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November 2015: Teilen, Geben und Nehmen

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    November 2015: Teilen, Geben und Nehmen

    Ihr Lieben,

    am 11.11. ist nicht nur der Beginn der "fünften Jahreszeit" für alle Fastnachtsbegeisterten, sondern auch Martinstag. In vielen Gegenden wird bei Laternenumzügen und Martinsfeiern an den heilig gesprochenen Militär und späteren Bischof erinnert, der in der berühmtem Mantelteil-Szene einem armen Bettler half. Durch das Teilen von Martinsgebäck und in manchen Gegenden auch das Weitergeben des Lichtes wird die Kraft des Teilens symbolisch aktualisiert. Die Kinder werden mit Geschichten und Martinsansprachen daran erinnert, dass es gut sei, von dem, was man hat, auch mal etwas abzugeben.

    Dabei ist es oft gar nicht so einfach mit dem Teilen: Manchmal fällt es einem entsetzlich schwer, etwas abzugeben; manchmal fällt es einem entsetzlich schwer, etwas anzunehmen; manchmal ist man es so gewöhnt, immer zu nehmen, dass man gar nicht bemerkt, dass man auch mal geben könnte; manchmal ist man es so gewöhnt, immer zu geben, dass man gar nicht mehr bemerkt, dass die eigenen Ressourcen längst ausgeschöpft sind.

    Es tauchen Fragen auf wie: Müssen Geben und Nehmen immer im Gleichgewicht sein? Muss immer 1:1 zurückgegeben werden, was man erhalten hat? Gelten für materielle Güter da andere Regeln als für immaterielle wie "aufgewendete Zeit", "Zuwendung", "Zuneigung"?

    Im Falle des Heiligen Martin wird immer nur von der Mantelhälfte gesprochen, die er dem armen Bettler geschenkt hat, nie von der, die er behalten hat, um nicht selbst zu erfrieren. Hätte er auch geteilt, wenn er selbst weniger gehabt hätte? Sein Mantel reichte offenbar für zwei, aber das hat er auch erkannt, hat die Not gesehen, war nicht knauserig und hat genau die Hälfte abgegeben und nicht nur ein symbolisches Zipfelchen Stoff.

    Aktuell stellen sich Fragen wie: Sind wir bereit, unser Land mit Kriegsflüchtlingen zu teilen, ihnen von unserem Reichtum abzugeben? Oder können wir uns das gar nicht leisten?

    Oder auch allgemeinere Fragen: welche Notstände nehmen wir wahr, wo wollen wir teilen und helfen? Oder sind wir verunsichert, ob unsere z.B. finanzielle Hilfe auch bei den Notleidenden ankommt?

    Darüber hinaus: Was möchte man im Austausch mit anderen teilen (z.B. hier im Forum) und was nicht? Wie sieht es in der Kommunikation mit Geben und Nehmen aus? Wie ist das mit dem Teilen von Freude, Trauer, Wut, Angst, Liebe?

    Falls Euch das Thema interessiert, würde ich gerne mit Euch darüber diskutieren!

    Liebe Grüße in die Runde!
    Eure Chaja

    #2
    Oh ja, das Thema interessiert mich sehr. Danke für die Idee, Chaja.
    Ich bin da familiär vorbelastet durch meinen Vater, der beruflich mit dem Geben zu tun hatte und nicht nur das gab, was ihm von der Organisation zur Verfügung gestellt wurde, sondern auch Privates.
    Ich gebe sehr gerne und freue mich, wenn ich helfen kann. Dabei muss ich nichts zurückbekommen, weil ich etliches anonym gegeben habe. Allerdings mache ich selten Geldspenden an Großorganisationen, sondern verschicke lieber Päckchen an Menschen oder Familien direkt, von denen ich weiß, dass es ihnen finanziell nicht gut geht.
    Ich weiß, dass diese Menschen gerne etwas zurückgeben möchten und so freue ich mich, wenn dann ein - vielleicht auch nur klitzekleines - Geschenk zurückkommt.
    Ich weiß nicht, ob ihr euch erinnern könnt, dass es mal eine Zeit gab, als man sich Patenfamilien in der DDR aussuchen konnte, denen man dann Päckchen schickte. Meine Mutter packte da alles rein, was es dort nachgewiesener Maßen nicht gab und wir waren alle immer mit Freuden dabei.
    Wenn ihr jetzt denkt: Na, wenn man es sich leisten kann...
    Mein Vater war Alleinverdiener im kirchlichen Dienst, da wird nicht gut bezahlt; trotzdem bauten meine Eltern ein Haus und ließen uns beide Kinder studieren. Wir lebten sparsam, haben aber dennoch abgegeben.

