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Denken, Lernen & Kreativität Wie funktioniert unser Gehirn? Wie kann ich besser lernen? Wie geht Photo-Reading? Wie finde ich neue Ideen? Um solche Fragen geht es hier.

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  #1  
Alt 03.08.2009, 10:43
Guter Geist
 
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Standard Willensfreiheit - Eine Illusion?

Die Ausgangsfrage etwas verkürzt formuliert heißt:
Unterliegt menschliches Verhalten einem freien Willen oder ist es determiniert. Das ist keine neue Frage, sondern sie reicht bis in die Anfänge des philosophischen Denkens zurück.

Dennoch hat die Frage nach dem freien oder unfreien Willen in jüngster Zeit eine außergewöhnliche Renaissance erfahren.
Auftrieb erhielt die aktuelle Debatte durch zahlreiche Neurowissenschaftler (insbesondere Singer und Roth), die mit Hilfe neu entwickelter CT´s und innovativer Methoden dem menschlichen Gehirn in bisher ungekannter Weise bei der Arbeit zuschauen konnten. Schlussfolgerung ihrer Untersuchungsergebnisse ist, das von unserem kognitiven System erzeugte „freie Wille „ eine Illusion ist und dass einzig was uns bestimmt das „neuronale Geschehen“ innerhalb unseres Gehirns ist. Zugespitzt bedeutet das: ,,Wir tun nicht, was wir wollen, sondern wir wollen, was wir tun."
So weit so gut. Warum aber so viel Wirbel in der Öffentlichkeit um dieses Thema in den letzten Jahren?
Warum fühlten sich so viele Philosophen, Juristen und Theologen von den Neurowissenschaftlern
dermaßen herausgefordert , dass eine teilweise hitzige Diskussion entstand?
Die Antwort besteht m. E. darin, dass die Thesen der Neurowissenschaftler an unserem Selbstbild zu rütteln scheinen. Und sie tun dies nicht * wie in den Jahrhunderten davor * durch Spekulation oder Gedankenakrobatik, sondern durch wissenschaftliches Arbeiten.
Christian Geyer von der FAZ hat es einmal so formuliert:,,Der Stachel sitzt tief, den Hirnforscher in unsere Kopfhaut getrieben haben."
Ich denke, unser bisheriges Menschenbild wird durch diese Erkenntnisse in wichtigen Teilen bedroht.
Aber das ist nichts neues, schließlich war die Erde gedanklich auch schon mal eine Scheibe.
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  #2  
Alt 03.08.2009, 15:18
Benutzerbild von Freundin der Weisheit
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Lieber Hubert,

ein spannendes Thema, das Du hier beginnst.


Ich habe nur einen Einwand gegen die Interpretation der mit bildgebenden Verfahren gewonnen Ergebnisse. Bitte sehe es mir nach, daß ich die vielleicht nicht mehr genau im Gedächtnis habe und korrigiere mich gegebenenfalls.

Soweit ich mich erinnere gab es eine Studie in der die Probanden die Aufgabe hatten, sich zu entscheiden eine Figur entweder zu greifen oder sie nicht zu greifen. Oder sich umzuentscheiden, also erst zu entscheiden, daß sie die Figur greifen, und es dann doch nicht umzusetzen.

Bevor es der Person bewußt wurde, daß sie eine Entscheidung getroffen hatte, waren schon die Hirnareale aktiv, die für die Ausführung der Bewegung benötigt werden. Interessanterweise war dann ein anderes Areal für die Hemmung dieser schon vorbereiteten Bewegung nötig.

Daraus würde ich aber eben nicht schließen, daß es keinen freien Willen gibt, sondern daß es vorbereitende Prozesse gibt und die erst nach einer gewissen Zeit ins Bewußtsein dringen.

Ich hoffe, daß das einigermaßen verständlich war.


