Ankündigung

Einklappen
Keine Ankündigung bisher.

Der König ist tot. Lang lebe der König.

Einklappen
Dieses Thema ist geschlossen.
X
X
 
  • Filter
  • Zeit
  • Anzeigen
Alles löschen
neue Beiträge

    Der König ist tot. Lang lebe der König.

    Früher habe ich mich immer gefragt, ob damit gemeint ist, dass der tote König in Ewigkeit weiterleben soll. Als ich später erfahren habe, dass der zweite Satz den neuen König ausruft, habe ich mich ein wenig in diesen Satz verliebt - und bis jetzt noch nie eine Verwendung dafür gefunden.

    Der König ist tot. Wie oft stirbt in unserem Leben etwas oder jemand? Sei es nun der wirkliche Tod oder irgendetwas anderes, sodass der Andere "für uns gestorben" ist. Es gibt einige Menschen, die begleiten uns unser Leben lang, und sehr viele, die begleiten uns nur ein Stück unseres langen Weges. Und dann sind sie fort: aus den Augen, aus dem Sinn. Letzteres oft genug nicht immer und nicht immer sofort. Wie ein König, der stirbt.

    Lang lebe der König. Der eine König ist gestorben. Er hinterlässt augenscheinlich dennoch keine Lücke: ein neuer König wird ausgerufen, auf dass er lange leben möge. Die Lücke, die bleibt, wenn ein Mensch den Weg nicht weiter mit uns geht, wird geschlossen: manchmal reflexartig von uns so schnell es geht (auch wenn uns das vielleicht nicht gut tut), manchmal erst von der Zeit. Und manchmal bleibt auf ewig eine Lücke zurück.

    Nun ist dieser Satz für mich aber auch ein Ausspruch des Lebens: etwas endet und etwas neues beginnt. Eine Tür, die sich schließt, öffnet eine neue. Die Sonne muss untergehen, um wieder aufgehen zu können.

    Es gibt unzählige solcher Sätze, die alle das gleiche beschreiben: es geht weiter. Immer. Unaufhörlich. Das Leben fordert uns jeden Tag aufs Neue. Wir können nicht stehen bleiben, wir können nicht aufhören. Das Leben geht weiter. Lang lebe der König.


    Worum geht es? Interessante Frage. Vielleicht geht es um meinen Exfreund. Vielleicht um mich. Vielleicht um das Leben selbst. Vielleicht um Schmerz, Freude, ums Weiteratmen und ums Stillehalten. Wer weiß schon, worum es wirklich geht.

    Aber es geht zunächst in der Tat um meinen Exfreund. Mit 19 Jahren darf man noch sagen, dass knapp zweieinhalb Jahre gemeinsamer Weg eine Menge sind. Vor allem eine Menge, weil es eine sehr prägende, sehr wichtige Zeit in der menschlichen Entwicklung ist. Eine Zeit, in der Weichen gestellt werden, eine Zeit, die Spuren hinterlässt. Man merkt: ich bin vielleicht auch ein kleiner Philosoph. Auf jeden Fall schwafel ich eine ganze Menge herum.

    Ich schreibe nicht, damit es jemand liest. Ich schreibe nicht, damit jemand antwortet. Ich schreibe nicht, weil ich Hilfe suche. Ich schreibe, weil ich mich damit auseinander setzen möchte. Weil ich alles Revue passieren lassen möchte. Weil ich darüber nachdenken möchte. Weil ich reflektieren möchte. Und ich schreibe hier und nicht einfach so in ein Dokument, weil es vielleicht doch irgendjemanden gibt, der einen guten Spruch, einen guten Rat, einen guten Hinweis, ein gutes Wort hat. Falls nicht, reflektiere ich einfach nur laut - sofern man schreiben laut reflektieren nennen kann.




    Nachdem ich es in mühsamer, langwieriger Arbeit hinbekommen habe, über meinen Exfreund (genauer: Exexfreund) hinwegzukommen, habe ich es auch hinbekommen, meinen jetzt Exfreund zu erobern. Was als Erfolgsgeschichte anfing, endete eher unschön. Die erste Zeit, schätzungsweise das erste Jahr, waren aufregend und regten auf zugleich. Wir haben uns durch diverse kleinere und größere Krisen und Probleme gezwängt, sind mehrmals verzweifelt, haben aber nie aufgegeben. Es war anstrengend, aber letztlich haben wir es alles hinbekommen.