    Um auf die Anzahl der Flüchtlinge zu kommen: Ja, wir können uns das leisten. Wenn auch nicht jeder einzelne was dazu beitragen kann, so ist die Anzahl der Menschen, die das können, in der Bundesrepublik groß genug.
    Allerdings in den anderen europäischen Staaten auch, das möchte ich doch nicht unangemerkt lassen.
    Staaten, die in der Lage sind, Millionendeals im Fußball zu bezahlen, Wahnsinnsgehälter für Rennfahrer, rausgeworfene Steuergelder für nicht benutzte Brücken, Millionen für Entwicklungshilfe, die sich an Rüstungsexporten eine goldene Nase verdienen, ja, solche Staaten können sich das leisten, Flüchtlinge aufzunehmen und ihren Fokus endlich mal auf Menschen zu richten.

    Das war seit langem mal wieder "Bonnys Wort zum Sonntag".

    Kommentar


      #3
      Liebe Bonny,

      herzlichen Dank für Dein "Wort zum Sonntag"!

      Wir beide scheinen da sehr ähnlich geprägt zu sein und zu ähnlichen Schlussfolgerungen zu gelangen:

      Zitat von Bonny123 Beitrag anzeigen
      Ich bin da familiär vorbelastet durch meinen Vater, der beruflich mit dem Geben zu tun hatte und nicht nur das gab, was ihm von der Organisation zur Verfügung gestellt wurde, sondern auch Privates.
      [...]
      Mein Vater war Alleinverdiener im kirchlichen Dienst, da wird nicht gut bezahlt; trotzdem bauten meine Eltern ein Haus und ließen uns beide Kinder studieren. Wir lebten sparsam, haben aber dennoch abgegeben.
      Das war bei uns im Wesentlichen genauso! So etwas wie Restaurant-Besuche oder Hotelurlaube habe ich erst als Jugendliche bei Verwandten kennengelernt, aber wir hatten oft Überraschungsgäste aus unterschiedlichen Ländern zum Essen und / oder Übernachten da, die mein Vater mit ihrem liegengebliebenen Auto von der Autobahn abgeschleppt hatte, denen die Wohnung ausgebrannt war oder die sonst keine Bleibe hatten. Wir hatten als vierköpfige Familie eine 4-Zimmer-Wohnung, aber wir haben immer noch bis zu 6 weitere Menschen untergekriegt.

      Ich gebe sehr gerne und freue mich, wenn ich helfen kann. Dabei muss ich nichts zurückbekommen, weil ich etliches anonym gegeben habe. Allerdings mache ich selten Geldspenden an Großorganisationen, sondern verschicke lieber Päckchen an Menschen oder Familien direkt, von denen ich weiß, dass es ihnen finanziell nicht gut geht.
      Wie schön! Ja, ich glaube, Du bist ein sehr gebefreudiger Mensch! Du hast ja auch schon in bezug auf Weihnachtsgeschenke davon berichtet.

      Ich weiß, dass diese Menschen gerne etwas zurückgeben möchten...
      Ja, es ist - so denke ich - wirklich schwer eine solche Hilfe anzunehmen und zu wissen, dass man sich nicht auf gleicher Ebene in gleichem Maße revanchieren kann...

      Ich weiß nicht, ob ihr euch erinnern könnt, dass es mal eine Zeit gab, als man sich Patenfamilien in der DDR aussuchen konnte, denen man dann Päckchen schickte. Meine Mutter packte da alles rein, was es dort nachgewiesener Maßen nicht gab und wir waren alle immer mit Freuden dabei.
      Ja, das kenne ich auch noch. Und mein Mann hat umgedreht erlebt, wie die "Westpakete" ankamen bzw. Pakete mit Büchern, Schallplatten und Gesellschaftsspielen für die Familie im Westen als Gegengabe gepackt wurden.

      Habt Ihr noch Kontakt mit der Patenfamilie von damals?

      Um auf die Anzahl der Flüchtlinge zu kommen: Ja, wir können uns das leisten. Wenn auch nicht jeder einzelne was dazu beitragen kann, so ist die Anzahl der Menschen, die das können, in der Bundesrepublik groß genug.
      Allerdings in den anderen europäischen Staaten auch, das möchte ich doch nicht unangemerkt lassen.
      Staaten, die in der Lage sind, Millionendeals im Fußball zu bezahlen, Wahnsinnsgehälter für Rennfahrer, rausgeworfene Steuergelder für nicht benutzte Brücken, Millionen für Entwicklungshilfe, die sich an Rüstungsexporten eine goldene Nase verdienen, ja, solche Staaten können sich das leisten, Flüchtlinge aufzunehmen und ihren Fokus endlich mal auf Menschen zu richten.
      Das sehe ich ganz genauso! Vielen Dank für dieses Statement!

