerfeld der Bedeutungen dann
ganz nah, sind vielleicht sogar ein und dasselbe – drei
hilfl ose Worte für das gleiche ursprüngliche Phänomen.
Und da, wo sie ineinanderfl ießen, wo die Worthülsen
zerbrochen sind, wird klar, dass ihre gemeinsame Tragödie
nur darin besteht, dass sie nicht gesagt, sondern nur
erlebt werden können.
Den Eingangstext von Willy Decker finde ich aber so gelungen und so phantstisch, dass ich ihn hier posten möchte:
bei weiterem Interesse:
Ruhrtriennale 2009-2011
Wer die industriehallen der Ruhrtriennale betritt,
gerät auf ein starkes Magnetfeld und in den Sog einer
Atmosphäre von fast vergessener Energie und Kraft,
die immer noch in der Leere dieser Riesenbauten nachzittert.
Die Förderräder stehen zwar still, aber wie mit
angehaltenem Atem. Lauernd auf einen Impuls, der ihre
Bewegung wieder anwirft, verschüttete Energien neu
freisetzt und in die Tiefe schickt. Sie stehen als kraftvolle
Symbole in der Ruhrlandschaft und als starke Bilder für
einen entschlossenen Vorstoß in die Tiefe. Unsere Sehnsucht
– die sich im Programm der kommenden Triennale
ausdrückt – auf einer anderen Ebene in diese Tiefe vorzudringen,
nach den Wurzeln und dem innersten Kern
des menschlichen Th emas zu graben, vermählt sich mit
der immer noch spürbaren Aura dieser nur scheinbar
nutzlos gewordenen Industriebauten. In ihnen wurde
mit unvorstellbarer Kraft und manchmal auch rücksichtsloser
Entschlossenheit nach Materie und Rohstoff
gegraben, während unsere Suche nach dem Immateriellen
und Zweckfreien der Kunst in der provozierenden
Leere dieser scheintoten Giganten einen neuen Zusammenhang
und eine neue Konkretheit fi ndet.
Wir nehmen sozusagen diesen Impuls einer Bewegung
in die Tiefe auf und machen uns auf die Suche
nach den Wurzeln menschlichen Bewusstseins und einer
elementaren Sehnsucht nach einem größeren Zusammenhang.
So wie industrielle Kraft den Urstoff der
Kohle gefördert hat, wollen wir nach einem geistigen
Urstoff menschlicher Existenz graben – dem Urmoment
des Religiösen.
Das Wort Religion ist ein erschöpftes Wort, vom
vielen Gebrauch, von oberfl ächlicher, fahrlässiger Benutzung
abgegriff en. Zur Fadenscheinigkeit entstellt,
ein zerfl eddertes Wort, verschwommen, oft nur noch
eine Buchstabenfassade. Dieses tragische Schicksal, das
manchen – meist den besonders wichtigen –Worten
widerfährt, teilt der Begriff Religion mit dem der Liebe.
Beide sind eng verwandt, sind tragische Geschwister.
Dieser Moment vor dem tragischen Einsatz der Worte
und jenseits von begriffl icher Bedeutung ist der Urmoment,
um den es in der kommenden Triennale gehen
soll. Mit der Frage nach dem Ursprung, der gemeinsamen
Quelle von Kunst, Religion und Liebe.
Es wird um die Beziehung der Künste und der Künstler
zum Urmoment des Religiösen gehen. Nicht um
Religion als fertiges System oder um Institutionen oder
Kirchen, sondern um das neben Liebe und Tod andere
große Th ema der Kunst, Suche und Sehnsucht nach
einem großen Zusammenhang, der die Begrenztheit der
eigenen Existenz überwindet. Unsere Zeit und ganz besonders
der Raum, in dem die Triennale stattfi ndet, werden
stark vom Umbruch und von der Suche nach neuen
Orientierungspunkten geprägt. Nachdem die großen
politischen Utopien zusammengebrochen sind, befi nden
sich der Einzelne und die Gesellschaft in einer Krise von
Identität und Orientierung. In diesem Zusammenhang
und in der bedrängenden Problematik von Globalisierung
und Werteverfall soll die Frage nach der möglichen
Bedeutung von religiöser Suche, von Spiritualität und
Transzendenz mit den Mitteln der Kunst und aus der
Sicht des Künstlers neu gestellt werden.
Wir richten in jedem der drei kommenden Jahre
unseren Blick schwerpunktmäßig auf eine bedeutende
spirituelle Tradition. 2009 fällt dieser Blick auf jüdische
Kultur und jüdisches Denken. Dabei stehen große
Werke, die jüdische Gedanken umschreiben, im Mittelpunkt,
wie Arnold Schönbergs Moses und Aron, Joseph
Roths Hiob, Texte von Franz Kafka und Gedichte der
großen Else Lasker-Schüler.
Wir wollen Sie mitnehmen auf die Suche nach dem
Ursprünglichen, Sie für diese »künstlerische Archäologie
der Bedeutungen« begeistern, und wir hoff en auf große
Erlebnisse von Urmomenten, in denen die Kunst uns
für einen wunderbaren, fl üchtigen Augenblick mit der
Wahrheit unseres Lebens in Berührung bringt.
Willy Decker
Ständig in aller Munde, spricht und handelt jeder, als
wüsste er, was sie bedeuten, und doch kann niemand
ihre Bedeutung eindeutig aussprechen. Für beide Worte
gibt es so viele Deutungen, wie es Menschen gibt. Beide
wollen alles sagen und sagen gerade deshalb nichts. In
ihrem Namen vollbringen Menschen ihre schönsten und
auch ihre schrecklichsten Taten. Das Dilemma dieser
tragischen Wortgeschwister ist es, dass sie durch ihre
pure Existenz den Zugang zu den Phänomenen, die sie
eigentlich beschreiben wollen, verstellen. Im Moment,
in dem ich Religion oder Liebe mit Worten umschreibe,
habe ich sie verfehlt – ganz so wie bei dem Wort Kunst,
dem dritten der Geschwister in dieser Tragödie der
Worte. Wie bei Liebe und Religion gibt es auch für die
Kunst keine verbindliche oder gar endgültige Defi nition.
Wenn ich große Kunst erlebe, dann weiß ich, dass ich
große Kunst erlebe, und kann es doch weder erklären
noch beweisen. Liebe spielt sich genauso wenig im
Bereich des sprachlich Erfassbaren ab, sondern weit jenseits
davon. Und der erste Impuls des Religiösen entsteht
aus der Energie, mit der ich die Mauer der Sprache und
der Begriff e durchbreche. Worte sind das letzte Hindernis
auf dem Weg in eine andere Wirklichkeit, in der
Liebe, Kunst und Religion ihre gemeinsame Bedeutung
wiederfi nden.
Beim puren Erklingen dieser Worte ist man sofort
unweigerlich einem Bombardement an Deutungen und
Bedeutungen ausgesetzt. Die Worte brechen unter der
Last der Emotionen, der Missverständnisse, der Verzerrungen,
des Missbrauchs und der Entstellungen in
tausend Gedankensplitter förmlich auseinander und sind
sich auf diesem Trümmerfeld der Bedeutungen dann
ganz nah, sind vielleicht sogar ein und dasselbe – drei
hilfl ose Worte für das gleiche ursprüngliche Phänomen.
Und da, wo sie ineinanderfl ießen, wo die Worthülsen
zerbrochen sind, wird klar, dass ihre gemeinsame Tragödie
nur darin besteht, dass sie nicht gesagt, sondern nur
erlebt werden können.

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