    Im Schatten der Erfolge stellte sich eine innere Sicherheit ein: doch endlich eine Beziehung, die letztlich alles irgendwie übersteht. Eine Beziehung, die zwar mal taumeln kann, aber im Großen und Ganzen sehr sicher ist. Ein fester Hafen im Sturm des Lebens. Mit diesem Gefühl ging es vor etwa einem Jahr auf die jährliche Jugendfahrt der Kirche.

    Mein Exfreund, Pascal, kam aus einer anderen Stadt. Also seit jeher eine Fernbeziehung, wir haben uns immer nur am Wochenende gesehen. Umso froher war ich, dass er in meiner Kirchengemeinde ein wenig Anschluss bei Tobias, einem Freund, fand. Die beiden verstanden sich gut, sodass ich mich auf die gemeinsame Jugendfahrt gefreut habe: schließlich konnte er sich zwischendurch auch mal mit ihm beschäftigen und ich konnte meine Freundschaften zu Leuten aus anderen Gemeinden des Bezirks pflegen und mich mit anderen unterhalten, ohne mich permanent um ihn kümmern zu müssen.

    Das hat so auch auf Anhieb geklappt, die beiden waren zusammen recht viel Tischtennis spielen und haben sich generell sehr gut verstanden. Was anfangs wie ein Vorteil wirkte, entpuppte sich schnell als Alptraum: er verbrachte nach Kurzem die gesamte Zeit nur noch mit Tobias, flirtete mit ihm, ließ mich links liegen. Würdigte mich keines Blickes mehr. Interessierte sich kein Stück für mich. Stattdessen um so mehr für ihn. Über die vier Tage verteilt haben wir drei Mal intensiv miteinander darüber gesprochen. Jedes Gespräch ließ Hoffnung keimen, doch umsonst: es wurde beständig schlimmer.

    Getrieben von Abenteuerlust, dem Gefühl, jung zu sein und alles ausprobieren zu wollen, dem irgendwo gaaanz tief im Innern keimenden Gefühl der Unzufriedenheit mit der Beziehung und (das füge ich im Nachhinein bewusst hinzu) einem großen Batzen Dummheit stürzte er sich, während ich als sein Freund permanent daneben stand, auf das ach so spannend scheinende Abenteuer mit Tobias.

    Dem Wochenende folgten viele Gespräche, Unverständnis und das Gefühl, sich gegenseitig nicht mehr zu kennen. Es folgten drei Monate voller Versuche, das Geschehene aufzuarbeiten, zu verstehen, den Fehler zu finden, Handlungsweisungen für die Zukunft zu finden, die Beziehung zu retten.

    Er sicherte mir in dieser Zeit immer wieder zu, den Kontakt zu Tobias direkt nach dem Wochenende abgebrochen zu haben. Auch als wir uns eines Tages ausgesprochen haben und ich ihn zum dritten Mal die Möglichkeit gab, alles verbleibende auf den Tisch zu legen, blieb er bei dieser Aussage.

    Erklären, warum das alles passiert war, konnte er mir dennoch nicht. Ich wiederhole: Abenteuerlust, das Gefühl des Jungseins und des Etwas Verpassens, das tief keimende Gefühl der Unzufriedenheit, das nicht näher definiert oder beschrieben werden konnte und, ich füge es abermals hinzu, ein Batzen Dummheit. Die Erklärung blieb unzureichend. Ich musste mich mit "es war ein Fehler, der passierte, weil ich noch nie in so einer Situation war, damit überfordert war und nicht wusste, wie ich damit umgehen soll. Jetzt weiß ich es und ich würde nicht nochmal so handeln" zufrieden geben.