      Herzliche Grüße,
      Deine Chaja

      Kommentar


        #4
        Ich befürchte manchmal, mehr zu nehmen, als zu geben.
        Andererseits: Woran macht man das fest? Was ist das überhaupt, geben und nehmen, wo beginnt es? (Mit dem Hintergrund: wenn ich genug von allem habe, und dann gebe, ist das "weniger wert", als wenn ich eh kaum was habe? Oder auch: wenn ich etwas gebe, aber für dieses Geben etwas zurückerwarte, ist das genausoviel "wert" wie selbstloses Geben?)

        Wenn ich den Eindruck habe, geben sei das, was von mir erwartet wird, dann werde ich jedenfalls recht schnell bockig. Oder auch beim Eindruck, dass jemand immer nur etwas von mir nimmt, aber nie etwas zurückgibt. Mit Zurückgeben meine ich nicht unbedingt einen "Ausgleich" irgendwelcher Art, mehr die Abwesenheit des Eindrucks, irgendwie ausgenutzt zu werden.

        Auch glaube ich, eher wenig von mir aus zu geben, also unaufgefordert. Vielleicht aus Faulheit, vielleicht aber auch mit dem Gefühl, als Gebende zu "aufdringlich" zu sein.

        Wenn mich dagegen jemand um Hilfe fragt, muss ich wirklich gute Gründe haben, um Nein zu sagen. Oft ist das die Zeit. Mit meiner Zeit bin ich nicht sonderlich freigiebig, jedenfalls nicht als dauerhafte Verpflichtung.
        Das hat natürlich auch wieder gute Gründe, denn wenn ich zu wenig Zeit für mich habe, wirkt sich das auch wieder auf meine Mitmenschen aus, ich reagiere dann nämlich viel schneller gereizt.

        Es ist mir auch schon oft passiert, dass ich ganz überrascht war, wenn sich jemand bei mir total überschwänglich für etwas bedankt hat, von dem ich dachte: "Aber das ist doch selbstverständlich?"

        Ein ziemliches uferloses Thema, dieses hier Ich bin gespannt, wohin es noch führen wird.

        Kommentar


          #5
          Uferlos würde ich jetzt nicht sagen, Hobbes.
          Eher: in natürlichen Bahnen; wie ein Fluss, der sich seine Begrenzungen selbst sucht und nicht durch Beton eingezwängt durch die Landschaft brettern muss.

          Kommentar


            #6
            Ich meinte das (uferlos) übrigens keineswegs negativ. Bin mir gerade nicht sicher, ob das auch so ankam.
            Anders gesagt, und um dein Fluss-Bild aufzugreifen: einer mit vielen Seitenarmen und Nebenflüssen.

            Kommentar


              #7
              unkompliziert geben, Kenntnisse einbringen

              Hallo Hobbes,

              Zitat von hobbes Beitrag anzeigen
              wenn ich genug von allem habe, und dann gebe, ist das "weniger wert", als wenn ich eh kaum was habe?
              Die Ansicht dass man bei mehr teilbarem Überschuss auch moralisch mehr geben müsste um vor sich selbst als "anständig" zu gelten hatte ich als Jugendlicher auch gehabt. Jetzt sehe ich das etwas großzügiger.
              Wenn ich mit Programmscripten im Job etwas erleichtern kann was für Andere umständlich und zeitaufwändig zu handhaben ist habe ich genauso Freunde daran. Aber wenn ich zwar eine Chance dazu sehe, jedoch selbst
              unter Zeitdruck oder Qualitätsverbesserungsdruck bin, verschiebe ich die Erwähnung solcher Ansätze. Ich habe allerdings auch schon Funktionsansätze entworfen die dann nicht genutzt werden wollten (wobei mir die Argumente plausibel scheinen).
              Bei einem Barcamp an dem ich schon mehrmals teilnahm wollte ich mich im Anschluss auch beim Aufräumen beteiligen. Stühle, Klappbänke und Tische wegzuräumen war das einfach - den Anderen hinterher. Danach musste ich passen weil ich als Außenstehender zu oft und zu viel hätte fragen müssen um eine wirkliche Hilfe zu sein.

