Huch, hier war ja gestern einiges los! 
Nein. So einfach ist es für mich nicht. Es ist nun mal so, dass "das Schicksal" nicht alles gleichmäßig verteilt zum sozialen Miteinander gehört für mich, hier ein bisschen auszugleichen. Wer mehr "bekommen" hat, gibt den anderen soviel ab, dass es ihnen auch reicht. So bin ich jedenfalls erzogen.
Würden Menschen sich nur für etwas "zuständig" fühlen, das sie persönlich zu verantworten haben, gäbe es keine "Solidargemeinschaften". Habe ich jemanden zur Dialyse verurteilt? Nein. Also wird die auch gefälligst nicht mit meinen Krankenkassenbeiträgen bezahlt. Soll er halt sterben, wenn er sich's nicht leisten kann. Bin ich jemandem ins Auto gefahren? Nein. Also spende ich auch kein Blut für irgendwelche Unfallopfer. Soll er halt verbluten, wenn er nicht rechtzeitig eine Eigenblut-Reserve angelegt hat. Hab ich den Krieg in Syrien befohlen? Nein. Also bekommen Flüchtlinge von mir auch keine Spenden. Sollen sie halt erfrieren, wenn sie ohne Winterjacken nach Europa kommen. Habe ich jemandem Zugang zu Bildung verwehrt? Nein. Also mache ich auch keine Hausaufgabenbetreuung für Kinder, deren Eltern das nicht selbst können. Sollen die doch auch mit schlecht bezahlten Jobs ihr Leben knapp über der Armutsgrenze fristen, wenn die Eltern von ihren schlecht bezahlen Jobs keine Nachhilfe bezahlen können.
Ich möchte auf keinen Fall meine Großzügigkeit oder mein Vertrauen in Menschen aufgeben, nur weil unter Vielen eine Handvoll "rücksichtsloser Egoisten" unterwegs ist und ich mit denen ein Problem habe.
Andererseits ist da eben die Grenze: ich habe nicht das Geld, alle Dialyse-Pateienten dieser Welt zu finanzieren, ich habe auch nicht genug Blut, um alle Unfallopfer zu versorgen und ich habe auch nicht genug Zeit, Energie und "Dinge", um alle Menschen, die in irgendeiner Hinsicht weniger haben als ich auf mindestens das gleiche Level zu bringen.
Ich bekomme also die Krise, wenn jemand mehr "fordert" als ich zu geben bereit bin (oder entbehren kann) und meine "Maßstäbe" für die Entbehrlichkeit in Frage stellt. Oder wenn jemand etwas von mir will, für das ich hart gearbeitet habe oder das mir viel bedeutet und er einfach nur sieht "Du hast es, ich will es, also gib her!"
Es werden zwei Gefühle ausgelöst: Einerseits der Ärger, dass jemand meine Grenzen der Freigiebigkeit nicht respektiert und andererseits das schlechte Gewissen wegen der Frage, ob ich nicht mehr geben "müsste" (ich könnte ja durchaus, wenn ich mich nur noch mehr einschränke - und noch mehr und noch mehr und noch mehr
). Wieviel "Elend" muss ich mir selbst zumuten, um das "Elend" eines anderen zu beseitigen? Und wenn der andere mir einreden kann "mehr als Du tust" und ich das Pferd von der Seite "Bedarf" aufzäume, kommt das schleche Gewissen. Ich lerne gerade von meinen Ressourcen auszugehen, dann bedaure ich zwar immer noch die Lage des Gegenübers, mache mir aber kein schlechtes Gewissen, dass ich sie nicht ändern kann (oder will).
Und das ist der Punkt, an dem ich gerade stehe: ja, ich mag tatsächlich mehr haben als jemand anders (Gesundheit, Energie, Handlungsfähigkeit, Handlungsmöglichkeiten, finanziellen Spielraum, ...) und es mag ungerecht sein, dass er weniger hat - aber das gibt dem "zu kurz gekommenen" noch lange keinen Anspruch ausgerechnet von mir "Ausgleich zu fordern". Es stehen ihm auch andere Wege frei und es liegt nicht an mir, wenn er die nicht gehen will (oder kann).
Nein, genau das machen wir nicht, denn dann hätte ich ja gar kein Problem mit dem Küchenmitbenutzer.
Ob jemand nun tatsächlich nicht kann oder nur nicht will, kann ich im Vorfeld immer noch nicht erkennen, das stellt sich immer erst hinterher heraus.