    Wir konnten immer über alles sehr offen reden. Wir hatten beinahe täglich lange, tiefgründige Gespräche. Nach diesem Wochenende war das Sprechen fast unmöglich geworden. Zu groß war die Anspannung, das Misstrauen, die Verletzung. Drei Monate des eher oberflächlichen Redens, des einander missverstehens, des nicht mehr miteinander richtig Auskommens folgten. Ich war alleine. Er war alleine. Das, was ein "wir" war, wurde an diesem Wochenende zerstört. Ich trennte mich.

    Zwei Wochen später fingen wir an, wieder miteinander zu reden. Wir fingen an, aufzuarbeiten, wir fingen an, zu erklären, wir fingen an, zu verstehen. Ich fing an, mich damit zufrieden zu geben.

    In der Zwischenzeit habe ich mich auch mit Tobias getroffen. Ihn selbst traf trotz allem nur ein Teil der Schuld: er wusste mit seinen Gefühlen nichts anzufangen, war verwirrt, alleine. In dieser Selbstfindungsphase zwischen "ich bin hetero" und "ich bin homo" ist es kaum einem Menschen zuzutrauen, moralisch oder generell irgendwie korrekt zu handeln. In dieser Phase der erheblichen emotionalen Belastung ist es kaum möglich, zu erwarten, an andere zu denken, zu reflektieren. Er hatte sich in Pascal verliebt und war überfordert. Er ist damit zunächst förmlich freigesprochen. In dieser Selbstfindungsphase ist es einem Menschen teilweise einfach nicht zuzutrauen, moralisch korrekt zu handeln.

    Die Verantwortung lag alleine bei Pascal. Tobias erwähnte in einem Nebensatz, die beiden hätten sich nach dem Wochenende nochmals getroffen. Ich hakte nach. Ein kleiner Satz, ganz am Rande bemerkt, in dem Gedanken, ich wüsste das. Ein kleiner Satz. Und ich hakte nach.

    Es stellt sich heraus: jedes Mal, als Pascal sagte, er hätte seitdem keinen Kontakt mehr gehabt, war eine glatte Lüge. Eine bewusste Lüge. Eine Lüge direkt ins Gesicht. Jede Möglichkeit, dieses kleine Detail, sich nochmals mit ihm getroffen zu haben, ohne etwas davon zu sagen, ohne sich jemals auch nur irgendetwas anmerken zu lassen, zu erwähnen, wurde ausgeschlagen. Ich wusste von nichts. Und es sollte so bleiben. Auf immer und ewig sollte es so bleiben, dass ich nichts davon wusste, dass er sich nochmal mit ihm getroffen hat, um zu schauen, wie es mit seinen Gefühlen aussieht. Und dazu wurde ich wenn es sein musste auch sehr bewusst getäuscht. Ein Nichtssagen und ein Neinsagen. Ein vertuschen und ein bewusstes Anlügen.

    Der eine und andere sagte mir danach "na und?". Für mich ist das kein Naund. Für mich ist das Betrügen. Er hat mich bewusst getäuscht, mein Vertrauen bewusst missbraucht, mir bewusst ins Gesicht gelogen, mir das bewusst verheimlicht. Ob da nun was gelaufen ist (was beide einheitlich bestreiten) oder nicht, ist völlig irrelevant. Es ist für mich ein Betrug. Mein Vertrauen wurde von oben bis unten missbraucht, das gesamte Wochenende lang. Und dann mehr denn je. Mehr denn je wurde ich betrogen. Mehr denn je wurde ich bewusst verletzt. Vielleicht nicht gezielt, aber sehr bewusst. Und ich sollte davon nichts mitbekommen.

    Der kleine Satz, ganz am Rande. Und ich hakte nach. Und ich bekam etwas davon mit - nämlich alles. Und ich warf es ihm vor. Und ich war mir bis dahin noch nicht sicher, ob ich das ganze doch fortführen und die Beziehung retten wollte oder nicht.

    Dann war ich mir sicher. Ich wollte. In dieser Situation wusste ich ganz genau: egal, was da passiert war, ich wollte ihn. Ich wollte weiter machen. In dieser Situation war ich mir endlich sicher, egal, was vorher passiert war.