              Bei den Threads in diesem Forum schaue ich in der Übersicht auf die Kurzthemen und auf die Anzahl der Antworten. Wenn schon genügend (meist einfühlsame und gute) Reaktionen vorhanden sind gehe ich weiter wenn das Thema keine Überschneidungen zu meinen Erfahrungsbereichen hat und ich keine besonders intelligente nützliche Antwort geben könnte. Bei manchen Konflikten würden die alternativen Sofort-Eingebungen auch nicht der eigenen Überzeugung standhalten.
              Hinzu kommt auch bei mir der Zeitfaktor: Wenn ich abends nach dem Job nach Hause komme bin ich oft geschafft und versuche nicht mehr lange Texte und schon vorhandene Argumente zu überschauen. (Ich hoffe man kann mir das tolerieren)

              Am einfachsten ist das Teilen von Ideen bei Brainstormings mit überschaubaren Ausgangssituationen und kurzen Antworten. Daran beteilige ich mich auf einer anderen Webseite regelmäßig. Doch auch hier fühle ich mich motivierter wenn die Fragestellung Lösungsansätze sucht die parallel genutzt werden können oder wenn zu erwarten ist dass spätere Leser sie vielleicht auch nachnutzen könnten. Dort kann ich ungezwungen nach eigenem Anspruch Ideen beisteuern ohne etwas zurückzuerwarten. Vielleicht liegt mir auch deshalb soviel an der klassischen Brainstormregel: Viele Ideen, aufeinander aufbauen und keine Kritik in der Ideenfindungsphase.

              Viele Grüße ins Forum
              Bedenkzeit

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                #8
                Ihr Lieben,

                vielen Dank für Eure weiterführenden Überlegungen! Es ist wirklich ein komplexes Thema. Umso spannender finde ich den Austausch darüber!

                Liebe Hobbes,

                ich ziehe gleich mal Anfang und Ende Deines Beitrags zusammen:

                Zitat von hobbes Beitrag anzeigen
                Ich befürchte manchmal, mehr zu nehmen, als zu geben.
                [...]
                Es ist mir auch schon oft passiert, dass ich ganz überrascht war, wenn sich jemand bei mir total überschwänglich für etwas bedankt hat, von dem ich dachte: "Aber das ist doch selbstverständlich?"
                Vielleicht hängen diese beiden Wahrnehmungen bzw. Erfahrungen miteinander zusammen? Vielleicht "zählst" Du eine Gabe erst, wenn sie Dir als Verzicht bewusst wird? Nur so als Überlegung....

                Andererseits: Woran macht man das fest? Was ist das überhaupt, geben und nehmen, wo beginnt es? (Mit dem Hintergrund: wenn ich genug von allem habe, und dann gebe, ist das "weniger wert", als wenn ich eh kaum was habe? Oder auch: wenn ich etwas gebe, aber für dieses Geben etwas zurückerwarte, ist das genausoviel "wert" wie selbstloses Geben?)
                Zu der Einstiegsfrage, wo Geben und Nehmen eigentlich beginnt: Das sehe ich recht schlicht: Alles, was ich zum Nutzen anderer mit ihnen teile, ist ein Geben (und wenn es ein Lächeln, ein nettes Wort: also "Selbstverständlichkeiten" sind), und alles, was ich umgekehrt zu meinem Nutzen von ihnen empfange ist ein Nehmen. Wenn ich die bestimmte Kleinigkeiten nicht als Geben und Nehmen gelten lassen würde, hätte ich Schwierigkeiten, irgendwo eine Grenze zu ziehen.

                Die folgenden Fragen sind solche, auf die ich auch keine Antwort parat habe. Allerdings finde ich Vergleiche in diesem Bereich immer schwierig. In vielen Fällen ist die moralische Frage gar nicht von Belang, wenn es nämlich darum geht, dass einfach etwas getan (geholfen, gespendet....) wird. Ob es dem Geber leicht oder schwer fällt, seine Zeit, Kraft und/oder Güter zu teilen, ist für die Hilfsleistung selbst oft nicht entscheidend.

