Zitat von Tar Retaw
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Gast -
Ihr Lieben,
ich habe gerade einen Text wiedergefunden, den ich vor zwei Jahren geschrieben und schon mal irgendwo im Forum gepostet habe. Aber jetzt passt er ja gerade ganz gut.
So und so ähnlich verliefen früher jeweils die Zweiten Weihnachtsfeiertage, die wir mit der Familie väterlicherseits verbrachten. Die Geschwister meines Vaters habe ich mal durchbuchstabiert.
Damals schrieb ich:
Ihr Lieben,
hätte Loriot die Geschwister meines Vaters kennengelernt, hätte er vermutlich noch 1-2 Filme mehr gedreht. Da ich mich heute wegen einer aktuellen Geschichte wieder über diesen Teil meiner Familie aufgeregt habe, reagiere ich mich jetzt mal ab, indem ich über eine der traditionellen Weihnachstfeiern mit der lieben Familie schreibe, die sich so in unserem Wohnzimmer abgespielt hat:
A. kann mit Familie nur über Mittag kommen, wegen der Kühe, die abends wieder gemolken werden müssen. Also trifft man sich frühzeitig. Seine Frau und die erwachsene Tochter sitzen stumm da und warten darauf, dass es mit dem Essen losgeht. Kommunikationsversuche von verschiedenen Seiten schlagen fehl.
Die Frau von B. begrüßt jeden (ausnahmslos jeden) mit der Bemerkung: "Du hast aber abgenommen! Wie machst Du das bloß?". Ihr knapp dreißigjähriger Sohn spielt nervös mit dem Besteck herum, bis es herunterfällt und er unter den Tisch krabbeln muss. Dabei erzählt er, ohne dass ihm jemand zuhört, pausenlos vor sich hin.
C. erscheint mit meiner Großmutter, fragt sehr laut und mindestens dreimal, ob sie auch bequem sitzt auf diesen harten Stühlen. Dann erst kann sie ihre Begrüßungsrunde absolvieren, bei der sie jedem erklärt, dass sie ihn nicht früher begrüßen konnte, weil sie sich ja um die Mutter kümmern musste. Das macht ja sonst keiner und das ist ja wieder typisch! Übrigens hat sie trotzdem für jeden ein Weihnachtsgeschenk, auch wenn sie ja nichts davon hält sich zu beschenken. Aber SIE kann ja ihren Nächsten verzeihen, ganz im Gegensatz zu vielen anderen Leuten hier im Raum...
Die Stimmung heizt sich langsam an. D. und seine Frau versuchen ruhig zu bleiben und eine nette Konversation in Gang zu bringen, während mein Vater, der kurz davor ist zu platzen, schnell noch ein paar Stühle heranschleppt und meine Mutter sehr dankbar ist, noch ein paar Minuten in der Küche verbringen zu dürfen. Wir Kinder stellen die fertigen Salatschüsseln auf einen Tisch, der als Buffet dient, und amüsieren uns insgeheim.
Schon hört man B. sich zur Tagespolitik äußern, wobei "Ordnung" und "Disziplin" eingefordert und das "Ausländergeschmeiß" dorthin gewünscht wird, wo der Pfeffer wächst. D. bekommt einen hochroten Kopf und versucht es mit Argumenten. A’s erwachsene Tochter erzählt in einer Naivität, die sie nicht erst spielen muss, dass sie in ihrem Dorf auch einen Ausländer haben. Meine Mutter streut in der Küche reichlich Schwarzkümmel über die griechische Spinatpitta, von der B. nur essen wird, solange er sie für heimischen Spinatkuchen hält. Bevor er weiß, worum es sich bei dem Gericht handelt, findet er es äußerst schmackhaft.
B’s Sohn sitzt vor einem leeren Teller: Nein danke, er wartet auf das Hauptgericht. Ach so, das ist das Hauptgericht, ja dann... Iß schön, sagt Großmutter, und: ach wie schön, dass die ganze Familie mal wieder zusammen ist!