    Er entschuldigte sich unter Tränen dafür, was er getan hatte. Ihm sei es um das Ergebnis gegangen: nur durch dieses Treffen hätte er herausfinden können, ob er nun ernste Gefühle für mich hat und was mit Tobias war. Und er fand heraus, dass das mit Tobias nichts bedeutete, er mich aber liebte. Und da die Situation schwer genug war, sagte er nichts, log, betrog.

    Ich verzieh ihm. Und Tobias. Beides dauerte eine Weile, aber ich verzieh. Und ich hakte das Thema für mich ab. Ein wichtiger Schritt. Denn ich bin sicher, dass es in 17 Jahren Ehe eine Menge solcher Punkte gab: Punkte, an denen alles so kaputt war, dass man aufgeben oder weitermachen konnte. Und 17 Jahre Ehe bekommt man nicht hin, wenn man an jeder möglichen Stelle aufgibt. Ich habe vor einiger Zeit bei Facebook ein Bild gesehen, das mich nachhaltig beeindrukt hat. Dort zu sehen war ein älteres Ehepaar, seit vielen Jahrzehnten glücklich verheiratet. Und diesem Paar wurde die Frage gestellt, wie sie das geschafft haben. Die Antwort war simpel: "Wir sind in einer Zeit aufgewachsen, als Dinge, die kaputt waren, repariert wurden, anstatt sie wegzuwerfen". An jeder Stelle aufzugeben, das führt nicht zur langjährigen glücklichen Ehe/Beziehung.

    Wir machten weiter. Wir arbeiteten auf. Wir verarbeiteten. Wir schlossen ab. Wir schafften es.

    Doch wir schafften einiges nicht. Wir schafften nicht, wieder endgültig zum Team zu werden. Wir schafften nicht, wieder zu reden wie früher. Wir schafften es nicht.

    Letztlich lebten wir doch eher nebeneinander her als miteinander. Die tiefgründigen, intensiven Gespräche waren rar. Alle zwei Wochen, manchmal ein bisschen mehr, manchmal noch weniger. Wir ergossen uns in der Oberflächlichkeit. Die kleinen Probleme hingegen nahmen zu: Missverständnisse, aufeinander sauer sein, nichts richtiges miteinander anfangen können, den anderen nicht richtig verstehen können. Und so dümpelten wir durch die Gegend. Immer mal wieder war es gut und viel länger war es mies.

    Keiner von uns kam persönlich auch nur einen Schritt weiter und zusammen kamen wir auch keinen Schritt weiter. Gefangen in der Stagnation erkannten wir unsere verfahrene Situation im Februar. Und wir kamen wieder zu einer Sinnkrise: macht es Sinn, weiter zu machen? Ist es nicht besser, endlich den Schlussstrich zu ziehen?

    Wir machten weiter. Und erkannten alle Probleme. Und fanden für alle Lösungen. Und es tat sich doch nichts. Vor knapp einem Monat fanden wir uns wieder an dieser Stelle. Diesmal mit sehr großer emotionaler Beteiligung. Wir entschieden uns - gemäß des o.g. Grundsatzes - dafür, weiter zu machen. Ich gab uns etwas mehr als eine Woche, damit wir uns von diesem doch großen Schock (obwohl alles sehr offensichtlich war, brach es dann doch sehr plötzlich mit aller Angst, Verzweiflung und Ungewissheit über uns her) erholen konnten.

    Und wir diskutierten, redeten. Wir erkannten alle Probleme und fanden für alle eine Lösung. Und auch durchaus Ansätze, bei denen ich viel Potential sah. Nach etwa eineinhalb Wochen dachte ich mir, dass es Zeit sei, mit dem Handeln zu beginnen, um nicht schon wieder alles erkannt und nichts gemacht zu haben. Ich sprach mit ihm.

    Er hingegen teilte mir mehr oder minder verständlich mit, "keine Ressourcen" für die Beziehung zu haben, so sehr damit beschäftigt zu sein, "sich selbst hinzubekommen", jede freie Minute damit zu verbringen. Wir legten eine zweiwöchige Beziehungspause ein.