Ich war nur lange Zeit der Ansicht, dass es einen "objektiven" Maßstab gibt, nachdem ich teilen "müsste", was ich habe, und dass der Fordernde sich auf diesen Maßstab stützt und ich mich mies fühlen müsste, wenn ich diesem Maßstab nicht gerecht werde. Teil dieser Konstruktion war, dass jemand, der nicht kann (also unverschuldet Mangel leidet) einen höheren Anspruch auf Unterstützung hat als jemand, der nicht will (und den Mangel selbst beseitigen könnte).
Inzwischen ist mr klar, dass mein subjektives Maß die gleiche Berechtigung hat wie das jedes anderen (ein objektives gibt es nämlich gar nicht) und dass ich im Zweifelsfall (da es ja um meine Ressourcen geht) meinen Maßstab anwenden "darf".
Wie schon gesagt, muss ich von meinen Ressourcen ausgehen: ich habe nicht mehr übrig, egal ob jemand Bedarf hat, weil er nicht kann oder weil er nicht will. Insofern kann ich einem Nicht-Könner auch nicht mehr abgeben ohne selbst auf der Strecke zu bleiben. Er tut mir vielleicht mehr leid als jemand, der nur nicht will.
Dieses kognitive Wissen muss jetzt nur durch Übung in "Gefühl und Gespür" umgesetzt werden.
Nein. Mit "jeglicher Unterstützung" hab ich mir schon mehrfach ins eigene Knie geschossen.
Es gibt Menschen, die aus welchen Gründen auch immer niemals zu Könnern werden. Das hat mein Welt- und Menschenbild sehr lange erschüttert und ich bin erst jetzt bereit, diese Menschen in ein neues Weltbild "einzuarbeiten" - mit dem absoluten Recht auf ihr Nichtkönnen und ohne "Erwartungen" nach meinem Maßstab oder die Hoffnung, dass jeder "es schaffen" kann. Es ist ihr Recht, es nicht zu schaffen und es ist mein Recht, ihnen keine "nutzlose Unterstützung" auf ihrem aussichtslosen Weg zuzuschießen, egal wie vehement oder verzweifelt sie sie einfordern und welche Strategien sie anwenden, um mich an meinem Gewissen zu packen und doch noch über den Tisch zu ziehen.
Manchmal bekomme ich es selbt nicht mit. 
Ein Jahre zurückliegendes Anekdötchen dazu:
Ich durfte meine Depression in einem stillen, freundlichen Sanatorium auskurieren. Da ich sowieso verfressen bin und die Medikamente zusätzlich das Sättigungsgefühl unterdrückten, bin ich mit den Rationen dort überhaupt nicht zurecht gekommen. Beim Frühstück gab es zwar ausreichend Brot aber minimale Zuteilungen an Belag und Aufstrich. Pragmatikerin Sunny hat sich also erst mal ein 750g-Glas süße, braune, ungesunde, aber sehr sättigende Haselnusspampe gekauft und das jeden Morgen mit in den Speisesaal geschleppt. Irgendwann kam ein Neuzugang, der total begeistert davon war und sich eifrig daran bedient hat. Fand ich schön: ich konnte jemandem eine Freude machen, sie mochte das Zeug genauso gerne wie ich. Eines morgens war mein Brot geschmiert und der läppische Rest im Glas hätte nirgends mehr hingereicht. Also habe ich das Glas leer gemacht und mein Brot zugegebenermaßen etwas "überladen". Aber egal: Ein volles Glas wartete im Kleiderschrank und das fast leere wollte ich nicht zusätzlich hin- und hertragen. Da ist unsere Neue dermaßen über mich hergefallen, wie unverschämt das denn sei, so dick aufzutragen - andere wollten schließlich auch noch was davon und ich sei sooooo egoistisch und verfressen, dass ich nur an mich denke und keinerlei Rücksicht auf andere nehme. Ich war echt geplättet und habe angeboten, das volle Glas aus meinem Zimmer zu holen. Da ist eine ganz liebe und sanfte Mitpatientin aufgestanden und hat die Neue in unerwartet scharfem Ton gefragt, ob sie selbt es nicht auch absolut unverschämt finde, sich die ganze Zeit an meinem Essen zu bedienen. Sie hätte jedenfalls kein einziges mal mitbekommen, dass sie sich für meine Großzgigkeit, die sich mittlerweiel auf ein halbes Glas belaufen dürfte, bedankt hätte - und wenn ich jetzt aufstünde und diese unverschämte Person in ihrem egozentrischen Verhalten auch noch unterstütze, solle ich mir klar darüber sein, dass ich in spätestens zwei Jahren mit der nächsten Depression am gleichen Tisch sitzen würde.