Es klingelt: E. kommt wie immer ein bis zwei Stündchen später und hat auch eine supergeile Idee, mit welchem tierisch guten Spiel man den Nachmittag verbringen könnte. Dazu muss man allerdings das Wohnzimmer ein bisschen umräumen, weil man es normalerweise draußen spielt und man dazu ein paar echt coole Aufbauten braucht. Hat er aber alles dabei, null Problemo. Und auf dem Mittelalter-Markt haben sie das neulich auch gespielt. Total abgefahren!
Aber C. protestiert: Nein, sie hat schon etwas für den Nachmittag organisiert (allseits erstaunte Blicke), weil sie ja weiß, dass hier alle immer nur herumsitzen und über Abnehmen reden. Ein garstiger Blick trifft B’s Frau, die den Faden sofort aufgreift und D’s Frau fragt, ob sie nicht auch meint, dass meine Mutter abgenommen hat.
C’s Überraschung kommt in Person ihres Freundes. Er ist 20 Jahre jünger als sie und niemand weiß so richtig, warum er sich von C. für alle gröberen Arbeiten in Haus und Garten anstellen und herumkommandieren lässt. Er guckt immer nur wie ein treuer Hund - sehr ergeben und liebebedürftig. Und da er gerade einen Vertreter-Job bei einer Staubsauger-Firma bekommen hat, darf er heute mal seine Vorführungs-Show vor der versammelten Familie unterm Tannenbaum abhalten. Er tut sich schwer damit: wahrscheinlich spürt er, dass Vorführung und Weihnachtsfeier nicht so recht zusammenpassen, aber wenn C. es von ihm verlangt...
Also beginnt er mit seinem Programm, aber der Text aus seinem Vertreter-Handbuch ist in der Höflichkeitsform geschrieben. Also siezt er die Verwandtschaft und wendet sich mit den Worten "die liebe Hausfrau" an meine Mutter. Seine Bewegungen wirken steif und einstudiert. Mein Vater und D. unternehmen einen letzten Versuch, diese Farce zu stoppen, aber schon fragt B. ernsthaft interessiert, ob denn auch die unteren Florschichten des Teppichs von diesem Saugsystem erfasst würden. C’s. Freund entspannt sich sichtlich und legt nun erst so richtig los. Eine Stunde später hat er uns alle Funktionen des grandiosen Gerätes vorgeführt, inclusive der Zusatzgeräte wie etwa des anschließbaren Schwingschleifers. Als er die Bettfeder-Reinigungs-Funktion vorführen will, streikt meine Mutter jedoch.
Dann wird Kuchen gegessen, bevor A’s Frau zum Aufbruch drängt. C. lässt ihren Freund den Wäschekorb mit ihren Geschenken aus dem Auto holen und knallt jedem ein Päckchen neben den Kuchenteller. "Selbstgemacht" sagt sie dazu. Und jeder von uns darf nun ein Glas Marmelade aus einer roten Serviette wickeln. C. erzählt, dass die Marmelade vielleicht ein bisschen lange gekocht hat. Aber SIE hat ja keine Zeit, ständig neben dem Herd zu stehen. SIE muss sich ja um ihre Mutter kümmern. Und deshalb ist die Marmelade ein bisschen dunkel geworden. Aber sie hasst Verschwendung. SIE kann Gottes Gaben nicht in den Abfall kippen, wie so manch einer hier. SIE rettet, was zu retten ist. Fakt ist, dass diese Marmelade nicht mehr zu retten war. Deshalb steht auch "Brandapfel-Marmelade" auf dem Etikett...
So, jetzt geht's mir wieder besser
Zuletzt geändert von Chaja; 22.12.2014, 19:30.
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Amsterdam Light Festival 2014

Eine beleuchtete Fläche mit beweglichen, halbtransparenten dreieckigen Aufklebern.
Triangolini | Amsterdam Light Festival
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Spunk

Ich erinnere mich, den schon mal gelesen zu haben. Damals sicher genauso gern wie heute. Hihi. 

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