    Ich dachte über seine Worte nach. Die Pause sollte ihm Freiraum geben, sollte ihm die Möglichkeit geben, sich um sich selbst zu kümmern, ohne mich im Nacken zu haben, ohne Druck zu haben. Ich dachte darüber nach.

    Eine Grundlage meines Gedankens des "zusammen leben" und nicht "nebeneinander her leben" ist, dass es keine persönlichen Probleme gibt. Wenn einer ein Problem hat, dann wird es geteilt. Dann arbeitet man zusammen daran, dann kümmert man sich zusammen darum, dann unterstützt man sich. Das kann mal nur durch zuhören sein, mal durch einen Ratschlag, mal durch sehr aktives Eingreifen. Und doch machten wir eine Beziehungspause, ohne dass ich überhaupt wusste, was bei ihm so wirklich los war. Ich rief ihn an. Ich wollte den Fehler korrigieren, ihm beistehen. Er machte Schluss.

    Simple Erklärung: er dachte, es würde ihm jetzt sehr schlecht gehen, wo wir eine Pause hätten. Aber es ginge ihm sehr gut, er habe sich lange nicht so klasse gefühlt, bei ihm sei alles prima. Für ihn sei das so momentan am besten. Alleine. Und außerdem glaube er nicht, dass die Lösungsansätze noch viel Chancen hätten, einen Zustand hervorzubringen, in dem er letztlich glücklich wäre. Er hätte nicht mehr genug Gefühle dafür, so viel an der Beziehung zu arbeiten. Und auch keine Lust mehr.

    Das wars. Ich stand alleine da. Endgültig. Seit Ewigkeiten stand ich alleine da, während er nicht mehr zuhörte, sich nicht mehr richtig interessierte. Aber nun endgültig, offiziell. Das wars, ihm ginge es so besser.

    Etwa eineinhalb Wochen ist das nun her. Und für mich immer noch nicht endgültig verständlich. Manchmal glaubte ich, ihn nicht richtig zu kennen. Inzwischen glaube ich, ihn nie richtig gekannt zu haben.



    Warum ist Schluss? Was war der entscheidende Punkt?

    Ich würde vieles noch mal genau so machen. Ich würde wieder vergeben, ich würde wieder weiter machen. Das finde ich wichtig, denn Wegwerfen führt nicht zwangsläufig zu besserer Ware. Wirft man ein Mal weg, landet man in der nächsten Beziehung an der gleichen Stelle. Und steht wieder vor der Entscheidung. Weiter zu machen war richtig, jedes einzelne Mal.

    Es lag an der persönlichen Verantwortung für sich selbst. In Beziehungen übertragen viele erstaunlicher Weise die Hälfte der persönlichen Verantwortung (meist eher unbewusst) auf den Partner. Klar, ich muss mich um mich selbst kümmern. Aber hey, da ist doch noch mein Partner, der muss doch auch auf mich aufpassen, der muss sich doch auch um mich kümmern, der muss mich doch zum Joggen animieren oder mich dazu bringen, meine beste Freundin anzurufen, wenn wir uns gestritten haben. Tut er aber vielleicht nicht. Aber egal, er hat ja auch Verantwortung, er muss ja auch was tun. Man vergammelt. Kaum ist man getrennt, hat man die gesamte Verantwortung für sich selbst zurück. Man muss sich selbst kümmern, es ist ja keiner mehr da, der mithilft, der abnimmt, der in den Arsch tritt. Auch wir haben in unserer Beziehung viel schleifen lassen, zu wenig Verantwortung übernommen, uns zu wenig um uns selbst gekümmert.

    Eines Nachts waren zwei Paartherapeuten in irgendeiner Show im Fernsehen zu sehen. Und die beiden haben eine These vertreten, die ich bis heute sehr interessant und wahr finde. Sie haben gesagt, eine Beziehung habe keine Probleme. Es gäbe nur persönliche Probleme, die in die Beziehung eingebracht würden. Und dadurch entstünden in der Beziehung Probleme. Die Beziehung selbst habe aber keine Probleme. Um eine Beziehung zu verbessern oder zu retten sei der richtige Weg also, die persönlichen Probleme zu beheben und nicht an den Symptomen in der Beziehung herumzudoktern.