                Wenn ich den Eindruck habe, geben sei das, was von mir erwartet wird, dann werde ich jedenfalls recht schnell bockig. Oder auch beim Eindruck, dass jemand immer nur etwas von mir nimmt, aber nie etwas zurückgibt. Mit Zurückgeben meine ich nicht unbedingt einen "Ausgleich" irgendwelcher Art, mehr die Abwesenheit des Eindrucks, irgendwie ausgenutzt zu werden.
                Das kenne ich auch von mir, besonders das mit der Erwartungshaltung. Ich nehme sehr vieles als "Forderung von außen" wahr und fühle mich schnell für andere und ihre Bedürfnisse zuständig. Aber wenn von Seiten des anderen daraus eine klare Erwartungs- oder gar Anspruchshaltung erwächst, schalte ich schnell auf stur...

                Auch glaube ich, eher wenig von mir aus zu geben, also unaufgefordert. Vielleicht aus Faulheit, vielleicht aber auch mit dem Gefühl, als Gebende zu "aufdringlich" zu sein
                .

                Geben kann ja auch sehr aufdringlich sein, insbesondere wenn der Gebende das Geben für sich selbst "braucht" und sich daher mit seinem Gebebedürfnis anderen aufdrängt...

                Hallo Bedenkzeit,

                Zitat von Bedenkzeit Beitrag anzeigen
                Die Ansicht dass man bei mehr teilbarem Überschuss auch moralisch mehr geben müsste um vor sich selbst als "anständig" zu gelten hatte ich als Jugendlicher auch gehabt. Jetzt sehe ich das etwas großzügiger.
                Wenn ich mit Programmscripten im Job etwas erleichtern kann was für Andere umständlich und zeitaufwändig zu handhaben ist habe ich genauso Freunde daran. Aber wenn ich zwar eine Chance dazu sehe, jedoch selbst
                unter Zeitdruck oder Qualitätsverbesserungsdruck bin, verschiebe ich die Erwähnung solcher Ansätze.
                Das klingt pragmatisch und gut! Ich denke, es ist wichtig, immer zu "checken", welche Ressourcen einem selbst gerade zur Verfügung stehen (das musste ich mit der Zeit erst lernen, nicht gleich immer "ja" zu sagen).

                Danach musste ich passen weil ich als Außenstehender zu oft und zu viel hätte fragen müssen um eine wirkliche Hilfe zu sein.
                Auch das finde ich wichtig: manchmal ist man einfach kein geeigneter Helfer! Die Einschätzung ist da zwar immer ein Abwägen, denn wenn alle meinen, dass sie das, was gebraucht wird, vermutlich nicht gut genug beherrschen, tut es am Ende keiner. Aber das Erkennen der eigenen Grenzen (z.B. auch körperlicher Belastbarkeit) und der Verzicht auf das eigenen Einbringen, kann anderen unter Umständen das Leben auch erleichtern.

                Bei den Threads in diesem Forum schaue ich in der Übersicht auf die Kurzthemen und auf die Anzahl der Antworten. Wenn schon genügend (meist einfühlsame und gute) Reaktionen vorhanden sind gehe ich weiter wenn das Thema keine Überschneidungen zu meinen Erfahrungsbereichen hat und ich keine besonders intelligente nützliche Antwort geben könnte. Bei manchen Konflikten würden die alternativen Sofort-Eingebungen auch nicht der eigenen Überzeugung standhalten.
                Hinzu kommt auch bei mir der Zeitfaktor: Wenn ich abends nach dem Job nach Hause komme bin ich oft geschafft und versuche nicht mehr lange Texte und schon vorhandene Argumente zu überschauen. (Ich hoffe man kann mir das tolerieren)
                Ich denke, es geht vielen so, dass sie nach der Arbeit nur noch ein gewisses Maß an Energie zur Verfügung haben. Und es sollte jedem selbst überlassen bleiben, ob er oder sie sich dann noch in eine aufwendige Diskussion stürzt, sich eher an "Spiel-Fäden" beteiligt, einfach mitliest oder gar nicht hier vorbeischaut. Die Teilnahme hier ist schließlich freiwillig und sollte keinen Zusatzstress erzeugen...

                Nochmals vielen Dank für's Teilen Eurer Überlegungen! Habt noch einen schönen Sonntag!
                Eure Chaja

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                  #9
                  Zitat von Chaja Beitrag anzeigen
                  Ich nehme sehr vieles als "Forderung von außen" wahr und fühle mich schnell für andere und ihre Bedürfnisse zuständig. Aber wenn von Seiten des anderen daraus eine klare Erwartungs- oder gar Anspruchshaltung erwächst, schalte ich schnell auf stur...

                  Geben kann ja auch sehr aufdringlich sein, insbesondere wenn der Gebende das Geben für sich selbst "braucht" und sich daher mit seinem Gebebedürfnis anderen aufdrängt...
                  Liebe Chaja,

                  damit sprichst du mir aus dem Herzen, da ich mich ab und zu mit solchen Situationen konfrontiert sehe.