Ups. Das hat gesessen. Ich hatte wirklich ein schlechtes Gewissen, weil ich meiner Mitpatientin meinen Brotaufstrich "weg gegessen" hatte.
Seither arbeite ich an meinem Gefühl für "unverfrorene Selbstbedienung". Immerhin kann ich Teilerfolge verbuchen.

Zitat von Spunk
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Würden Menschen sich nur für etwas "zuständig" fühlen, das sie persönlich zu verantworten haben, gäbe es keine "Solidargemeinschaften". Habe ich jemanden zur Dialyse verurteilt? Nein. Also wird die auch gefälligst nicht mit meinen Krankenkassenbeiträgen bezahlt. Soll er halt sterben, wenn er sich's nicht leisten kann. Bin ich jemandem ins Auto gefahren? Nein. Also spende ich auch kein Blut für irgendwelche Unfallopfer. Soll er halt verbluten, wenn er nicht rechtzeitig eine Eigenblut-Reserve angelegt hat. Hab ich den Krieg in Syrien befohlen? Nein. Also bekommen Flüchtlinge von mir auch keine Spenden. Sollen sie halt erfrieren, wenn sie ohne Winterjacken nach Europa kommen. Habe ich jemandem Zugang zu Bildung verwehrt? Nein. Also mache ich auch keine Hausaufgabenbetreuung für Kinder, deren Eltern das nicht selbst können. Sollen die doch auch mit schlecht bezahlten Jobs ihr Leben knapp über der Armutsgrenze fristen, wenn die Eltern von ihren schlecht bezahlen Jobs keine Nachhilfe bezahlen können.
Ich möchte auf keinen Fall meine Großzügigkeit oder mein Vertrauen in Menschen aufgeben, nur weil unter Vielen eine Handvoll "rücksichtsloser Egoisten" unterwegs ist und ich mit denen ein Problem habe.
Andererseits ist da eben die Grenze: ich habe nicht das Geld, alle Dialyse-Pateienten dieser Welt zu finanzieren, ich habe auch nicht genug Blut, um alle Unfallopfer zu versorgen und ich habe auch nicht genug Zeit, Energie und "Dinge", um alle Menschen, die in irgendeiner Hinsicht weniger haben als ich auf mindestens das gleiche Level zu bringen.
Ich bekomme also die Krise, wenn jemand mehr "fordert" als ich zu geben bereit bin (oder entbehren kann) und meine "Maßstäbe" für die Entbehrlichkeit in Frage stellt. Oder wenn jemand etwas von mir will, für das ich hart gearbeitet habe oder das mir viel bedeutet und er einfach nur sieht "Du hast es, ich will es, also gib her!"
Es werden zwei Gefühle ausgelöst: Einerseits der Ärger, dass jemand meine Grenzen der Freigiebigkeit nicht respektiert und andererseits das schlechte Gewissen wegen der Frage, ob ich nicht mehr geben "müsste" (ich könnte ja durchaus, wenn ich mich nur noch mehr einschränke - und noch mehr und noch mehr und noch mehr
). Wieviel "Elend" muss ich mir selbst zumuten, um das "Elend" eines anderen zu beseitigen? Und wenn der andere mir einreden kann "mehr als Du tust" und ich das Pferd von der Seite "Bedarf" aufzäume, kommt das schleche Gewissen. Ich lerne gerade von meinen Ressourcen auszugehen, dann bedaure ich zwar immer noch die Lage des Gegenübers, mache mir aber kein schlechtes Gewissen, dass ich sie nicht ändern kann (oder will).
Zitat von Tar Retaw
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Zitat von Faszinosum
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Zitat von Faszinosum
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Ich war nur lange Zeit der Ansicht, dass es einen "objektiven" Maßstab gibt, nachdem ich teilen "müsste", was ich habe, und dass der Fordernde sich auf diesen Maßstab stützt und ich mich mies fühlen müsste, wenn ich diesem Maßstab nicht gerecht werde. Teil dieser Konstruktion war, dass jemand, der nicht kann (also unverschuldet Mangel leidet) einen höheren Anspruch auf Unterstützung hat als jemand, der nicht will (und den Mangel selbst beseitigen könnte).