    Ich denke, dass da wirklich was dran ist. Wenn ich ein persönliches Problem habe, das mich belastet, dann lebe ich die Beziehung ganz anders als ohne größere Probleme. Ich denke, dass wir da vor allem in der letzten Zeit viel falsch gemacht haben. Dass wir uns zu wenig um unsere persönlichen Probleme gekümmert haben. Uns eigentlich generell zu wenig um irgendwas gekümmert haben.

    Auch eine Rolle spielte die Tatsache, dass wir beide an vielen Stellen nicht bereit waren, alles für die Beziehung zu geben. Dass wir nicht bereit waren, Zeit zu investieren, Kraft zu investieren, die Initiative zu ergreifen, auch wenn man sich im Recht glaubte. Die Beziehung hatte Probleme, weil wir beide persönlich Probleme hatten (oder haben), die wir nicht auf die Reihe bekommen haben. Wir versanken im Suff der persönlichen Probleme. Das wirkte sich sehr unweigerlich auf die Beziehung aus. Und zerbrach diese.

    Hätten wir weiter machen sollen? Wahrscheinlich schon. Wahrscheinlich war diese Trennung (die nun endgültig ist) ein Fehler. Wahrscheinlich hätten wir weiter machen sollen.

    Aber vielleicht ist sie auch eine Chance. Die Chance, endlich Verantwortung zu übernehmen, die Chance, endlich etwas zu ändern, endlich etwas anders zu machen, endlich zu leben. Die Chance, es beim nächsten Mal besser zu machen. Vielleicht ist es eine Chance. Der König ist tot. Möge der neue König lang leben.

    #2
    Das was Du mit Beziehung beschreibst sind für mich drei unterschiedliche Dinge: Liebe, Partnerschaft und Sex.
    Wenn man dann überlegt, an was man festhalten möchte, kommt man sehr schnell zu dem Schluß, dass das bei der Liebe nicht geht.
    Ist sie weg, dann ist sie weg und nichts bringt sie mit Wollen zurück.
    An einer Partnerschaft kann man festhalten, aber es gehören zwei dazu, die das möchten und dann hat die Arbeit daran einen Sinn.
    Jemand der frei sein möchte, soll man gehen lassen.
    Du sprichts dabei das Thema Verantwortung an und ich denke das ist keine unwesentlicher Punkt, aber Du kannst eine solche Forderung nicht einklagen.

    Wie der neue König sein wird, weißt Du nicht, wähle ihn mit Bedacht.

    Kommentar


      #3
      @ Saniel

      Ich schreibe mal einfach, was mir beim Lesen deines Posts so durch den Kopf und die Gefühle ging. Wen ich mich dadurch zu weit von deinem Thema entfernen sollten, dann bremse mich einfach.

      Beim Lesen deines "Dokumentes" tauchte aus der Versenkung "ein Gefühl" auf, das mich beim Weiterlesen ziemlich stark beeinflusste. Dazu muss ich sagen, dass ich deinen anderen Faden bis heute nicht verfolgt hatte. (Asche auf mein Haupt)

      Vielleicht rechtfertigt das die doch ein wenig konfuse Wahrnehmung von mir, die bei mir dann vorläufig so stehen blieb, da zusätzliche Infos, die sie hätten berichtigen oder widerlegen können, mir zu dem Zeitpunkt des Lesens noch fehlten.

      Deinen Beitrag empfand ich stellenweise wie von einer Frau verfasst (eben nur ein pejorativer Eindruck ) weil sehr viel Emotionales hervorquillt. Dann wiederum erschien mir dein Beitrag sehr rational und reflektiert, fast schon existenzial-philosophisch (ebenso ein pejorativer Eindruck von mir), was mich wieder dazu veranlasste, dich als Mann wahrnehmen zu wollen. Irgendwo wollte in Bezug auf dich als Schreiber(in) der Begriff "kompliziert" mir nicht aus dem Kopf und assoziierte sich schnell mit "homosexuell". Der definitive Groschen fiel dann schließlich weiter unten in deinem Beitrag, als du selbst darauf zu sprechen kamst. (Wie gesagt, kannte ich deinen anderen Faden noch nicht.)