                  Wird mir gehäuftes ungebetenes Teilen von z.B. Erfahrungen, so möchte ich es mal bezeichnen, aufgedrückt, ohne dass ich um einen Rat gefragt oder gebeten habe, ziehe ich mich oft verstummend zurück.

                  Ich empfinde dieses Aufdrücken der Erfahrungen als Eindringen in meinen Lebensraum, als Einengung, als Bevormundung auch wenn es noch so gut gemeint zu sein scheint: "Ich will / wir wollen ja nur das Beste für dich." Oh, dies verursacht mir eine Gänsehaut!

                  "Wir wollen ja nur das Beste." Das Beste für mich oder für sie oder für beide?

                  Ein klares „Ich habe dich nicht um Rat gefragt, lass es also bitte sein“ oder „Ich habe andere Erfahrungen gemacht“ meinerseits geht mir sehr schwer über die Lippen und mein Rückzug oder mein Verweigern lässt in mir einen schalen Beigeschmack zurück, der mir zudem wichtige Energien raubt.

                  Wie geht ihr mit solchen Situationen um?

                  Kommentar


                    #10
                    Sie belasten mich nicht (mehr).
                    Zum einen Ohr rein, zum anderen raus.
                    Ich weiß, was ich will und was ich kann und was nicht. Danach richte ich mich.
                    Oft sind allerdings auch Meinungen dabei, die ich mir den Kopf gehen lasse und die hilfreich sind.
                    Insgesamt also problemlos.

                    Kommentar


                      #11
                      Das Internet-Sozialnetzwerkwort `Teilen´ gehört nicht zu meiner Sprachwelt.
                      Es wird nicht Spruch/Foto/Wissen veröffentlicht bzw. gezeigt, nein, es wird geteilt. Dieses Teilen suggeriert Gemeinschaft à la wir sind eine Gruppe, wir teilen, wir sind freigiebig. Alle für einen, einer für alle.

                      Für mich bedeutet teilen, jemandem etwas geben, dass er braucht. Im Sinne von Nächstenliebe, Solidarität und Bedürftigkeit. So verstandenes Teilen meint, etwas aus den Händen zu geben bzw. anzunehmen und hat mit Vertrauen zu tun. Ich teile und gebe nicht alles und nicht jedem, ebenso wie ich nicht alles annehme und nicht von jedem. Und dies führt zu dem Aspekt, dass Nehmen und Geben mit Stolz zusammenhängt. Stolz darauf sein, etwas geben zu können, aus Stolz die Annahme verweigern.

                      Und es gibt es das Teilen im Sinne von weitergeben. Ich teile insofern, als ich mein Wissen, meine Fähigkeit weitergebe. Cui bono? Bestenfalls zu dem des anderen und zu meinem. Dann habe ich meine Arbeit gut gemacht.

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                        #12
                        Zitat von Mistral1 Beitrag anzeigen
                        Das Internet-Sozialnetzwerkwort `Teilen´ gehört nicht zu meiner Sprachwelt.
                        Es wird nicht Spruch/Foto/Wissen veröffentlicht bzw. gezeigt, nein, es wird geteilt. Dieses Teilen suggeriert Gemeinschaft à la wir sind eine Gruppe, wir teilen, wir sind freigiebig. Alle für einen, einer für alle.
                        Mit den sozialen Netzwerken des Internets habe ich recht wenig zu tun. Also Facebook und Co. Dafür bin ich begeisterte Blog-Leserin, am liebsten von Bloggern, die ihren mehr oder weniger banalen Alltag mit der Welt "teilen."
                        In diesen Berichten werden dann manchmal auch wieder Dinge (mit)geteilt, beispielsweise Links zu Reportagen, anderen Blogs, gelesenen Büchern, etc.
                        Und da habe ich schon ganz viel "genommen."
                        Beispielsweise einfach "nur", das Leben der anderen kennenzulernen. Festzustellen, dass sich eigentlich alle mit irgendwelchen mehr oder weniger belanglosen Problemen herumschlagen, quasi die Versicherung, dass mein eigenes banales Leben völlig normal ist. Oder eben auch feststellen, dass andere genau die gleiche Probleme haben und vielleicht sogar herausfinden, wie sie damit umgehen. Auf ganz neue Ideen kommen.

                        Und so einfach ist das ja auch gar nicht oder nicht immer. Also das (Mit)Teilen dieses Lebens. Vor allem dann nicht, wenn man nicht anonym unterwegs ist.