Ob es einen freien Willen gibt und wodurch er eingeschränkt wird hat ja nicht nur philosophische Aspekte (deren sich einige Hirnforscher leider relativ wenig bewußt sind, weil sie sich nicht intensiv mit Philosophie befaßt haben, sondern natürlich in erster Linie mit ihrem eigenen Fachgebiet), sondern auch viele praktische. Unser heutiges Recht basiert auf der Vorstellung, daß es einen freien Willen gibt, und auch im Gesundheitswesen spielt das eine Rolle. Für die Bestrafung oder Behandlung von Menschen, die normabweichendes Verhalten zeigen, haben diese Annahmen große Konsequenzen. Religiös gesehen dürfte es auch einen Unterschied machen, ob sich jemand bewußt entscheidet zu sündigen, also gegen religiöse Verbote zu verstoßen, oder nicht.

Die Aufgeregtheit der Debatte verstehe ich allerdings nicht so ganz.

Viele Grüße von der Freundin der Weisheit
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  #3  
Alt 03.08.2009, 16:46
Guter Geist
 
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Zitat:
Zitat von Freundin der Weisheit Beitrag anzeigen
mich gegebenenfalls.

Soweit ich mich erinnere gab es eine Studie in der die Probanden die Aufgabe hatten, sich zu entscheiden eine Figur entweder zu greifen oder sie nicht zu greifen. Oder sich umzuentscheiden, also erst zu entscheiden, daß sie die Figur greifen, und es dann doch nicht umzusetzen.

Bevor es der Person bewußt wurde, daß sie eine Entscheidung getroffen hatte, waren schon die Hirnareale aktiv, die für die Ausführung der Bewegung benötigt werden. Interessanterweise war dann ein anderes Areal für die Hemmung dieser schon vorbereiteten Bewegung nötig.

Daraus würde ich aber eben nicht schließen, daß es keinen freien Willen gibt, sondern daß es vorbereitende Prozesse gibt und die erst nach einer gewissen Zeit ins Bewußtsein dringen.
Ja, so habe ich es auch in Erinnerung. Bei den Verfahren konnte man bereits einige Sekunden vorher sagen, wie der betreffende sich entscheiden wird.

Für mich legt das die Vermutung nahe dass unser unbewusstes Erfahrungsgedächtnis unser Handeln stärker bestimme als das bewusste Ich.
Letzteres verbinde ich allerdings sehr stark mit dem Begriff des freien Willens.
Ich bin nicht der Auffassung das es generell keinen freien Willen gibt, sondern dass wir die bisherigen Vorstellungen davon revidieren müssen.

Die Gedankengänge von Freud treten wieder vermehrt in den Vordergrund.

„Das Unbewusste kontrolliert das Bewusstsein stärker als umgekehrt.“
„Das Unbewusste oder ,Es‘ entsteht vor dem Bewusstsein; es legt sehr früh die Grundstrukturen des Psychischen und des bewussten Erlebens, des ,Ich‘ fest.“
„Das Ich hat keine oder nur geringe Einsicht in die unbewussten Determinanten des Erlebens und Handelns.“
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  #4  
Alt 03.08.2009, 16:50
Guter Geist
 
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Zitat:
Zitat von Freundin der Weisheit Beitrag anzeigen


Ob es einen freien Willen gibt und wodurch er eingeschränkt wird hat ja nicht nur philosophische Aspekte (deren sich einige Hirnforscher leider relativ wenig bewußt sind, weil sie sich nicht intensiv mit Philosophie befaßt haben, sondern natürlich in erster Linie mit ihrem eigenen Fachgebiet), sondern auch viele praktische. Unser heutiges Recht basiert auf der Vorstellung, daß es einen freien Willen gibt, und auch im Gesundheitswesen spielt das eine Rolle. Für die Bestrafung oder Behandlung von Menschen, die normabweichendes Verhalten zeigen, haben diese Annahmen große Konsequenzen. Religiös gesehen dürfte es auch einen Unterschied machen, ob sich jemand bewußt entscheidet zu sündigen, also gegen religiöse Verbote zu verstoßen, oder nicht.

Die Aufgeregtheit der Debatte verstehe ich allerdings nicht so ganz.
Die Aufgeregtheit der Debatte ergibt sich m. E. aus genau den von Dir genannten Aspekten.
Wir wären für unser Handeln nur noch eingeschränkt verwantwortlich, was natürlich ein völlig anderes Rollenverständnis evozieren würde.
Das wäre meiner Ansicht nach so revolutionierend wie damals die Erkenntnis, dass die Erde nicht der Mittelpunkt von allem ist.
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  #5  
Alt 03.08.2009, 17:20
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Lieber Hubert,

sind wir nicht auch jetzt schon nur eingeschränkt verantwortlich?