      Worauf ich hinaus will, ist dir die unbelegte Annahme von mir zwecks Bestätigung oder Widerlegung vorzulegen, dass Homosexuelle (natürlich nicht allgemein) durch ihren inneren Zwiespalt (wenn ich das so nennen darf) und die Identitätsfindung/-entscheidung zwangsläufig sehr viel aufmerksamer, wahrnehmungs-sensibler, feinfühliger sind und ergo auch umso "hin und her-gerissener" reflektieren und infolge auch reagieren, wie jene, die sich "in der heterosexuellen Mehrheits-Geborgenheit" befinden ... und eben durch ihre Mehrheits-Identität in gewisser Weise nachlässiger in ihrer Aufmerksamkeit und Wahrnehmung werden ?

      Soweit, was mir durch den Kopf ging.

      Eines Nachts waren zwei Paartherapeuten in irgendeiner Show im Fernsehen zu sehen. Und die beiden haben eine These vertreten, die ich bis heute sehr interessant und wahr finde. Sie haben gesagt, eine Beziehung habe keine Probleme. Es gäbe nur persönliche Probleme, die in die Beziehung eingebracht würden. Und dadurch entstünden in der Beziehung Probleme. Die Beziehung selbst habe aber keine Probleme. Um eine Beziehung zu verbessern oder zu retten sei der richtige Weg also, die persönlichen Probleme zu beheben und nicht an den Symptomen in der Beziehung herumzudoktern.
      Das kann ich so unterschreiben, wie du es geschrieben hast. Eine "Beziehung" sagt ja schon vom Wort her, dass sich "eines auf das andere bezieht", es ergo auch spiegelt. Als Begriff ist Beziehung wertfrei. Erst "in ihr" wird durch die in sie engagierten Personen und deren Probleme der Konflikt möglich.

      Der Mensch ist so gestrickt, dass er nach Beendung einer Beziehung nicht nur seine eigenen (initialen) Probleme, sondern auch noch die, die "aus der Beziehung im Zusammenschluß mit denen seines Partners" entstanden, mit sich herumtragen wird ... bis er sie halbwegs oder gründlich für sich gelöst hat.

      Ich möchte Huberts Kommentar lediglich hinzufügen, dass du - aufgrund deiner "Sensibilität" (wie ich oben meinte) - der Trennung sowohl emotional als auch rational sensibler und differenzierter gegenüber stehst, als dies ein heterosexuell orientierter Mensch (auch nicht allgemein zu verstehen) vielleicht tut.

      Es lebe der König. Das Leben geht weiter ... die Entwicklung auch ... lifelong learning

      Im Übrigen wünsche ich dir viel Erfolg für deine Studien und Berufsabsichten.

      Kommentar


        #4
        @Shepherd

        nur eine kleine Nachfrage am Rande (entschuldige bitte, Saniel):

        Zitat von Shepherd Beitrag anzeigen
        Deinen Beitrag empfand ich stellenweise wie von einer Frau verfasst (eben nur ein pejorativer Eindruck ) weil sehr viel Emotionales hervorquillt. Dann wiederum erschien mir dein Beitrag sehr rational und reflektiert, fast schon existenzial-philosophisch (ebenso ein pejorativer Eindruck von mir), was mich wieder dazu veranlasste, dich als Mann wahrnehmen zu wollen.
        Meintest Du wirklich "pejorativ", also "abwertend"???

        Liebe Grüße,
        Chaja

        Kommentar


          #5
          Ups. Gut dass du mich darauf aufmerksam gemacht hast, Chaja !! Das hätte sonst in die Hose gehen können. Danke!

          Gemeint war eigentlich "vorbelastet", bzw. "sehr subjektiv".

          "eben nur ein "vorbelasteter" (sehr subjektiver) Eindruck " - sollte es in beiden Fällen heissen.

          Grüße zurück
          Shepherd
          Zuletzt geändert von Nomada; 27.01.2015, 21:31. Grund: Faden auf Wunch des Eröffners geschlossen und ins Archiv verschoben

          Kommentar

          Lädt...
          X