                        Natürlich stellt sich da wieder die gleiche Frage, also die nach Geben und/oder Nehmen. Klar, die Blogger geben mir etwas. Aber sie würden es wohl nicht tun, würden sie nicht selbst auch etwas dafür bekommen. Vermutlich nicht unbedingt von mir, ich kommentiere zum Beispiel sehr selten, aber nun ja, mindestens einen Klick bekommen sie

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                          #13
                          Liebe Hilla, liebe Bonny, liebe Mistral, liebe hobbes,

                          ich möchte schon mal eine herzliches Dankeschön für Eure Beiträge hier lassen, auch wenn ich es erst morgen schaffen werde, inhaltlich darauf einzugehen.

                          Bis dahin liebe Grüße!
                          Chaja

                          Kommentar


                            #14
                            Ihr Lieben,

                            Zitat von Hilla123 Beitrag anzeigen
                            Wird mir gehäuftes ungebetenes Teilen von z.B. Erfahrungen, so möchte ich es mal bezeichnen, aufgedrückt, ohne dass ich um einen Rat gefragt oder gebeten habe, ziehe ich mich oft verstummend zurück.

                            Ich empfinde dieses Aufdrücken der Erfahrungen als Eindringen in meinen Lebensraum, als Einengung, als Bevormundung auch wenn es noch so gut gemeint zu sein scheint: "Ich will / wir wollen ja nur das Beste für dich." Oh, dies verursacht mir eine Gänsehaut!

                            "Wir wollen ja nur das Beste." Das Beste für mich oder für sie oder für beide?

                            Ein klares „Ich habe dich nicht um Rat gefragt, lass es also bitte sein“ oder „Ich habe andere Erfahrungen gemacht“ meinerseits geht mir sehr schwer über die Lippen und mein Rückzug oder mein Verweigern lässt in mir einen schalen Beigeschmack zurück, der mir zudem wichtige Energien raubt.

                            Wie geht ihr mit solchen Situationen um?
                            Liebe Hilla, mir geht es da ähnlich wie Bonny: Ratschläge, Empfehlungen, Meinungen und Erfahrungen anderer für mein Tun und Handeln empfinde ich gewöhnlich nicht als so zwingend, das sie mich belasten würden. Es sind dann eben einfach die Ansichten dieser konkreten Menschen dazu, und was ich damit anstelle, ob ich sie in meinen Umgang damit einfließen lasse oder nicht, ist etwas ganz anderes.

                            Diesen Abstand habe ich aber nur, wenn es mir gut geht. Wenn ich mich schlapp, zermürbt oder gestresst fühle, werde ich oft dünnhäutiger, nehme mir solche Dinge mehr zu Herzen. Manchmal erzeugt das Ärger, manchmal das Gefühl, alles falsch zu machen oder sonstwie nichts zu taugen... Aber das kenne ich inzwischen von mir, so dass ich wiederum versuche, die Gedanken, die aus diesen Überlastungsgefühlen heraus entstehen, nicht übermäßig ernst zu nehmen. Das gelingt natürlich nicht immer gleichermaßen gut...

                            Bei mir spielt auch eine große Rolle, WER so etwas sagt. Wenn irgendein flüchtiger Bekannter mit einem "Lösungsvorschlag" für mich aufwartet, hat der einfach einen anderen, niedrigeren Stellenwert, als wenn ein mir nahestehender Mensch sich zu dem selben Thema äußert. Ich denke, für die meisten Menschen werden Ratschläge, die von ihren Eltern ausgesprochen werden, einen besonderen Stellenwert behalten. Je nachdem, wie man im Erwachsenenalter zueinander steht, kann das auch schnell zu Konflikten führen...

                            Liebe Mistral,

                            Zitat von Mistral1 Beitrag anzeigen
                            Das Internet-Sozialnetzwerkwort `Teilen´ gehört nicht zu meiner Sprachwelt.
                            Es wird nicht Spruch/Foto/Wissen veröffentlicht bzw. gezeigt, nein, es wird geteilt. Dieses Teilen suggeriert Gemeinschaft à la wir sind eine Gruppe, wir teilen, wir sind freigiebig. Alle für einen, einer für alle.