Ich bleibe mal beim rechtlichen Kontext:

Ich halte diese Einschränkungen für sinnvoll und zivilisiert. Trotzdem bleibt die Grenzziehung manchmal schwer.

Es gibt in der Rechtssprechung Ausnahmen für Kinder, geistig oder psychisch (zum Tatzeitpunkt oder dauerhaft) beeinträchtigte Personen. Auch der psychisch-hormonelle Ausnahmezustand nach Geburt eines Kindes kann strafmildernd wirken, falls die Mutter dem Neugeborenen etwas antut.

Alkoholeinfluß wird nur dann mildernd angerechnet, wenn man sich nicht bewußt betrunken hat, um sich Mut für die Tat anzutrinken. Soweit ich weiß kann letzteres strafverschärfend wirken.

Eine schwere Kindheit scheinen viele Täter und Täterinnen erlebt zu haben, aber es gibt Mneschen mit genauso traumatisierenden Erfahrungen, die nicht kriminell werden.

Und da beginnt es für mich spnnend zu werden: Wie flexibel sind wir wirklich?

Liebe Grüße,

Freundin der Weisheit


P.S.: In vielen Gesellschaften schützte die angebliche Besessenheit durch einen Dämon (der die Willensfreiheit sicherlich aufhob) nicht vor Strafe.
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  #6  
Alt 03.08.2009, 17:41
Guter Geist
 
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Ja sicherlich sind wir nur eingeschränkt verantwortlich, zumindest in manchen Bereichen.
Die Eröffnung bzw. Wiederbelebung eines Fadens mit dem Inhalt wurde ja von Zebra nicht zuletzt deswegen gewünscht (vermute ich mal), weil hier im Forum immer wieder davon ausgegangen wird, jeder erschaffe sich seine eigene Welt und sei für sein Denken und Tun voll verantwortlich. Mit anderen Worten:
Jeder ist seines Glückes Schmied. Das das nicht uneingeschränkt so sein kann, ist, glaube ich, aber klar.

Wenn wir aber nicht wie Freud schon mal anmerkte immer und überhall "Herr im eigenen Haus" sind, müssen wir anfangen zu relativieren.

In wiefern Bioagrafien mit einem anscheinend oder vielleicht nur scheinbar gleichem Hintergrund unterschiedlich verlaufen, ist in der Tat spannend.
Und wie felxibel wir dabei sind, da versucht ja gerade die Hirnforschung ein Stück weit Antworten zu finden.
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  #7  
Alt 03.08.2009, 21:48
Zebra
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hallo hubert,

vielen dank, dass du den faden aufgemacht hast!

du hast richtig vermutet, mir ging es ganz genau um das:

Zitat:
Zitat von Hubert1 Beitrag anzeigen
J
Die Eröffnung bzw. Wiederbelebung eines Fadens mit dem Inhalt wurde ja von Zebra nicht zuletzt deswegen gewünscht (vermute ich mal), weil hier im Forum immer wieder davon ausgegangen wird, jeder erschaffe sich seine eigene Welt und sei für sein Denken und Tun voll verantwortlich. Mit anderen Worten:
Jeder ist seines Glückes Schmied.
ich hatte weniger so fundamentale dinge wie rechtsprechung und schuldfähigkeit im sinne.

ich wundere mich vielmehr angesichts einer blühenden vielzahl von, ich nenne es mal "lebenshilfestrategien" und -theorien, die auf genau diesen oder ähnlichen annahmen beruhen:

wir erschaffen uns unsere wirklichkeit selbst.
wir können uns jederzeit frei entscheiden.

was mich dabei so stört, ist das diese annahmen oft einfach als grundlage herangezogen werden, ohne sie jemals in frage zu stellen!

ein beispiel: bücher wie das "lolaprinzip", ich weiss nicht ob es jemand kennt.

ich persönlich glaube, dass wir sehr wohl handlungsspielräume haben und diese oft auch unterschätzen - aber das wir eben auch ganz gewaltig unseren eigenen grenzen von prägung, erziehung, sozialisation, kultur, religion usw. unterworfen sind, vielleicht mehr als wir das wahrhaben wollen.
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  #8  
Alt 03.08.2009, 22:38
Zebra
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Die höchst spannende Frage lautet daher: Wo ist die Grenze? Was kann ich beeinflussen, undwas muss ich als Grenze akzeptieren?
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  #9  
Alt 03.08.2009, 23:21
Benutzerbild von ralf.senftleben
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Hubert, das ist ja eine spannende Diskussion.