Inzwischen ist mr klar, dass mein subjektives Maß die gleiche Berechtigung hat wie das jedes anderen (ein objektives gibt es nämlich gar nicht) und dass ich im Zweifelsfall (da es ja um meine Ressourcen geht) meinen Maßstab anwenden "darf".
Wie schon gesagt, muss ich von meinen Ressourcen ausgehen: ich habe nicht mehr übrig, egal ob jemand Bedarf hat, weil er nicht kann oder weil er nicht will. Insofern kann ich einem Nicht-Könner auch nicht mehr abgeben ohne selbst auf der Strecke zu bleiben. Er tut mir vielleicht mehr leid als jemand, der nur nicht will.
Dieses kognitive Wissen muss jetzt nur durch Übung in "Gefühl und Gespür" umgesetzt werden.
Zitat von Faszinosum
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Es gibt Menschen, die aus welchen Gründen auch immer niemals zu Könnern werden. Das hat mein Welt- und Menschenbild sehr lange erschüttert und ich bin erst jetzt bereit, diese Menschen in ein neues Weltbild "einzuarbeiten" - mit dem absoluten Recht auf ihr Nichtkönnen und ohne "Erwartungen" nach meinem Maßstab oder die Hoffnung, dass jeder "es schaffen" kann. Es ist ihr Recht, es nicht zu schaffen und es ist mein Recht, ihnen keine "nutzlose Unterstützung" auf ihrem aussichtslosen Weg zuzuschießen, egal wie vehement oder verzweifelt sie sie einfordern und welche Strategien sie anwenden, um mich an meinem Gewissen zu packen und doch noch über den Tisch zu ziehen.
Zitat von Fortuna
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Ein Jahre zurückliegendes Anekdötchen dazu:
Ich durfte meine Depression in einem stillen, freundlichen Sanatorium auskurieren. Da ich sowieso verfressen bin und die Medikamente zusätzlich das Sättigungsgefühl unterdrückten, bin ich mit den Rationen dort überhaupt nicht zurecht gekommen. Beim Frühstück gab es zwar ausreichend Brot aber minimale Zuteilungen an Belag und Aufstrich. Pragmatikerin Sunny hat sich also erst mal ein 750g-Glas süße, braune, ungesunde, aber sehr sättigende Haselnusspampe gekauft und das jeden Morgen mit in den Speisesaal geschleppt. Irgendwann kam ein Neuzugang, der total begeistert davon war und sich eifrig daran bedient hat. Fand ich schön: ich konnte jemandem eine Freude machen, sie mochte das Zeug genauso gerne wie ich. Eines morgens war mein Brot geschmiert und der läppische Rest im Glas hätte nirgends mehr hingereicht. Also habe ich das Glas leer gemacht und mein Brot zugegebenermaßen etwas "überladen". Aber egal: Ein volles Glas wartete im Kleiderschrank und das fast leere wollte ich nicht zusätzlich hin- und hertragen. Da ist unsere Neue dermaßen über mich hergefallen, wie unverschämt das denn sei, so dick aufzutragen - andere wollten schließlich auch noch was davon und ich sei sooooo egoistisch und verfressen, dass ich nur an mich denke und keinerlei Rücksicht auf andere nehme. Ich war echt geplättet und habe angeboten, das volle Glas aus meinem Zimmer zu holen. Da ist eine ganz liebe und sanfte Mitpatientin aufgestanden und hat die Neue in unerwartet scharfem Ton gefragt, ob sie selbt es nicht auch absolut unverschämt finde, sich die ganze Zeit an meinem Essen zu bedienen. Sie hätte jedenfalls kein einziges mal mitbekommen, dass sie sich für meine Großzgigkeit, die sich mittlerweiel auf ein halbes Glas belaufen dürfte, bedankt hätte - und wenn ich jetzt aufstünde und diese unverschämte Person in ihrem egozentrischen Verhalten auch noch unterstütze, solle ich mir klar darüber sein, dass ich in spätestens zwei Jahren mit der nächsten Depression am gleichen Tisch sitzen würde.
Ups. Das hat gesessen. Ich hatte wirklich ein schlechtes Gewissen, weil ich meiner Mitpatientin meinen Brotaufstrich "weg gegessen" hatte.

Seither arbeite ich an meinem Gefühl für "unverfrorene Selbstbedienung". Immerhin kann ich Teilerfolge verbuchen.


Dafür trifft man mich dann mit anderen Dingen. 
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