                            Für mich bedeutet teilen, jemandem etwas geben, dass er braucht. Im Sinne von Nächstenliebe, Solidarität und Bedürftigkeit. So verstandenes Teilen meint, etwas aus den Händen zu geben bzw. anzunehmen und hat mit Vertrauen zu tun. Ich teile und gebe nicht alles und nicht jedem, ebenso wie ich nicht alles annehme und nicht von jedem. Und dies führt zu dem Aspekt, dass Nehmen und Geben mit Stolz zusammenhängt. Stolz darauf sein, etwas geben zu können, aus Stolz die Annahme verweigern.

                            Und es gibt es das Teilen im Sinne von weitergeben. Ich teile insofern, als ich mein Wissen, meine Fähigkeit weitergebe. Cui bono? Bestenfalls zu dem des anderen und zu meinem. Dann habe ich meine Arbeit gut gemacht.
                            Du bringst für mich die Unterschiede zwischen "virtuellem Teilen" und "konkretem Teilen" auf den Punkt! Ich verstehe auch Deine Zurückhaltung, wenn es darum geht, diese virtuellen Akte mit dem Wort "teilen" zu belegen. Es ist wirklich nicht dasselbe.

                            Dennoch sehe ich auch bei diesen virtuellen Akten des Gebens viele Aspekte des konkreten Teilens, wobei die unterschiedlich stark ausgeprägt sein können. Es ist sicherlich etwas anderes, wenn ein halbausgegorener Halbsatz getwittert wird oder ein wohlüberlegter Beitrag verfasst bzw. ein Foto sorgfältig ausgewählt, aufbereitet und dann in einem Forum wie diesem eingestellt wird. In der aufgewendeten Sorgfalt, der investierten Zeit und Mühe sehe ich viel Gemeinsamkeiten mit dem, was ich zur Unterscheidung "konkretes Teilen" genannt habe. Wie siehst Du das?

                            Was die zugehörige Gegenseite zum Geben, das Nehmen, betrifft, sehe ich in den virtuellen Räumen doch größere Unterschiede zur nicht-virtuellen Situation: ich denke, das Nehmen ist "ungefilterter", weil man sich gegen vieles "in den Raum Gestellte" nur schützen kann, indem man den Raum gar nicht erst betritt. Der Konsum-Aspekt ist aber auch größer, weil vieles an viele gerichtet wird und viele einfach "nehmen" können, ohne dadurch in eine spezielle Beziehung zum "Geber" eintreten zu müssen.

                            Liebe Hobbes, Du hast von Blogs geschrieben, wo Du bereits einiges "genommen" hast. Mir erscheint diese "stille" Art des Nehmens ähnlich der, mit der ich etwas aus einem Buch nehme. So ziehe ich auch viele Sach-Informationen aus dem Internet, nur dass eine biographische Thematik das Gefühl vermittelt, "näher" an einem Menschen dran zu sein. Oder?

                            Noch etwas anderes: Vorgestern war bei uns eine Martinsfeier in der Kirche mit anschließendem Martinsumzug, und nachdem ich dieses Thema mit St. Martin eingeleitet hatte, komme ich noch einmal darauf zurück: Ich fand es schön, dass zu diesem Anlass viele Familien aus dem Viertel kamen, darunter etliche Familien, die von Hause aus muslimisch sind. Sie nahmen vermutlich ihren Kindern zuliebe teil, weil diese in Kindergarten oder Grundschule Laternen gebastelt haben und sich mit ihren Freunden zum Laternenumzug verabredet hatten. Wenig einladend fand ich dagegen, dass auf dem ausgegebenen Liedblatt nur eines von vier Liedern, die gesungen wurde, abgedruckt war. Die anderen Lieder wurden als bekannt vorausgesetzt. Vermutlich war es nur eine "Unachtsamkeit", aber in diesem "Nicht-Teilen" von etwas, was durch gemeinsames Singen gemeinschaftsstiftend hätte sein könne, lag auch etwas Ausgrenzendes...

                            Viele liebe Grüße und eine gute Nacht!
                            Eure Chaja

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                              #15
                              Wenn man eine Familie und Kinder hat, teilt man irgendwie automatisch... was haben wir früher Second Hand gekauft und gleichzeitig ganze Säcke voller Kleidung wieder gespendet. - Heute machen wir das weniger, weil mein Sohn eine Kleidungsgröße hat, die man nicht unbedingt Second Hand kaufen kann und wenn die Klamotten aufgetragen sind, dann sind sie selbst für die Kleiderkammer zu gebraucht.

                              Erfahrungen teilt man auch automatisch in Foren, deswegen bin ich irgendwie ja auch da.

                              Ich teile Wissen und Erfahrung mit Freunden und hier im Forum.

                              Und ich teile mich für meine Familie, weniger gesund.

                              Condor2

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