Ja, jeder der versucht hat, mal mit dem Rauchen, Trinken, ungesundem Essen aufzuhören, der weiß, dass unser freier Willen so frei nicht ist Unser Verstand ist nicht der Herr im Haus. Auf der anderen Seite sind wir ja auch nicht nur unser Verstand.

Ich habe das Gefühl, das freier Wille immer mit Ratio / Verstand gleichgesetzt wird. Auch das ist eine Vorannahme, der ich nicht unbedingt folgen würde. Denn unsere unbewussten Anteile haben ja auch eine Agenda und auch das ist für mich Teil unseres Willens. Aber das ist vielleicht noch mal eine andere Diskussion.

Ich sehe die Sache so: Menschen handeln nicht logisch, sondern zu 99% automatisch. Und dieses automatische Verhalten, ist enstanden aus dem Mischmasch unserer Gene, unserer Prägungen, Erziehung, Kultur und unserem Umfeld usw. Dazu kommen noch Faktoren, wie Körperchemie, äußere Einflüsse , Biorythmus, Mondphasen, Erdstrahlen und und und

Seit der Aufklärung haben wir den Anspruch, rational zu denken und zu handeln. Und das schafft einen Widerspruch in uns Menschen, mit dem wir uns schwer tun. Und die Diskussion ausgehend von der Hirnforschung hat diesem Widerspruch neues Feuer gegeben.

Aber mal ehrlich, dass Menschen keine rationalen Entscheidungen treffen, das kann man doch jeden Tag überall beobachten, dazu brauche ich keine Neurowissenschaftler. Der Homo Oeconomicus ist eine Erfindung, es gab ihn noch nie.

Insofern haben wir wohl meistens keinen freien Willen, wenn man davon ausgeht, das freier Wille bedeutet, dass wir uns rational entscheiden können, was wir tun.

Aber obwohl wir alle un-logisch handeln und denken, haben wir doch unsere wachen, bewussten und klaren Momente, auch wenn diese selten sind.

Und für mich ist Persönlichkeitsentwicklung unsere "Un-Logik" zu akzeptieren und unsere wachen Momente zu vermehren. Denn dann können wir diese wachen Momente nutzen, um unser automatisches Verhalten zu erkennen, umzutrainieren und vielleicht sogar zu "transzendieren".

Und dann können wir auch einfacher das ausüben, was die meisten unter freiem Willen verstehen.

Und dadurch vielleicht mehr Kontrolle über unser Leben gewinnen.

PS Ein schönes Buch zu diesem Themenkomplex ist "Denken hilft zwar, aber es nutzt nichts" von Dan Ariely. Oder auch "59 Seconds" von Richard Wiseman.
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  #10  
Alt 03.08.2009, 23:51
Zebra
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Hallo Ralf,

toll dass du bei diesem Thema mitmachst!

Ich finde deine Gedanken zum Thema spannend und auch recht nachvollziehbar.
Wäre eigentlich eine ganz tolle Idee, diese Ausführungen auch ausserhalb vom Forum, also mal auf der ZZL-Startseite zu posten. Ich finde bei all den schönen Tips zur "Selbstoptimierung" kommt dieser Aspekt nämlich oft zu kurz (das meine ich ganz allgemein, aber u.a. eben auch auf ZZL bezogen).- Ausser natürlich, einen solchen Artikel gibt es schon

Mir war zB. gar nicht klar dass du so denkst, ich hätte von dir eher ein Posting in Richtung "(Fast) Alles ist möglich" erwartet

Bin von daher positiv überrascht.

Freue mich total, dass diese Diskussion entstanden ist.


Was haltet ihr beispielsweise von dem oft zitierten "Loslassen"...? Können wir das denn einfach so?

Liebe nachdenkliche Grüße,
Zebra
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